Nach zehn Minuten und fünfundvierzig Sekunden buht die ganze Welt. Es ist Dienstagabend, die Schweiz verfolgt das Achtelfinalspiel ihrer Nati gegen Kolumbien. Ein Land im Fussballfieber. Stolz auf die eigenen Kicker. Nur in jenem Moment, in der elften Spielminute, als Fifa-Präsident Gianni Infantino (56) auf dem Bildschirm zu sehen ist und die Partie in Vancouver live mitverfolgt, kippt die Stimmung in den Public Viewings vom Genfer- bis zum Bodensee. Infantino wird im Verlauf des Spiels noch einmal eingeblendet – und wieder folgt dieselbe Reaktion.
Die Schweiz und ihr berühmtester Bürger – ist das eine schwierige Beziehung? Ein Hadern? Oder zuweilen gar Hass? Giovanni Vincenzo Infantino, geboren am 23. März 1970 in Brig im Oberwallis als Sohn einer italienischstämmigen Einwandererfamilie, ist vielleicht der erfolgreichste, mit Sicherheit aber der derzeit schillerndste Export Helvetiens. Seit zehn Jahren regiert er als Fifa-Präsident über die Fussballwelt. Und seit zehn Jahren ringen Fans mit dem Mann, der gleich nach Amtsantritt die Zügel in die Hand nahm und den Weltverband mit seinen 211 Mitgliedsverbänden auf strikte Profitmaximierung trimmte.
«Trump und ich sind regelmässig in Kontakt»
Das ist – was auch immer man vom gross gewachsenen Spitzenfunktionär hält – eine beachtliche Leistung. Die Fliehkräfte in einem globalen Milliardenbusiness sind enorm; sie zusammenzuhalten, erfordert Energie und taktisches Geschick. Woher Infantino seinen Antrieb schöpft, bleibt rätselhaft. Im Land hat sich die küchenpsychologische Erzählung vom rothaarigen Einwandererkind durchgesetzt, das in der Schulzeit gehänselt wurde und sich nach seiner Metamorphose zum Übermenschen, zum Jongleur der Herrenmoral, an seiner Vergangenheit rächt. Es wäre eine Biografie wie die eines Bond-Bösewichts. Doch stimmt sie?
Auffällig ist seine relaxte Handhabe im Umgang mit allerlei Autokraten und Despoten. Das liegt einerseits in der Natur der Sache, zumal ein Weltverband – ähnlich wie die Uno – ein Spiegel der Welt ist, die mehrheitlich noch immer undemokratisch organisiert ist. Andererseits kippt Infantinos Habitus im Kreis der Alphatiere zuweilen in Anbiederung, ja in Selbstaufgabe. Als unrühmlich geht seine Verleihung eines «Friedenspreises» 2025 an Donald Trump (80) in die Geschichte ein. Mit der Geste traf der Schweizer den US-Präsidenten zwar instinktsicher am richtigen Nerv, zugleich sorgte sie aber für öffentlichen Spott und Hohn. Im Interview mit «Blue Sport» schwärmte Infantino vergangene Woche von Trump: «Er findet das Turnier super, wir sind regelmässig in Kontakt.» Trump ist zur Schlüsselfigur in Infantinos Entwicklung der letzten Jahre geworden. Der Mächtigste der Welt hofiert den Mächtigsten der Fussballwelt, der Herr über die grösste Volkswirtschaft empfängt den Herrn über die rentabelsten TV-Bilder der Geschichte.
Im Zollstreit brachte Infantinos Connection der Schweiz nichts
Kurioserweise fiel die Bromance in eine Phase, in der Trump mit seiner nationalistischen Zollpolitik Infantinos Heimatland zu drangsalieren versuchte. Hoffnungen in Bundesbern, der Fussballboss könnte im Weissen Haus etwas für die Schweiz ausrichten, zerschlugen sich. Dass Infantino zeitweise mit der Schweiz gebrochen hatte, bestätigten gegenüber dem Blick ehemalige Berater: Nach den ersten kritischen Medienberichten habe er nie mehr etwas mit der Schweiz und ihrer Öffentlichkeit zu tun haben wollen. Parallel dazu begann Infantino, Bereiche der Fifa schrittweise vom Zürcher Hauptsitz abzuziehen. Die Juristen sitzen heute in Miami (USA), Teile der Verwaltung in Paris. Nur das liberale Steuer- und Arbeitsrecht hält dem Vernehmen nach den Weltverband noch von einem vollständigen Wegzug aus der Schweiz ab. Er selbst verlagerte den Lebensmittelpunkt mit seiner Familie zeitweise nach Katar.
