Darum gehts
- Thomas Minder fordert längere Ausbildung für Lehrpersonen in der Schweiz
- Gymiprüfungen sollen abgeschafft werden, da sie soziale Ungleichheit verstärken
- Die Selektion erfolge viel zu früh, findet der oberste Schulleiter
Die Primarschule am Stutz liegt auf einer Anhöhe, in ländlicher Umgebung. Der Blick kann in die Ferne schweifen, in die unverbaute, grüne Weite. Die modernen Schul- und Turnhallengebäude stehen neben einem alten, ebenfalls noch genutzten Schulhaus. In dieser Idylle arbeitet Thomas Minder, scheinbar in einer anderen Welt als jener, mit der er als oberster Schweizer Schulleiter konfrontiert ist.
Herr Minder, haben die Lehrpersonen heute mehr mit Formularen, streitbaren Eltern und Anwälten oder mit Kindern zu tun?
Thomas Minder: Definitiv mehr mit Schülerinnen und Schülern. Doch es ist so, dass die Anforderungen rundherum steigen. Der administrative Aufwand in der Schule nimmt jedoch zum Glück nicht derart überhand wie zum Beispiel in medizinischen Berufen.
Die Schule bekommt aber die gesellschaftlichen Herausforderungen und die steigenden Ansprüche zu spüren. Was heisst das für die Lehrerinnen und Lehrer?
Die Anforderungen sind enorm vielfältig und komplex. Die Lehrerinnen und Lehrer sollten gut sein in Mathematik, müssen Sprachen können, Informatik beherrschen, ihren Aufgaben sozial und emotional gewachsen sowie kommunikativ sein und vieles mehr. Es ist eine Mission impossible, dies in den drei Studienjahren zu erreichen.
Thomas Minder (50) ist seit 2019 Präsident des Verbands Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz mit rund 2500 Mitgliedern. Der studierte Sekundarlehrer leitet die Primarschule am Stutz der Volksschulgemeinde Eschlikon im Kanton Thurgau. Minder ist Vater von drei Kindern im jungen Erwachsenenalter.
Thomas Minder (50) ist seit 2019 Präsident des Verbands Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz mit rund 2500 Mitgliedern. Der studierte Sekundarlehrer leitet die Primarschule am Stutz der Volksschulgemeinde Eschlikon im Kanton Thurgau. Minder ist Vater von drei Kindern im jungen Erwachsenenalter.
Müsste also die Ausbildung verlängert werden?
Ja. Es brauchte einen Masterabschluss für alle Lehrpersonen. Mindestens vier Jahre Ausbildung wären nötig, so wie es auch andere europäische Länder handhaben, etwa Finnland oder Estland. Beim Anwaltsberuf zweifelt auch niemand an, dass es einen Master braucht, obwohl dort KI künftig einen Teil der Aufgaben übernehmen wird. Im Gegensatz zum Lehrberuf.
Hat Ihre Forderung nach einer längeren Ausbildung denn eine Chance?
Politisch dürfte das sehr schwierig durchzusetzen sein, weil die Kosten steigen würden. Doch es würde sich längerfristig auszahlen.
Würde eine verlängerte Ausbildung nicht den Personalmangel verschärfen, weil auch der Quereinstieg schwieriger und unattraktiver würde?
Nein, das glaube ich nicht. Man müsste die Ausbildung so gestalten, dass die angehenden Lehrpersonen schon vor Abschluss des Studiums an Schulen unterrichten und dort in den Unterrichtsbetrieb integriert würden.
Die Schule ist omnipräsentes Gesprächsthema. Im Frühling erhitzen jeweils die Gymiprüfungen die Gemüter. Viele Kantone regeln so den Wechsel ins Gymnasium. Diese Selektion für das Langzeitgymi betrifft bereits Zwölfjährige in der 6. Klasse. Ist aus Ihrer Sicht so früher Leistungsdruck angebracht?
Wenn es schon Übergänge braucht, sollten diese prüfungsfrei erfolgen. Man weiss aus der Wissenschaft, dass jeder Übertritt in der Schule soziale Ungleichheiten verstärkt. Deshalb sollte es möglichst wenige Übergänge geben. Unser Verband ist deshalb klar der Meinung, dass es vor der Sekundarschule keine Selektion geben sollte. Die Gymiprüfungen gehören abgeschafft.
