Darum gehts
- Céline Amaudruz pocht auf einen SVP-Bundesratssitz für die Romandie
- Hinter den Kulissen der FDP gibt es Vorbehalte gegenüber einer welschen SVP-Nachfolge
- Westschweizer Freisinnige schielen bereits auf eine mögliche Cassis-Nachfolge
Es gehört zur Strategie von Céline Amaudruz (47): Der frei werdende Bundesratssitz von Guy Parmelin (66) gehört in die Romandie! Auf dem Ticket der SVP brauche es «mindestens» eine Kandidatur aus der französischsprachigen Schweiz, forderte die Genfer Nationalrätin.
Auch Amaudruz' Kantonalpartei stellte klar, dass die Westschweiz auf dem Ticket vertreten sein müsse. Sonst drohten Konsequenzen. Ähnliche Stimmen werden aus weiteren Romandie-Sektionen laut. Davon aber zeigte sich die SVP-Spitze bisher unbeeindruckt. In der Partei sind die Vorbehalte gegen Amaudruz gross. Mit dem bernjurassischen Regierungsrat Pierre Alain Schnegg (63) steht unterdessen immerhin ein weiterer Romand zur Auswahl.
Allerdings erachten es zahlreiche SVP-Politiker auf dieser Seite des Röstigrabens so oder so nicht wirklich als zwingend, den Parmelin-Sitz erneut mit einem Romand zu besetzen. Ein Nationalrat sagt etwa: «Die lateinische Schweiz hat nicht automatisch drei Sitze zugut.»
Eigene Ambitionen gehen vor
Die Romandie-Frage strahlt über die SVP hinaus. Gerade bei der FDP haben viele wenig Interesse an einer SVP-Nachfolge aus der Westschweiz, hat Blick hinter den Kulissen erfahren. Das gilt ganz besonders für Freisinnige, die selber aus der Romandie stammen – vorab aus eigenen strategischen Interessen, ist aus dem Umfeld der Parteispitze zu hören.
Die Überlegung ist einfach: Behält die Romandie nun neben jenem von Elisabeth Baume-Schneider (62) einen zweiten Sitz im Bundesrat, könnte dies eigene Ambitionen erschweren. Immerhin gehen viele im Bundeshaus davon aus, dass FDP-Aussenminister Ignazio Cassis (65) bei den nächsten Gesamterneuerungswahlen 2027 nicht mehr antreten wird.
Westschweizer FDP als Machtfaktor
Schon heute liebäugelt der Freisinn damit, den dann frei werdenden Sitz selber wieder mit einer Romandie-Vertretung zu besetzen. Nicht ohne Gründe: In der Westschweiz ist der Freisinn noch immer stark verankert, teilweise ist er noch fast eine Volkspartei. Bei den Nationalratswahlen 2023 erreichte die FDP in der Waadt einen Wähleranteil von 22,4 Prozent, in Neuenburg 21 Prozent, in Genf 15,7 Prozent und im Wallis 14,7 Prozent – deutlich mehr als im landesweiten Durchschnitt mit 14,3 Prozent.
Die Westschweizer FDP als Machtfaktor, das gilt es auch in der Mutterpartei zu berücksichtigen. Gerade mit Blick auf die Wahlen 2027 könnte eine breite Kandidatendebatte um die Cassis-Nachfolge für Schub sorgen. Bereits jetzt kursieren die Namen möglicher Anwärter. So könnte die heutige Waadtländer Staatsrätin und Ex-Nationalrätin Isabelle Moret (55) einen zweiten Anlauf wagen, nachdem sie 2017 noch Cassis unterlag.
Auch die Genfer Staatsrätinnen Anne Hiltpold (53) und Nathalie Fontanet (61) oder die Nationalräte Olivier Feller (52, VD), Philippe Nantermod (42, VD) und Nationalrätin Simone de Montmollin (58, GE) sind eine Option. Fraktionschef Damien Cottier (51, NE) werden ebenfalls Ambitionen nachgesagt.
Setzt die SVP weiterhin auf eine Romandie-Vertretung, steigt die Hürde bei der Cassis-Nachfolge für welsche Kandidierende. Dass gleich drei Romands in der Landesregierung sitzen, ist dann doch die Ausnahme. Doch es kommt vor – zuletzt 2023 mit Parmelin sowie dem Freiburger Alain Berset (54, SP) und der Jurassierin Elisabeth Baume-Schneider (62, SP).
Regionale Reibereien liessen sich vermeiden
Undenkbar ist das Szenario also nicht. Nichtsdestotrotz dürfte bei der Cassis-Nachfolge der Tessiner Anspruch doch stärker aufploppen, als es sonst zu erwarten wäre – etwa mit Nationalrat Alex Farinelli (45) oder Staatsrat Christian Vitta (53) als potenzielle Herausforderer gegen welsche Ansprüche.
Solche regionalen Streitigkeiten liessen sich vermeiden, wenn die SVP den Romandie-Sitz abgibt. Da wäre der welsche Anspruch beim Cassis-Abgang wohl weitgehend unbestritten. Dies umso mehr, als die Westschweizer Freisinnigen seit Gründung des Bundesstaats fast durchgehend mindestens einen Sitz in der Landesregierung besetzt hatten. Zuletzt mit dem Neuenburger Didier Burkhalter (66), der 2017 zurücktrat. Nach bald zehn Jahren wollen sie nun zurück an die Spitze der Macht.