Infantinos Tango mit dem trüben Weltgeist ist derweil nicht frei von Risiken. Donald Trump, der für manche Beobachter die Kriterien eines malignen Narzissten erfüllt, besitzt das Potenzial, sein Umfeld mit in den Abgrund zu reissen. Viele Lichtgestalten, die ihm zu nahe kamen, sind abgestürzt. Infantino blieb davon bislang verschont. Doch kam es jüngst zu einem Vorfall mit Wendepunkt-Charakter: Nach einer Roten Karte gegen den US-Stürmer Folarin Balogun (25) im WM-Spiel gegen Bosnien-Herzegowina intervenierte Trump persönlich bei Infantino. Die Fifa hob daraufhin die Sperre gegen den Spieler wieder auf.
Er setzt auf Stimmen aus Afrika, Asien und Lateinamerika
Der Weltverband bestreitet zwar eine Kausalität – die Disziplinarkommission habe eigenständig entschieden. Doch geriet das Manöver zum Tabubruch. Man erinnert sich an die systematischen Dopingfälle im Radsport oder an die «Crashgate»-Affäre von 2008 in der Formel 1, als Renault-Teamchef Flavio Briatore (76) seinen Fahrer anwies, absichtlich einen Unfall zu verursachen, um dem Teamkollegen den Sieg zu ermöglichen. Es sind solche Eingriffe, die das Vertrauen in einen Sport dauerhaft erschüttern können.
Der Fall Balogun provozierte eine geharnischte Reaktion der Uefa und rückte einen anderen Konflikt ins Rampenlicht: Infantinos Feindschaft mit dem europäischen Verband – und insbesondere mit Uefa-Präsident Aleksander Čeferin (58). Der frühere Uefa-Generalsekretär Infantino hat nach seinem Wechsel zur Fifa die Führungsebene aufgeräumt und mit loyalen Vertrauten aus seinem früheren Umfeld besetzt. Die Uefa, Infantinos einstige Arbeitgeberin, wurde zu seiner Gegenspielerin.
Könnte der Fall Balogun seine Wiederwahl 2027 kosten, wie manche Beobachter vermuten? Wohl kaum. Denn auch im Sport gilt: Die öffentliche Meinung ist nicht identisch mit der veröffentlichten Meinung. Infantino führt die Strategie seines Vorgängers Sepp Blatter (90) konsequent weiter. Wie der Oberwalliser setzt er auf die Stimmen Afrikas, Asiens, der Karibik und grosser Teile Lateinamerikas. Mit höheren Entwicklungsgeldern und einem ausgeweiteten WM-Modus verschaffte er vielen kleineren Fussballnationen mehr Einfluss und mehr Geld.
Es gibt auch Lob für Infantino
Gerade sein Expansionskurs in Afrika sorgt jedoch für Kritik. 2021 verhalf Infantino seinem früheren Studienkollegen an der Universität Freiburg, Véron Mosengo-Omba (56), zum Generalsekretärposten beim afrikanischen Kontinentalverband CAF. Mosengo-Omba setzte dort weitgehend jene Strategie um, die Infantino bereits bei der Fifa verfolgt hatte: Er räumte die Verwaltung um und besetzte Schlüsselpositionen mit loyalen Gefolgsleuten. Moral ist Mittel, nicht Zweck, fand der Florentiner Renaissance-Philosoph Niccolò Machiavelli.
Die nächste Weltmeisterschaft findet in Marokko statt – auf afrikanischem Boden, wo König Mohammed VI. zu einem der wichtigsten Unterstützer des Schweizers avanciert ist. Supporter gibt es, entgegen dem öffentlichen Eindruck, auch hierzulande. Ein Vertreter der Zürcher Politik ist gegenüber Blick voll des Lobes für Infantino. Dieser setze sich für eine Verbreiterung des Fussballs ein; seine Mission bestehe darin, den Sport weiter über seine west- und mitteleuropäischen Wurzeln hinauszutragen – so, wie einst Sepp Blatter mit der WM 2010 in Südafrika vorgespurt hatte. Dass Infantino den Hauptsitz der Fifa trotz der desinteressierten rot-grünen Zürcher Stadtregierung in der Schweiz belasse, sei vielmehr ein Treuebeweis.
