Darum gehts
- Passagier kaufte Billett 17 Sekunden nach Abfahrt und bekam happige Busse
- ÖV-Branche rechtfertigt strikte Regeln, Ombudsstelle empfiehlt mehr Kulanz
- 200 Millionen Franken Einnahmeverluste durch Schwarzfahrer laut ÖV-Branche geschätzt
Es war knapp, reichte aber gerade noch. Marco Wyss (32) war mit seiner Freundin in Solothurn auf den Regionalzug nach Bern gerannt. In letzter Sekunde schafften sie es in den Waggon. Ihr Billett lösten sie, als sich der Zug in Bewegung setzte. 17, respektive 32 Sekunden nach der Abfahrt.
Alles bezahlt. Alles gut? Überhaupt nicht. SBB und Co. kennen keine Gnade, wenn ein Billett zu spät gelöst wird. Knapp sieben Minuten und zwei Stationen später betraten die Kontrolleure des Regionalverkehrs Bern–Solothurn den Zug. Die paar Sekunden Verspätung sorgten für saftige Bussen – trotz gelösten Tickets. 130 Franken musste Wyss berappen, 90 seine Freundin. Für sie gab es dann noch 60 Franken Kulanz, er war schon einmal bei Easy Ride in die Sekundenfalle getappt, weshalb es keine Gnade gab.
Die Bussen ärgern Wyss. Dass er zu spät gelöst hat, bestreitet er nicht. Er fragt sich aber, warum er eine Busse erhält, wenn offensichtlich ist, dass kein Versuch des Schwarzfahrens vorlag. Doch seine Mail-Interventionen bei den zuständigen Stellen brachten nichts. Die Inkassostelle schrieb ihm: «Wir verstehen, dass die Situation frustrierend ist, insbesondere da die Tickets nur Sekunden nach Abfahrt gelöst wurden.» Das änderte aber nichts mehr.
«Wenig kundenfreundlich»
Das Problem ist bekannt. Medienberichte über vergleichbare Fälle gab es immer wieder. Wyss, der als Projektmanager in der Mobilitätsbranche arbeitet und für die Grünen politisiert, sorgt sich, dass durch das «wenig kundenfreundliche» Vorgehen der ÖV-Betreiber Leute vom Fahren mit Zug und Bus abgeschreckt werden. «Wenn wir wollen, dass die Leute den ÖV nützen, muss er attraktiv sein. Mit solchen Erlebnissen vergrault man Leute», sagt er zu Blick.
Nachfrage beim Regionalverkehr Bern–Solothurn. Dort hält man fest: «Für zu spät gelöste Tickets gilt eine schweizweite Regelung, die für alle Transportunternehmen verbindlich ist.» Kontrolleure liessen sich «grundsätzlich nicht auf Diskussionen ein». Das Kontrolldienstpersonal dürfe nicht beurteilen, ob Kundinnen oder Kunden «die Wahrheit sagen – das wäre willkürlich».
Bei der Ombudsstelle des öffentlichen Verkehrs gehören «Konflikte im Zusammenhang mit Reisen ohne gültigen Fahrausweis» zu den häufigsten Beschwerdegründen. Viele ÖV-Betriebe zeigten Kulanz, hält die Stelle gegenüber Blick fest. «Dieses Entgegenkommen begrüssen wir sehr. Eine vollständige Stornierung erwarten wir in der Regel nicht, da die nachträgliche Bearbeitung Aufwand verursacht.»
Die Ombudsstelle hält auch fest: Für das Zugpersonal sei es oft schwierig, abzuschätzen, ob ein Ticket schon gelöst wurde, bevor die Kontrolle sichtbar gewesen sei. Dies ist gerade in Innenstädten der Fall. Der Ombudsmann hat sich aber mehrfach dafür ausgesprochen, «im Fernverkehr wie Intercity oder Interregio zu prüfen, ob eine kurze zeitliche Toleranz sinnvoll wäre». Die ÖV-Branche ihrerseits rechnet mit Einnahmeverlusten von 200 Millionen Franken durch Schwarzfahrer.
Bund fordert keine Verbesserung mehr
Das Bundesamt für Verkehr hatte Anfang 2024 bezüglich der Sekundenfalle Veränderungen gefordert. Gegenüber dem «Beobachter» hielt man fest, es sei nicht mehr zeitgemäss, jeder Person eine Busse auszustellen, wenn sie nur wenige Sekunden zu spät das Ticket gelöst hat.
Heute ist von solchen Bemühungen nicht mehr viel zu spüren. Denn man habe im Mai 2024 ein Massnahmenpaket geschnürt, teilt der Bund mit. Seither sei die Anzahl der beim Bundesamt für Verkehr eingehenden Beschwerden zurückgegangen. Zum Paket gehörten technische Verbesserungen in den Apps und eine Informationskampagne.
Inwieweit diese griffen, lässt sich nicht eruieren. Bei Marco Wyss zeigte sich, dass man das ungültige Billett auch nach der Abfahrt des Zuges nach wie vor lösen kann. Die App liess ihn im Glauben, ein gültiges Ticket gekauft zu haben. Trotz des Frusts will der 32-Jährige weiterhin regelmässig Zug fahren. «Ich bin ein absoluter ÖV-Befürworter», sagt er.