Der grosse Kandidaten-Check
Acht Namen – doch wer taugt wirklich für den Bundesrat?

Von Aeschi bis Wyssmann: Für die Nachfolge von Guy Parmelin melden sich gleich acht SVP-Mitglieder. Wo liegen ihre Stärken? Wo fallen sie ab? Blick stellt die Zeugnisse aus.
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Thomas Aeschi (l.) wurde zwar nominiert, aber zögert noch. Céline Amaudruz und Michael Graber steigen jedoch definitiv ins Rennen um die Nachfolge von Guy Parmelin.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

  • Acht SVP-Mitglieder melden sich für Parmelins Nachfolge
  • Chiesa punktet mit Tessiner Charme und Netzwerk, Gallati mit viel Aargauer Regierungserfahrung
  • Zwar sind alle Kandidierenden genügend – besitzen jedoch ihre Schwächen
Joschka Schaffner Ringier
Joschka SchaffnerRedaktor Politik

Thomas Aeschi (47, ZG)

Foto: Philippe Rossier

Regierungstauglichkeit

Der SVP-Nationalrat versteht die Mechaniken in Bern wie wenige andere. Dies auch, weil er die grösste Fraktion – sehr straff – führt. Exekutiverfahrung ist beim Zuger jedoch Fehlanzeige. Und im Auftritt wirkt er blass. Eher Parteisoldat klassischer Art als staatstragender Magistrat, also.

Nur in einem Punkt, der ihn bis heute negativ verfolgt, tanzte Aeschi aus der Reihe: Im Juni 2024 leistete er sich im Bundeshaus ein Handgemenge mit Sicherheitsleuten. Souverän ist anders. Auch sein Zögern bei der Kandidatur – offiziell hat er sich ja noch nicht entschieden – wirkt schwach.

Note 4,5

Leistungsausweis

Kompetent ist Aeschi, besonders in Bezug aufs Wirtschaftsdepartement: Der Ökonom mit HSG-Abschluss und Harvard-Master arbeitete bei den grossen Namen und ist mittlerweile selbständiger Unternehmensberater.

Note 5

Gmögigkeitsfaktor

Verkrampft, farblos, starr – Aeschis Auftreten wirkt nicht gmögig. In den letzten Tagen sei er umgänglicher geworden, erzählen Parlamentarier aus dem Bundeshaus. Ein klassisches Zeichen für eine sich anbahnende Bundesratskandidatur.

Note 4

Durchsetzungsfähigkeit

Gilt als beharrlich, aber auch als Kontrollfreak. Sagt klar, was er will. Soll in Dossiers auch einen Hang zum Detail haben – was sich in unangenehmen Fragen fürs Gegenüber ausdrückt.

Note 5

Herkunft und Alter

Ein Riesennachteil: Mit Martin Pfister (63, Mitte) zog erst letztes Jahr ein Zuger in den Bundesrat ein. Das kann als Killerkriterium aufgebaut werden.

Note 4

Machtnetz

In den Wirtschaftsverbänden ist er gut vernetzt – und seit Jahren im innersten Machtzirkel der SVP-Bundeshausfraktion inklusive Direktzugang zur nationalen Parteileitung und den SVP-Schwergewichten. Ausserhalb der Partei ist sein Einfluss jedoch fraglich.

Note 4,5

GESAMTNOTE 4,5

Céline Amaudruz (47, GE)

Foto: keystone-sda.ch

Regierungstauglichkeit

Exekutiverfahrung fehlt der Genferin. Und eine Promillefahrt vor zehn Jahren verfolgt sie noch heute. Zudem nahm sie Ende September an einer Hellebarden-Aktion ihrer Partei vor dem Bundeshaus teil. Besonders bei den Linken gibt es dafür Minuspunkte.

Note 4

Leistungsausweis

In Genf trimmte Amaudruz die SVP auf Kurs und geniesst daher in der Romandie viel Respekt. Zudem weist sie als Vermögensverwalterin eine breite Wirtschaftsexpertise auf.

Auch ausserhalb der Bankenwelt hat sie hochkarätige Mandate, etwa präsidiert sie mit der Groupe Minoteries eine der grössten Mühlengruppen der Schweiz. Im Bundeshaus sorgt das jedoch auch für Skepsis – etwa zuletzt, als sie für Hülsenfrüchte lobbyierte. Dazu kommt: Trotz 15 Jahren in Bern kann sie auf nationaler Ebene keine nennenswerten politischen Erfolge aufweisen.