Er beherrscht den Basar der geopolitischen Interessen
Im Nahen Osten wiederum taktiert er geschickt zwischen den rivalisierenden Monarchien. Bis heute hält sich hartnäckig die These, Infantino habe bereits als Uefa-Funktionär massgeblich dazu beigetragen, die WM 2022 nach Katar zu vergeben. Dem regionalen Rivalen Saudi-Arabien missfiel dies – und nun findet die WM 2034 im Königreich der Wahhabiten statt. Infantino, dessen Mutter am Bahnhof Brig den Kiosk Perron 1 betrieb, beherrscht den Basar der geopolitischen Interessen meisterhaft. Die Kehrseite des Genies allerdings ist das Misstrauen. Kaum ein anderer Sportfunktionär gibt Anlass zu so vielen Gerüchten, Spekulationen und Verschwörungserzählungen.
Ein Kulminationspunkt dieser Wachablösung war die Affäre um die Zahlung von zwei Millionen Franken der Fifa an den damaligen Uefa-Präsidenten Michel Platini (71). Die Bundesanwaltschaft stiess nach der Sicherstellung elektronischer Daten rasch auf die umstrittene Zahlung. Bis heute ist ungeklärt, wer die Ermittler auf diese Spur brachte. Juristisch wurden Blatter und Platini später freigesprochen. Politisch jedoch bedeutete der Fall das Ende ihrer Karrieren an der Spitze des Weltfussballs.
Die Milliarden fliessen – und festigen die Macht
Profitiert hat davon ein gewisser Gianni Infantino. Der damalige Uefa-Generalsekretär besass einen entscheidenden Vorteil: Er wurde unterschätzt. «Den hatte niemand auf der Rechnung», erinnert sich ein ehemaliger Fifa-Mitarbeiter. Sepp Blatter ging davon aus, dass der Oberwalliser aus der Nachbarstadt den bisherigen Kurs fortführen würde. Auch die ersten Reaktionen der Schweizer Medien fielen wohlwollend aus. Journalist Thomas Renggli porträtierte den neuen Präsidenten 2016 in der «Schweizer Illustrierten» als «Piccolo Gianni», der täglich seiner Mutter telefoniere. Wenig später erkaltete die Liebe zwischen dem Walliser und der Schweizer Öffentlichkeit. Infantino entzog der von Blatter eingesetzten Ethikkommission einen Teil ihrer Kompetenzen und baute die internen Kontrollmechanismen zurück – was Infantino bestreitet. Renggli steht Blatter nahe, ist heute kritisch und hat soeben ein Buch über die Fifa verfasst – «Fussball Mafia» soll im September erscheinen.
Hat Infantino seine Macht inzwischen überreizt? Der in London lebende französische Journalist Philippe Auclair beschreibt im Schweizer Fussballmagazin «Zwölf», wie der Fifa-Präsident seine Wiederwahl nach einem einfachen Prinzip absichert: Geld. Mit Rekordeinnahmen von 13 Milliarden Dollar im laufenden Vierjahreszyklus – fast achtmal so viel wie noch 2016 – hat die Fifa die Ausschüttungen an ihre Mitgliedsverbände massiv erhöht. Vor allem kleinere Verbände verdanken Infantino einen Geldsegen, der ihm ihre Loyalität sichert. Die Mehrheit für eine dritte Amtszeit 2027 in Rabat scheint ihm damit gesichert. Gleichzeitig erkennt Auclair erste Risse im System – nicht zuletzt wegen Infantinos demonstrativer Nähe zu Donald Trump.
Infantino dürfte also noch eine Weile auf dem Fussballthron sitzen – flankiert von grossen Namen des Sports. Mit seinem millionenschweren Legendenprogramm lässt er Altstars wie Ronaldo (49) zu Turnieren und Galaabenden einfliegen. Aus dem Migrantenkind ist ein Tycoon geworden. Ein Tycoon, der über Geld regiert – aber nicht über Herzen. Das Publikum wird wieder buhen – was ihn vielleicht gar nicht so beschäftigt.