Darum gehts
«Wir machen Dich zum Überflieger», wirbt eine Zürcher Nachhilfeschule für ihre Prüfungsvorbereitungskurse. Eine andere appelliert an die Eltern: «Investieren Sie in die Zukunft Ihres Kindes und erhöhen Sie die Chancen auf eine erfolgreiche Aufnahmeprüfung.» Ein weiterer privater Anbieter hat «die passende Lösung für Lernmuffel, Lernblockade oder Prüfungsangst».
Am 2. März finden im Kanton Zürich die Aufnahmeprüfungen für Lang- und Kurzzeitgymnasium statt. Nach der sechsten Klasse oder nach der 2. und 3. Sek wechseln die Schülerinnen und Schüler an die höhere Schule. Für Lerninstitute sind sie – respektive ihre Eltern – begehrte Klientel.
Teurer letzter Schliff
Mit Intensivkursen etwa in den Sportferien können die Prüflinge für gutes Geld den letzten Schliff in Deutsch und Mathematik erlangen. 1500 Franken kostet dies für fünf Tage bei einem der Anbieter.
Viele der Schülerinnen und Schüler haben aber bereits seit Schuljahresbeginn oder spätestens nach den Herbstferien in speziellen Kursen für die Prüfung trainiert. Das ist für 2000 bis 3000 Franken zu haben. Und auch wesentlich teurer.
Zusatztrainings gefragt
Zwar können Interessierte an zahlreichen Volksschulen im Kanton Zürich kostenlose Vorbereitungslektionen besuchen, doch die Ressourcen dort sind beschränkt – und vielen Eltern reicht das Angebot nicht.
Während viele andere Kantone keine Aufnahmeprüfungen fürs Gymnasium kennen oder diese abgeschafft haben – die Vornoten sind für die Aufnahme massgebend –, erzeugen im Kanton Zürich Prüfung und danach Probezeit an der höheren Schule besonders hohen Druck auf die Kinder und Jugendlichen sowie deren Familien.
Politische Diskussion
Eine Sprecherin der kantonalen Zürcher Bildungsdirektion hält fest, es obliege den Gemeinden, ob deren öffentliche Schulen Prüfungsvorbereitungskurse anböten. Das Volksschulamt empfehle dies allerdings, sagt die Sprecherin. Indem es Prüfungen aus früheren Jahren auf seiner Website zur Verfügung stelle, helfe es in der Vorbereitung. Daten zur Nutzung, Qualität und Erfolgsquoten von privaten Kursen lägen der Bildungsdirektion nicht vor.
Die vielen und stets neuen Angebote zeigen allerdings, dass die Nachfrage gross ist. Da kostspielige Kurse für wenig begüterte Eltern kaum erschwinglich sind, wird auf politischer Ebene diskutiert, ob die Volksschulen verpflichtet werden sollen, Prüfungsvorbereitungen für Maturitätsschulen bereitzustellen.
Harte Selektion
Gut ein Viertel aller Sechstklässlerinnen und Sechstklässler im Kanton Zürich absolvierten im vergangenen März die Prüfung für das Langzeitgymnasium. Von den über 4500 Kindern schafften etwas mehr als die Hälfte die Anforderungen. Der Übertritt ins Kurzzeitgymnasium von der 2. und 3. Sekundarstufe aus gelang rund 40 Prozent der Prüflinge.
«Eigentlich sollte die Prüfung zu bestehen sein, ohne dass man dafür in einen Vorbereitungskurs muss», sagt Christian Marty von der Nachhilfeschule «Schlaumacher» in Zürich. Doch dass es seines und andere Institute trotzdem gebe, liege daran, dass die öffentlichen Schulen meist zu wenig Kapazitäten und Mittel hätten, um wirkungsvolle Vorbereitungskurse auf die Beine zu stellen. Die Nachfrage nach den Angeboten sei bei ihm «sehr hoch», weil in Zürich viele Schülerinnen und Schüler ins Gymnasium wollten, die Zahl der Plätze jedoch gering sei, stellt Marty fest.
Frühzeitige Anmeldungen
Evelyn Jossi, die in Zürich das Angebot «Individuelle Schulungen» betreibt und viel mit Onlinekursen arbeitet, gibt an, dass sich die Interessierten immer früher anmeldeten und sie teilweise schon ein bis zwei Jahre im Voraus Anfragen erhalte.
Die grosse Nachfrage erklärt Jossi damit, «dass in Zürich viele gut ausgebildete Menschen leben, für die es oft selbstverständlich ist, dass ihre Kinder einen akademischen Weg einschlagen». Zudem lebten zahlreiche Expats in der Region, die eine Matura als unabdingbar für eine erfolgreiche Berufslaufbahn ansähen.
Kleingruppen als Vorteil
Die Regelschulen arbeiteten in der Vorbereitung oft in grossen Gruppen, deshalb setze er auf individuelle Betreuung, mit Lernkreisen von höchstens drei Schülerinnen und Schülern, sagt Florian Niggl von «Boost the Support». In der Volksschule würden die Schwerpunkte trotz einheitlichen Lehrplans unterschiedlich gesetzt. Deshalb reiche die schulische Vorbereitung vielfach nicht aus, um die Prüfung zu bestehen, sagt Niggl.
Der familiäre Druck erhöht die Gefahr, dass Kinder und Jugendliche einen Weg einschlagen, der ihnen nicht entspricht. Oliver Haas vom Lerncenter Zürich sagt: «Wir beraten Eltern und ihren Nachwuchs sehr offen und empfehlen teilweise bewusst alternative Bildungswege.» Denn das grösste Risiko bestehe darin, «dass Kinder und Jugendliche eine falsche Ausbildung beginnen, die sie später abbrechen müssen».