Note 4,5

Gmögigkeitsfaktor

In ihrer Fraktion gilt sie als unnahbar. Ihr Auftreten ist besonders für die Deutschschweizer ungewohnt. Mit ihrem Profil könnte sie aber wirtschaftsliberale und urbane Kreise ansprechen, die sich sonst eher von links vertreten sehen.

Note 3,5

Durchsetzungsfähigkeit

Die SVP in Genf salonfähig zu machen geht nur mit viel Beharrungsvermögen. Deswegen stand Amaudruz zumindest zeitweise auch in der Gunst von SVP-Doyen Christoph Blocher (86). Im Bundeshaus scheint ihre Stimme jedoch wenig Kraft aufzuweisen.

Note 4,5

Herkunft und Alter

Eine Frau aus der Romandie – das ist vom Profil her perfekt. Zumal Genf als Wirtschaftsmotor der Schweiz gilt und dennoch in Bern bisher wenig Beachtung findet.

Note 5,5

Machtnetz

Die Nationalrätin kann auf die Unterstützung ihres guten Freundes Guy Parmelin zählen. Dieser weibelt in der Partei, als wäre Amaudruz seine Erbin. Ob das ihr mehr Verbündete liefert, ist fraglich. Durch ihren Einsatz bei Gleichstellungsthemen kann sie zumindest teilweise auch auf Sympathien von links zählen.

Note 4

GESAMTNOTE 4,5

Marco Chiesa (52, TI)

Foto: keystone-sda.ch

Regierungstauglichkeit

Chiesa kann als Mitglied der Stadtregierung von Lugano zumindest etwas Exekutiverfahrung vorweisen. Gewählt wurde er aber erst vor zwei Jahren.

Zuträglich ist dem Ständerat auch, dass er zwischen 2020 und 2024 als SVP-Präsident waltete. Ein kleines Aber gibt es auch da: Die Werbeplakate für die Wahlen 2023 trugen ihm gleich mehrere Strafanzeigen wegen Rassendiskriminierung ein, vor denen ihn aber die parlamentarische Immunität schützte.

Note 4,5

Leistungsausweis

Der Ökonom kann ein breites Spektrum an Tätigkeiten vorweisen. Er arbeitete etwa für die Pensionskasse der Stadt Lugano, amtet als Chef eines Verbands für Kinderbetreuung und als Präsident des Tessiner Hauseigentümerverbands. Zudem ist er brennender Italien-Lobbyist.

Unter seiner Ägide holte die SVP bei den Wahlen 2023 das drittbeste Ergebnis ihrer Parteigeschichte.

Note 5

Gmögigkeitsfaktor

Chiesa gilt in der Sache zwar als Hardliner, im Umgang jedoch als angenehm. Dreisprachig und mit Tessiner Charme – eine verlockende Kombination.

Note 5,5

Durchsetzungsfähigkeit

Seit er sein Amt als Parteipräsident abgegeben hat, ist Chiesas Einfluss im Bundeshaus eher beschränkt. Als Tessiner sowie einer der wenigen SVP-Ständeräte hat er einen schweren Stand.

Note 4,5

Herkunft und Alter

Chiesas Kanton ist aktuell bereits mit Cassis vertreten. Passt da wirklich noch ein zweiter Tessiner rein? Im Hinblick darauf, dass der amtierende Aussenminister kurz vor seinem Absprung steht, scheint das Problem kleiner als bei anderen Kandidaten.

Note 4,5

Machtnetz

Als ehemaliger Parteipräsident ist er im Bundeshaus gut vernetzt – sowohl inner- als auch ausserhalb seiner Fraktion.

Note 5

GESAMTNOTE 5

Jean-Pierre Gallati (60, AG)

Foto: Keystone

Regierungstauglichkeit

Seit 2019 ist Gallati im Aargau Regierungsrat – und mauserte sich während Corona gar zur Stimme der Vernunft. Der ehemalige Hardliner erwies sich plötzlich als kompromissfähiger als erwartet.

Note 5,5

Leistungsausweis

Der Rechtsanwalt leistete im Kantonsparlament viel und war bis zu seinem Übertritt in die Exekutive auch Fraktionschef.

Note 5

Gmögigkeitsfaktor

Als Parlamentarier galt Gallati noch als Enfant terrible, als Regierungsrat mässigte er sich massiv. Im Umgang zeigt er sich angenehm – viel mehr ist jedoch nicht bekannt.

