Darum gehts
- Baugesuche dauern in der Schweiz länger als in Liechtenstein, teils Jahre
- Kanton Genf braucht im Schnitt 369 Tage, Uri nur 77 Tage
- Seit 2013 stieg Bearbeitungsdauer von 84 auf 140 Tage wegen Einsprachen
Andere Länder, andere Sitten. Wer in Liechtenstein ein Baugesuch einreicht, hat nach 42 Tagen eine Bewilligung (Medianwert). Ganz anders ist es auf der anderen Seite des Rheins, in der Schweiz. In St. Gallen dauert es ganze 90 Tage. Und damit geht es für Schweizer Verhältnisse sogar relativ rasch vorwärts. Dies zeigt der «Freiheitsindex» der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse. Er stützt sich auf Zahlen des Beratungsunternehmens Wüest Partner.
Die Hölle für Bauwillige ist der Kanton Genf. Unter einem Jahr ist im Schnitt nichts zu machen. Satte 369 Tage muss hier warten, wer bauen möchte. Das ist mit Abstand Schweizer Rekord. Allerdings widerspricht der Kanton der Erhebung: Man habe eine Bearbeitungsdauer von 78 Tagen, sagt der Kanton auf Anfrage. Andere Studien attestieren Genf allerdings ebenfalls lange Bearbeitungszeiten.
Am schnellsten ist der Kanton Uri mit 77 Tagen im Median. Fix geht es auch in Solothurn, Schaffhausen, Graubünden sowie in den Zentralschweizer Kantonen Nid- und Obwalden. Zu den Schlusslichtern gehören neben Genf auch Freiburg (227 Tage) sowie die beiden Basel, Neuenburg und das Wallis. Eine Studie der Zürcher Kantonalbank zeigte 2023: Innerhalb von zehn Jahren hat die Dauer für die Erledigung von Baugesuchen von 84 auf 140 Tage zugenommen. Ein Grund dafür: Einsprachen.
«Dringend benötigter Wohnraum fehlt»
Die Folge der längeren Wartefristen betrifft indirekt alle: Letztlich wird weniger rasch gebaut, die Wohnungsnot wird befördert. «Lange Verfahrensdauern oder wiederholte Verzögerungen im Baubewilligungsverfahren führen dazu, dass dringend benötigter Wohnraum nicht oder erst mit erheblicher zeitlicher Verzögerung auf den Markt kommt», sagt Matthias Engel vom Schweizerischen Baumeisterverband. «Trotz steigender Anzahl Baubewilligungsgesuche wird derzeit nicht mehr gebaut.»
Hauptgrund für die lange Dauer sind meistens Einsprachen. «In der Stadt Zürich wird beispielsweise gegen 70 Prozent der Baugesuche eine Einsprache gemacht», sagt Engel. Seit einem Bundesgerichtsentscheid 2011 können praktisch alle Einsprache machen, nicht nur direkt Betroffene. Auch Regulierungen, Ortsbildschutz und Denkmalschutz sorgten für Einsprachen und Verzögerungen.
«Die aktuellen Baugesetze und Verordnungen sind für das Bauen auf der grünen Wiese ausgelegt», sagt Engel. Wird im Bestand und verdichtet gebaut, wird es deutlich aufwendiger. Fehlende Digitalisierung oder zu wenig Personal in den Bauämtern kann ebenfalls zu längeren Dauern führen. «Ziel sollte eine maximale Dauer von 100 Tagen sein», so Engel.
Uri setzt auf digitale Plattform
Uri ist Spitzenreiter – die Gesuche werden am schnellsten bearbeitet. Wie schafft der Kanton das? Auf Anfrage nennt der Kanton klar festgelegte Verfahrensabläufe, kurze Erledigungsfristen und eine neue elektronische Plattform als Erfolgsfaktoren.
Die elektronische Eingabe verhindert lange Postwege. Zudem wird sichergestellt, dass alle nötigen Dokumente eingereicht werden. Gerade unvollständige Gesuche sorgten für Verzögerungen, heisst es aus Uri. Und nicht zuletzt wird das Gesuch auch gleich an weitere Behörden weitergeleitet, die ebenfalls zustimmen müssen. Liechtensteiner Verhältnisse erreicht Uri so zwar noch nicht, aber immerhin geht es fast doppelt so schnell wie im Schweizer Schnitt.
«Was Liechtenstein schafft, sollte theoretisch auch für die Schweizer Kantone möglich sein», sagt Lukas Rühli (46) von Avenir Suisse. Handeln will auch die Politik. Im Bundesparlament in Bern haben die Ständeräte Andrea Caroni (45, FDP) und Andrea Gmür (61, Mitte) Vorstösse auf den Weg gebracht, die die Einsprachemöglichkeiten einschränken könnten. Der Kreis der berechtigten Einsprecher soll kleiner werden, für missbräuchliche Einsprachen soll es Bussen geben. Definitiv entschieden ist allerdings noch nichts – auch Vorstösse in Bundesbern brauchen Zeit.