Darum gehts
- Silvester-Brand in Crans-Montana: Kritik an Gemeinde und Bar-Betreibern
- Seit 2019 keine Brandschutzkontrollen in «Le Constellation», brennbares Material übersehen
- Gastronom Jacques Moretti zuvor wegen Zuhälterei vorbestraft, Staranwälte eingeschaltet
Viel Trauer, viel Wut und mittendrin eine überforderte Gemeinde: Das Silvester-Inferno in der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana VS ist nicht nur eine menschliche Tragödie, sondern wird für die Involvierten auch zur kommunikativen Krise. Neben dem Betreiber-Paar Moretti steht besonders Gemeindepräsident Nicolas Féraud (55) nach zahlreichen ungeschickten Aussagen unter Druck.
Dabei setzen beide Parteien eigentlich längst auf professionelle Hilfe. Die Morettis lassen sich von einem hochkarätigen Anwaltsteam vertreten, die Gemeinde holte für ihre Kommunikationsoffensive namhafte Krisenspezialisten ins Boot. Wird der Horror-Brand nun zur PR-Bühne?
Zuerst Überforderung, dann Neuanlauf
Unmittelbar nach der Katastrophe zeigte sich Féraud noch sichtlich überfordert mit der Flut an internationaler Aufmerksamkeit. Fragen zum Brandschutz kanzelte der Gemeindepräsident genervt ab, vor den Medien sagte er den verhängnisvollen Satz: «Es gab bei uns keine lasche Haltung bei Kontrollen von Bars.»
Dass Crans-Montana dem Ansturm nicht gerüstet war, merkte wohl auch die Gemeinde selbst. Féraud zog sich nach den verhängnisvollen ersten Stunden aus der Öffentlichkeit zurück, über das Wochenende holte er sich bei der Schweizer Krisen-Agentur Dynamics Group Hilfe. Der erneute Auftritt am Dienstag wurde dann auch von einem «Senior Partner» des Kommunikationsbüros – dem Westschweizer Ex-Journalisten Thierry Meyer – geleitet.
Mit dem zweiten Anlauf schien die Gemeinde endlich reinen Tisch machen zu wollen, nachdem zuvor immer mehr Opfer-Anwälte gegen sie schossen. Zwar wirkte Féraud deutlich geordneter als noch wenige Tage zuvor. Die Nachricht, die er überbringen musste, war dagegen umso schwieriger: Die Gemeinde hatte bei den Brandschutzkontrollen geschlampt. Seit 2019 wurde «Le Constellation» nicht mehr überprüft. Und davor gab es zwar Kontrollen, aber ohne dabei etwa das höchst brennbare Dämmmaterial an der Decke der Bar zu beanstanden.
Kommunikationsexperten mischen sich ein
Doch statt sich zu entschuldigen oder Verantwortung zu übernehmen, bugsiert sich Féraud anschliessend endgültig in die Schusslinie: «Die Gemeinde ist als Geschädigte am meisten betroffen, vor allen anderen», sagt er vor versammelter Medienschar. Deshalb wolle man auch als Nebenklägerin an einem allfälligen Strafverfahren teilnehmen.
Ob die Krisen-Hotshots über den Auftritt tatsächlich so geplant hatten, bleibt offen. Auf Blick-Anfrage will sich die Dynamics Group nicht weiter zu ihrem Mandat äussern. Klar ist jedoch: Die Rufe danach, auch die Gemeinde für den fatalen Brand zur Rechenschaft zu ziehen, werden seither nur lauter.
In der Kommunikationsbranche sorgt das Debakel gleichzeitig für Hochbetrieb. In zahlreichen Medien dürfen Krisenkommunikatoren erläutern, wie sie den lästigen Fragen besser aus dem Weg gegangen wären als ihre Branchenkollegen. Dabei gaben die Journalistinnen und Journalisten unbeabsichtigt selbst Wasser auf die Mühlen der PR-Experten: In einem Interview mit der «Sonntagszeitung» offenbarte Eric Bonvin, Generaldirektor des Spitals Wallis, vermeintlich, dass Journalisten versucht hätten, in weissen Kitteln in das Krankenhaus einzudringen.
Staranwältin für das Besitzerpaar
Ein gefundenes Fressen: Auf dem Branchenportal persönlich.com nahm dies etwa Andreas Hugi, CEO der Zürcher Agentur Furrerhugi, zum Anlass, auszuführen, wie sich Kommunikationsprofis gegen die «Wittwenschüttler» rüsten könnten. Erst im Nachhinein wurde bekannt, dass sich Bonvins Zitat eigentlich nur auf den Busunfall in Sierre im Jahr 2012 bezogen hatte.
Einen noch weitaus schwierigeren Job hat das Anwaltsteam des Ehepaars Moretti gefasst. Im Gegensatz zu Féraud und Co. geht es weniger um die Wahrung des Gesichts als um Schadensminderung. Gastronom Jacques Moretti (49) nahm es nämlich nicht nur sehr locker mit dem Brandschutz, sondern war bereits vor seiner Niederlassung im Wallis wegen Zuhälterei vorbestraft.
Auch die Stellungnahme, die am Dienstag im Namen der Bar-Besitzer abgegeben wurde, wird nur noch wenig an ihrem öffentlichen Image ändern. Im Gerichtssaal könnte es aber dann anders aussehen. Die Juristin und zwei Juristen, die die Morettis im drohenden Prozess vertreten werden, haben grosse Erfahrung mit schwierigen Persönlichkeiten. Allen voran die Genfer Staranwältin Yaël Hayat (57): Sie verteidigte etwa bereits den umstrittenen Genfer Regierungsrat Pierre Maudet (47), den wegen Vergewaltigung verurteilten Islamwissenschaftler Tariq Ramadan (63) oder Claude Dubois (49), der 2013 die 19-jährige Pfarrerstochter Marie ermordete. Woher das Besitzer-Ehepaar das Geld für eine solche Top-Vertretung hat, bleibt noch ungeklärt.