Darum gehts
SVP-Bundesrat Guy Parmelin (66) steht vor einem der schwierigsten Auftritte seiner Karriere. Am Freitag findet der nationale Trauertag statt. Für den Bundespräsidenten Parmelin eine emotionale Ausnahmesituation. Während andere still trauern und versuchen, das Unfassbare zu begreifen, richten sich Kameras und Mikrofone auf die Bundesräte. Es gilt, die richtigen Worte zu finden.
Moritz Leuenberger (79) kennt das Gefühl. Im Herbst 2001 war er Bundespräsident, als sich die Katastrophen häuften: der Terroranschlag auf das World Trade Center in New York, das Attentat auf das Zuger Kantonsparlament, die Swissair-Pleite, der Brand im Gotthardtunnel, der Flugzeugabsturz in Bassersdorf ZH. All das innert weniger Wochen. Und immer wieder waren die Kameras und Mikrofone auf Leuenberger gerichtet.
Moritz Leuenberger, welches war der schwierigste Auftritt, den Sie im Herbst 2001 gehalten haben?
Moritz Leuenberger: Das war in Zug, nach dem Mordanschlag auf Mitglieder des Parlaments und der Regierung, die ich teils persönlich kannte. Als ich ankam, klebte Blut an der Treppe. Das war auch ein Anschlag auf unsere offene Demokratie.
Wie bereitet man sich darauf vor, dass gleich Dutzende Kameras auf einen gerichtet sein werden?
Ich bin mit dem Auto nach Zug gefahren. In dieser Stunde habe ich überlegt, was ich sagen will, und mit einem befreundeten Psychiater telefoniert. Wir sprachen über sinkende Hemmschwellen der Gewalt. Das floss dann in die Rede ein.
Im Fall von Crans-Montana fehlen noch viele Informationen. Wie geht man damit um?
Man muss dazu stehen, nicht alles zu wissen: keine Vermutungen anstellen, sondern benennen, was unklar ist.
Was ist die Aufgabe, wenn man an einer Trauerfeier spricht?
Ein Bundesrat repräsentiert alle Menschen, die in der Schweiz wohnen. Sie sind aufgewühlt, verstehen vieles nicht und können sich nicht öffentlich äussern. Betroffen sind vor allem die Opfer und ihre Angehörigen. Als Politiker versucht man, das Geschehene einzuordnen, und bringt die Gefühle aller Betroffenen zum Ausdruck. Nach dem Flugzeugabsturz in Bassersdorf sagte ich: «Hört das denn nie auf?» Einige Medien kritisierten das, doch viele Menschen fühlten genauso.
Wer hilft Ihnen bei der Vorbereitung auf eine solche Rede?
Ich habe mich immer mit anderen ausgetauscht, mit den Mitarbeiterinnen im Stab, mit den Kollegen im Bundesrat, auch mit Aussenstehenden. Einmal rief ich meinen Vater an und tauschte mich mit ihm aus. Gespräche helfen immer. Manchmal hilft es schon, Gedanken gegenüber anderen laut auszusprechen, um zu merken, was nicht passt. Was ich nie gemacht habe, ist, irgendwelche Texte von PR-Agenturen vorzulesen.
Wie spendet man Trost nach einer solchen Tragödie?
Es muss echt sein. Die Leute merken, wenn man eine Schablone gebraucht, die man gar nicht selbst formuliert hat. Das wirkt verlogen.
Zum Beispiel?
Gerade diese Floskel: «Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen.» Der Satz ist inhaltlich richtig. Aber wenn er bei jeder Katastrophe repetiert wird, wirkt er unglaubwürdig. Man kann den Gedanken individuell und persönlich ausdrücken: «Ich stelle mir vor, ich wäre der Vater eines Verunglückten...» Dann kommt es von innen heraus und es ist dann auch nicht schlimm, wenn man mal stockt oder stammelt.
Wie macht man jemandem Mut in solchen Situationen?
Dazu habe ich kein Rezept. Sonst würde ich selbst zum PR-Agenten. Jedes Unglück ist wieder komplett anders gelagert.
Im Herbst 2001 wirkten Sie betroffen, aber kontrolliert. Wie steuern Sie Ihre Emotionen?
Das ist die Aufgabe eines Politikers. Er hat eine Rolle wahrzunehmen und auf sie habe ich mich konzentriert. Ich kann ja nicht einfach losheulen.
Darf ein Bundesrat in der Öffentlichkeit nicht weinen?
Doch, doch, das darf er. Aber er darf es nicht dabei bewenden lassen. Wenn ein Bundesrat nur weint, genügt er seinem Amt nicht. Politikerinnen und Politiker haben Herz und Verstand. Beides darf sichtbar werden.
Gab es im Herbst 2001 irgendwann eine gewisse Routine?
Nein. Jede Katastrophe hat mich schwer getroffen. Aber es gibt gewisse symbolische Akte, die sich wiederholen. Zum Beispiel die Besuche beim Unglücksort: Beim Brand im Gotthard dachte ich, ich würde nur stören, und wollte zuerst nicht gehen. Das kam im Tessin nicht gut an. Am nächsten Tag ging ich dann. Das war zwar eine symbolische Handlung, aber sie unterstreicht das Mitgefühl.
Nach dem Attentat in Zug erwähnten Sie nicht, dass der Täter ein Rechtsextremist ist. Beim Brand im Gotthard sagten Sie rasch, dass ein zweiter Tunnel das Unglück verhindert hätte. Darf man solche Reden politisch nutzen?
Es wäre pietätlos und unwürdig, ein Unglück für die persönliche politische Haltung zu missbrauchen. Der Täter in Zug war SVP-Anhänger. Das herauszustreichen, hätte die ganze SVP in die Nähe eines Mörders gerückt. So etwas gehört sich nicht. Die Bemerkung über die zweite Röhre am Gotthard war keine Propaganda für sie. Ich war ja immer ein Gegner. Es war eine sachliche Feststellung, dass sich bei richtungsgetrennten Tunneln der Unfall nicht ereignet hätte. Zu dieser Wahrheit musste und wollte ich stehen.
Sie galten als Bundesrat mit einem feinen Sinn für Ironie. Hat Humor in einer solchen Situation Platz?
Direkt nach so einer Katastrophe kann ich mir das nicht vorstellen. Obwohl: Es gibt kein Thema, in dem nicht auch Humor zum Zuge kommen kann. Ich habe mich mal mit Harald Schmidt darüber unterhalten. Auch an einer Abdankung, auch beim Tod hat Humor durchaus Platz. Es kommt immer auf den Ton an. Aber in einer derart schrecklichen Situation wie nach all diesen Katastrophen wäre das deplatziert.