Das weicht aber weit von der Praxis in vielen Kantonen ab.
Das ist so, aber es gäbe Rahmenbedingungen, die eine andere Praxis zuliessen. Und manche Kantone gestalten die Übergänge auch prüfungsfrei.
Was sind die Möglichkeiten Ihres Verbandes, um etwas zu ändern?
Wir klären unsere Mitglieder sowie Politikerinnen und Politiker darüber auf, welche Auswirkungen die frühen Selektionen haben und welche Möglichkeiten es gibt, die Rahmenbedingungen zu ändern, also die Volksschulgesetze anzupassen. Aber zuletzt ist es Sache der Politik.
Wirkt Ihre Einflussnahme?
Ich habe das Gefühl, dass wir erfolgreich sind. Zumindest in unseren eigenen Reihen fragen sich viele, ob es richtig ist, einfach weiter so zu verfahren, wie man es schon immer gemacht hat.
Fakt ist aber, dass der Druck eher zunimmt, dass es stets mehr Vorbereitungskurse und Zusatzanstrengungen braucht, um die Gymiprüfungen zu bestehen. Das nimmt ja etwa im Kanton Zürich zum Teil groteske Formen an.
Das ist tatsächlich so und zeigt, dass es dort schwierig sein wird, etwas zu verändern. Zürich wird kaum der Kanton sein, an dem wir Freude haben werden. Aber irgendwann wird man sehen, dass sich etwas ändern muss. Es kann doch nicht sein, dass ab der vierten Klasse für Kinder und Eltern der Gymistress beginnt, weil der Prüfungsdruck im Raum steht, und Zehnjährige darunter leiden.
Was spricht denn gegen eine einheitliche, standardisierte Selektion?
Für die guten Schülerinnen und Schüler ist das kein Problem. Für diese ist kein System problematisch. Aber für die vermeintlich Schwächeren ist eine Selektion schädlich. Zum Teil landen sie wegen Fehleinschätzungen in tiefen Niveaus. Sie haben Potenzial, werden jedoch früh als schlecht abgestempelt. Das wird dann zur selbsterfüllenden Prophezeiung.
Was ist Ihr Vorschlag?
Ich wäre für heterogene Klassen. Man sollte den Schülerinnen und Schülern innerhalb des herkömmlichen Unterrichts unterschiedliche Schwierigkeitsniveaus anbieten. Alle Kinder aus einem Dorf gehen in die gleiche Sekundarstufe 1. Wir brauchen kein Langzeitgymnasium.
Wann und wie soll der Übergang ins Gymnasium geregelt sein?
Selektion findet am Schluss der Schulzeit statt. Man sieht, ob jemand ins Gymnasium gehen oder eine Berufslehre beginnen soll. Ob es dann für den Übertritt ins Gymi eine Prüfung braucht, das kann man diskutieren. Es gibt Kantone, die zeigen, dass es ohne geht.
Was spricht denn gegen Leistung und Anforderungen? Warum müssen die Starken gebremst werden?
Das ist der Standardvorwurf, das ist Mumpitz. Starke Schülerinnen und Schüler lassen sich nicht ausbremsen. Wir stehen zum Leistungsprinzip. Die Schule ist da, um zu zeigen, was jemand kann. Aber die Schule ist auch dazu da, um die Stärken zu fokussieren. Die Schülerinnen und Schüler da zu fördern, wo sie Potenzial haben. Da sollen sie nicht vor sich hindümpeln.
Besteht nicht die Gefahr, mit dem Verzicht auf Selektionen das Niveau zu senken?
Im Unterricht soll stets die nächste Zone avisiert werden. Die Kinder müssen aus der Komfort- in die Lernzone gebracht werden, ohne dass man sie überfordert. Die Kunst besteht darin, die Anforderungen so anzusetzen, dass die Schülerinnen und Schüler ihre Grenzen ausloten.
Was heisst das für die laufende Diskussion um die Integration von Kindern mit Defiziten in die Regelschule? Geht das oder braucht es Sonderklassen?
Es muss Inklusion geben. Ohne Wenn und Aber. Doch in Einzelfällen kann es sein, dass es spezielle Lösungen braucht. Die Strukturen sollten grundsätzlich dynamisch sein, damit die Eingliederung gelingt. Wenn situative Anpassungen möglich sind und Durchlässigkeit besteht, dann lässt sich Inklusion leben.