Note 4,5

Durchsetzungsfähigkeit

Es wurde erzählt, dass er einer ist, der das Telefon in die Hand nimmt bei wichtigen Anliegen und dann Leute gut bearbeiten und für sich gewinnen kann. Aus dem Aargau heisst es auch, er denke häufig ein paar Schritte voraus.

In seinem Kader gilt er als strenger, aber umgänglicher Chef. Er habe ein Händchen für gute Leute, fördere sie auch.

Note 5

Herkunft und Alter

Der Aargau ist seit dem Rücktritt von CVP-Bundesrätin Doris Leuthard (63, Mitte) vor acht Jahren nicht mehr in der Landesregierung vertreten. Gleichzeitig gibt es andere Kantone, die schon deutlich länger auf ein Comeback warten.

Mit seinen 60 Jahren ist Gallati jedoch der zweitälteste Kandidat. Wird ihm das zum Verhängnis?

Note 4,5

Machtnetz

In Bern ist Gallati ein Aussenseiter. 2019 wäre er zwar ins Bundesparlament gewählt worden – jedoch gleichzeitig auch in die Aargauer Regierung. Dementsprechend ist sein Netzwerk klein. Zumal er sich mit seinem ehemaligen Parteifreund und Nationalrat Andreas Glarner (63) überworfen hat und auch mit Übervater Blocher wenig anfangen kann.

Note 4

GESAMTNOTE 5

Michael Graber (45, VS)

Foto: keystone-sda.ch

Regierungstauglichkeit

Als Stadtrat von Brig-Glis VS bringt Graber gewisse Regierungserfahrung mit. Als Rechtsanwalt wäre er zudem als Magistrat prädestiniert. Doch wie bei Aeschi hat auch Graber einen grossen Tolggen im Heft: Er war zusammen mit seinem Fraktionspräsidenten in das Handgemenge im Bundeshaus involviert.

Auch sonst zeigt sich der Walliser Nationalrat im Auftritt eher konfrontativ. Das bewies er bei der Ankündigung seiner Kandidatur erneut: An seinem Kragen prangte ein roter Hellebarden-Pin – ungewöhnlich für einen Bundesratsanwärter.

Note 4

Leistungsausweis

Graber ist promovierter Anwalt und im Parlament SVP-Wortführer, wenn es um Energie-, Umwelt- und Raumplanungsthemen geht.

Note 4,5

Gmögigkeitsfaktor

Der Walliser gilt als klassisch gmögig – Typ Festhütte. Er ist sich auch nie für einen Schnupf zu schade. Aber: Überparteilich ist er wenig integriert.

Note 5

Durchsetzungsfähigkeit

Im Wallis war er sich nie für eine Provokation zu schade – und für seine lautstarken Voten gefürchtet. Rutschte dabei aber auch oftmals in den Klamauk ab.

Note 4,5

Herkunft und Alter

Das Oberwallis war erst kürzlich mit Viola Amherd (64) vertreten. Ein Killerkriterium wird das aber kaum werden.

Altersmässig hat er wenig zu befürchten: Graber ist mit 45 Jahren der Jungspund unter den Anwärtern.

Note 4,5

Machtnetz

Innerhalb der SVP-Fraktion gilt der Jurist als bestens vernetzt, er ist in der Parteileitung und politisiert stramm auf SVP-Kurs.

Note 4,5

GESAMTNOTE 4,5

Franz Ruppen (55, VS)

Foto: keystone-sda.ch

Regierungstauglichkeit

Ruppen kann auf viel Führungserfahrung zurückgreifen: Im Kantonsparlament war er Fraktionschef und seit 2021 Walliser Staatsrat. Bis zu seiner Wahl in die kantonale Regierung war er zudem Gemeindepräsident von Naters VS.

Note 5

Leistungsausweis

Der Rechtsanwalt war von 2015 bis 2021 Nationalrat. Eine Duftmarke hat er dort jedoch kaum hinterlassen. Im Wallis ist Ruppen aktuell zudem Kritik ausgesetzt: Er führe sein Departement zu lasch, tönt es aus der Mitte.

Note 4,5

Gmögigkeitsfaktor

Wird als gesellig bezeichnet und klopft gerne einen Jass. Hält sich jedoch sonst sehr bedeckt über sein Privatleben.

