Darum gehts
- Immer mehr Verhaltensregeln prägen den Alltag im öffentlichen Verkehr in der Schweiz
- SBB haben neuerdings sogar Verhaltensregeln für den Speisewagen
- SVP-Nationalrat Wyssmann beobachtet die Entwicklung kritisch
Es sind keine Gesetze oder Verordnungen. Und doch prägen sie unseren Alltag immer stärker: Verhaltensregeln. Sie definieren nicht, was in der Öffentlichkeit verboten ist, sondern was sich nicht gehört – und was offenbar nicht mehr selbstverständlich ist. Nirgends wird das so sichtbar wie im öffentlichen Verkehr.
In Zügen und Bussen hängen Schilder, die Selbstverständlichkeiten festhalten: leise telefonieren, den Speisewagen nicht als Büro missbrauchen, seinen Abfall entsorgen, keine Kochgeräte benutzen, Aussteigende zuerst passieren lassen, fremde Personen nicht fotografieren. Es sind Regeln, die zur Kinderstube gehören. Grundsätze von Anstand und Etikette, die man eigentlich voraussetzen würde.
Geht die Eigenverantwortung verloren?
Das wirft die Frage auf: Sind wir zu bequem geworden für Eigenverantwortung? Oder werden wir zunehmend bevormundet? Ein aktuelles Beispiel liefern die SBB: In ihren Speisewagen stehen neuerdings prominent Hinweisschilder auf den Tischen. Darauf wird etwa erklärt, dass ein Picknick im Restaurant nicht gestattet sei und dass Laptop-Sessions kurz zu halten seien, damit andere Gäste Platz finden.
Eigentlich alles logisch – doch offenbar nicht mehr für alle. Die SBB erklären auf Anfrage: «Anlass für die Schilder war die zunehmende Belegung von Tischen ohne Konsumation, etwa durch Picknicks oder längere Laptop-Nutzung, auch bei hoher Auslastung.»
Die Hinweise sollten deshalb «transparent über die bestehende Konsumationsregel informieren und damit für alle Gäste klare Orientierung bieten». Ziel sei ein faires und rücksichtsvolles Miteinander, sagt SBB-Sprecherin Sabrina Schellenberg: «Wir möchten möglichst allen die Gelegenheit bieten, sich im Speisewagen zu verpflegen.»
«Bitte verhalte dich richtig im Bus!»
Auch bei Postauto läuft eine Kampagne mit Verhaltensregeln. Unter anderem im Visier: laute Fahrgäste. «Danke, dass Sie Ihr Handy lautlos oder mit Kopfhörern nutzen und Ihre Gespräche so führen, dass Sie Ihre Mitreisenden nicht stören», steht auf Plakaten in Bussen. Weitere Hinweise betreffen das Freigeben von Sitzplätzen, das Unterlassen von Fussablagen auf Sitzen oder das «clevere Ein- und Aussteigen».
Die Liste lässt sich fast beliebig verlängern. Die Luzerner Verkehrsbetriebe bewerben ihre Verhaltensregeln derzeit mit dem Slogan: «Wir lieben dich – doch bitte verhalte dich richtig im Bus!» Bei Bernmobil existieren über 20 Verhaltensregeln – inklusive der Bitte, nicht in Bussen und Trams mit Alkohol «vorzuglühen». Auch hier wird ans Miteinander appelliert: «Zäme geits besser!»
Die Auto AG Uri ruft sogar explizit dazu auf, Getränke nur in abschliessbaren Bechern mitzubringen. Und die umfangreichen Verhaltensregeln der Freiburgischen Verkehrsbetriebe verbieten Ballspiele an Bahnhöfen ebenso explizit wie die Benutzung von Gaskochern oder ähnlichen Geräten.
«Es geht in Richtung betreutes Denken»
Wie gravierend die einzelnen Probleme wirklich sind, lässt sich kaum abschätzen. Klar ist: All die Regeln sollen dem konfliktarmen Zusammenleben dienen, wie es bei Verkehrsbetrieben unisono heisst. Der öffentliche Raum ist voller geworden, die Nerven scheinen schneller blank zu liegen, eine Minderheit hält sich nicht an die elementaren Anstandsregeln. Die Betriebe wollen Risiken minimieren, Beschwerden vermeiden und Klarheit schaffen.
Und doch erzeuge die schiere Präsenz solcher Hinweise häufig das Gegenteil, sagt SVP-Nationalrat und Anwalt Rémy Wyssmann (58). Er beobachtet die Entwicklung kritisch. «Je mehr geregelt wird, desto weniger traut man den Menschen zu. Und desto weniger fühlen sie sich selbst verantwortlich.»
Eigenverantwortung werde mit immer neuen Hinweisen und Verhaltensregeln keinesfalls gestärkt, sondern eher verdrängt. «Das ist Bevormundung und Gouvernantentum, es geht in Richtung betreutes Denken. Selbstverständlichkeiten werden in Regeln gegossen, obwohl gesunder Menschenverstand reichen würde oder ein direkter Hinweis auf Fehlverhalten.»
Wyssmann zieht einen Vergleich mit der strengen Erzieherfigur aus dem Klassiker «Heidi»: «Hier erzieht Fräulein Rottenmeier unser Land. Man will uns Schweizer nicht mehr selbst handeln lassen.» Das Problem beschränke sich im Übrigen nicht auf den öffentlichen Verkehr. «Auch im Auto gibt es immer mehr betreutes Fahren. Die Hersteller lassen es permanent blinken, piepsen und mahnen – als wäre man zu blöd, selbst zu merken, ob man müde ist oder den Gurt vergessen hat.»
Manche versuchen es mit Humor
Sind wir selbst schuld an der Regelwut? Weil wir Rücksicht verlernt haben? «Wegen Minderheiten, die sich daneben benehmen, werden alle überreglementiert», findet Wyssmann. Das Rezept dagegen? «Wer Eigenverantwortung lebt, braucht weniger Verbote und Gebote.»
Immerhin: Manche Betriebe versuchen, ihre Vorschriften mit Witz zu entschärfen. «Ihre Laptop-Session sollte so wie ein Espresso sein – kurz und kräftig», schreiben die SBB auf einem Speisewagen-Schild. Und in Bern heisst es augenzwinkernd: «Bitte nächstes Fahrzeug nehmen – damit das Tram oder der Bus nicht zur Ölsardine wird.» Der Humor mildert den Ton, nicht aber die wachsende Dichte an Verhaltensregeln.