Note 4,5

Durchsetzungsfähigkeit

Im Kanton perlen die Angriffe aus der Mitte an ihm ab. Und wegen eines seiner Geschäfte – der Revision der 3. Rhonekorrektion – kassierte das Bundesamt für Umwelt von der Eidgenössischen Finanzkontrolle einen Rüffel: Der Bund vertrete seine Interessen gegenüber dem Kanton zu wenig hartnäckig.

Note 5

Herkunft und Alter

Es gilt dasselbe wie bei Kollege Graber.

Note 4,5

Machtnetz

Er selbst sagt, er pflege seine Verbindungen aus Bundesberner Zeit weiterhin.

Note 4,5

GESAMTNOTE 4,5

Pierre Alain Schnegg (63, BE)

Foto: keystone-sda.ch

Regierungstauglichkeit

Schnegg ist seit 2016 Regierungsrat des zweitbevölkerungsreichsten Kantons. Er gilt als Strippenzieher, aber in sozialen Fragen auch als Hardliner.

Note 5

Leistungsausweis

Gilt als einer, der anpackt, und hat einen stattlichen unternehmerischen Hintergrund: Er war lange Jahre ein erfolgreicher IT-Unternehmer und präsidierte vor seiner Wahl zum Gesundheitsdirektor ein Spital.

Note 5

Gmögigkeitsfaktor

Der Freikirchler und Unternehmer ist wohl nicht gerade der umgänglichste Kandidat in den SVP-Reihen.

Note 4

Durchsetzungsfähigkeit

Schnegg greift oftmals rigoros durch. Für seinen Führungsstil erhält er gleichermassen Lob und Kritik. Wurde in den Medien auch schon als «strengster Regierungsrat der Schweiz» betitelt.

Note 5,5

Herkunft und Alter

Als Romand aus dem Berner Jura besitzt Schnegg nicht schlechte Voraussetzungen – auch wenn seine Heimat etwas nah an der von Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider (62) liegt. Mit Albert Rösti (59) gibt es allerdings schon einen Berner SVP-Bundesrat.

Das Killerkriterium wird sowieso ein anderes sein: Mit 63 Jahren ist er eigentlich zu alt.

Note 4

Machtnetz

Sein langjähriger Vertrauter und Berater Yves Bichsel ist heute die rechte Hand von Verkehrsminister Albert Rösti. Sonst hat Schnegg jedoch wenig Hausmacht in Bundesbern. Er hat dort nie politisiert und ist zudem erst seit 2013 überhaupt SVP-Mitglied.

Note 4

GESAMTNOTE 4,5

Rémy Wyssmann (59, SO)

Foto: keystone-sda.ch

Regierungstauglichkeit

Wyssmanns einzige Exekutiverfahrung sind sieben Jahre Gemeinderat in Kriegstetten SO. Seine Kantonalpartei führt er jedoch wie ein General – und erzielt damit Wahlerfolge. Der Nationalrat nimmt es dabei mit den Fakten aber oftmals nicht so genau. Und «Kompromissbereitschaft» scheint für ihn ein Fremdwort.

Note 3,5

Leistungsausweis

Das Öffentlichkeitsgesetz hat Wyssmann sozusagen zur Waffe geformt – sowohl auf kantonaler als auch nationaler Ebene. So sorgte er etwa für die Offenlegung der Covid-Impfstoff-Verträge. An der kantonalen Urne erreichte er als Fast-Einzelkämpfer zahlreiche Siege.

Note 4,5

Gmögigkeitsfaktor

Wyssmann gilt als Provokateur. Zu alledem ist er mit energischen Windkraft-Gegnern, Staatskritikern und Covid-Verdrossenen verbandelt. Gegner stösst er oft lieber vor den Kopf, als sie zu umgarnen. Dabei hilft wenig, dass er auch anders kann.

Note 3,5

Durchsetzungsfähigkeit

Er zieht bei seinen Geschäften meist voll durch und scheut auch nicht vor Kritik zurück. Dabei zeigt er viel strategisches Geschick.

Note 5

Herkunft und Alter

Solothurn ist historisch überrepräsentiert – der mittelgrosse Kanton stellte bereits sechs Magistrate. Nur fünf Kantone hatten mehr. Doch der letzte Solothurner ist lange her: SP-Mann Otto Stich (1927–2012) trat 1995 zurück.

Note 4,5

Machtnetz

Wyssmann ist stolz darauf, keine ausserparlamentarischen Mandate zu haben. Geht nicht an Apéros und gehört definitiv nicht zum engeren Machtzirkel der Partei.

Note 3

GESAMTNOTE 4

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