Darum gehts
- Der Luftwaffenchef Christian Oppliger verteidigt den F-35-Kauf trotz Verzögerungen
- Die Schweiz erhält weniger als die geplanten 36 Jets, maximal 30.
- Erste F-35 mit Schweizer Kreuz hebt im zweiten Halbjahr 2027 ab
Herr Oppliger, Ihr militärischer Rufname heisst Ernesto. Sind Sie ein Che-Guevara-Fan?
Christian Oppliger: Nein (lacht)! Der Spitzname stammt aus einem französischen Comic über Mirage‑Piloten. In der Luftwaffe heisse ich nach wie vor Ernesto. Und wenn zu Hause meine Kinder merken, dass ich gedanklich noch im Büro bin, sagen sie Ernesto – dann weiss ich, dass ich jetzt zuhören muss.
Sie sind seit Oktober Luftwaffenchef. Wie oft haben Sie die Amtsübernahme schon bereut?
Kein einziges Mal. Ich übe diese Funktion mit Stolz und grossem Verantwortungsbewusstsein aus. Dass es Herausforderungen gibt, gehört dazu.
Überall hapert es – vom Kampfjet F-35 bis zur bodengestützten Luftabwehr. Haben Sie weitere Leichen im Keller entdeckt?
Nein. Ich war bereits als stellvertretender Luftwaffenchef sehr eng in die Projekte eingebunden. Bei Grossprojekten arbeiten wir in einem technologisch sehr anspruchsvollen Umfeld. Herausforderungen, Verzögerungen oder Anpassungen sind nichts Aussergewöhnliches – entscheidend ist, wie wir damit umgehen. Was neu ist: Die sicherheitspolitische Lage ist mit dem Krieg im Nahen und Mittleren Osten noch angespannter.
Hat sich Ihr US-Kollege bei Ihnen beschwert, weil die Schweiz US-Kampffliegern wegen des Irankriegs keine Überflugrechte gewährt?
Nein. Ich stehe vor allem mit meinem US-Kollegen in Ramstein in Kontakt. Die Amerikaner kennen die Schweizer Neutralität und respektieren sie.
Die F‑35 wird teurer, die Lieferung dauert länger – die Schweiz erhält weniger Flugzeuge als geplant. Warum blicken Sie trotzdem positiv auf das Projekt?
Weil das Projekt auf Kurs ist. Die mediale Diskussion ist das eine. In Fachkreisen sind sich aber alle einig: Die F-35 ist nach wie vor das mit Abstand beste Flugzeug. Natürlich sind wir mit der Preisentwicklung nicht zufrieden. Wir können nicht die geplanten 36 Kampfjets anschaffen, das hat militärische Konsequenzen. Aber die Zusammenarbeit mit der Industrie und auf Arbeitsebene mit den amerikanischen Behörden funktioniert.
Wann hebt die erste F‑35 mit Schweizerkreuz ab?
Im zweiten Halbjahr 2027 in den USA. Die ersten acht Flugzeuge werden dort ausgeliefert, ein Teil unserer Pilotinnen und Piloten sowie das Bodenpersonal werden dafür in den USA geschult. Ab dem dritten Quartal 2028 verlagern wir die Ausbildung schrittweise in die Schweiz.
Die Luftwaffe wollte 55 bis 70 Kampfjets. Jetzt bekommen Sie nicht einmal 36. Frustriert Sie das?
Aus militärischer Sicht benötigen wir diese Anzahl an Flugzeugen, um im Konfliktfall Bedrohungen aus der Luft dauerhaft abwehren zu können. Für mich ist jetzt zentral, dass wir in ein Kampfflugzeug der fünften Generation investieren, das neue Fähigkeiten bringt und die Schweiz über Jahrzehnte schützt.
Ist garantiert, dass die Schweiz wenigstens 30 Flieger erhält?
Wir streben die Beschaffung von rund 30 F-35 an. Die genaue Zahl hängt von den Vertragsverhandlungen mit den USA ab.
Die Politik denkt über Alternativen nach. Würde es auch ein europäischer Flieger tun?
Über einen zweiten Beschaffungsschritt entscheidet die Politik – mein Auftrag ist, das vorhandene System bestmöglich zu nutzen.
In der Ukraine und im Nahen Osten sehen wir, wie massiv Drohnen das Gefechtsfeld verändern. Was bedeutet das für die Schweiz?
Drohnen spielen heute von der Grauzone unterhalb der Kriegsschwelle bis zum offenen Konflikt eine zentrale Rolle. Es gibt kein Zaubermittel, das alle Drohnenbedrohungen abdeckt. Wir brauchen ein Zusammenspiel von Kampfflugzeugen, bodengestützten Luftverteidigungssystemen und spezifischen Drohnenabwehrmitteln. Die technologische Entwicklung ist rasant, darum haben wir ein Kompetenzzentrum für Drohnen und Robotik aufgebaut und investieren in neue Abwehrsysteme. Am G7‑Gipfel in Evian werden wir erstmals die Drohnenabwehr und das Aufklärungsdrohnensystem ADS 15 im operativen Einsatz nutzen.
Das ADS 15 stammt vom israelischen Hersteller Elbit und hat für viele negative Schlagzeilen gesorgt. Ist es bis zum G7-Gipfel Mitte Juni wirklich startklar?
Wenn Sie im Luzernischen wohnen würden, könnten Sie sehen, dass das ADS 15 schon länger im Einsatz ist. Die Drohne fliegt und befindet sich in der operationellen Erprobung. Wir werden sie am G7‑Gipfel in Evian nutzen, um unter realen Bedingungen Erfahrungen zu sammeln. Einzelne Automatismen funktionieren noch nicht, das müssen wir manuell kompensieren. Aber in den meisten Szenarien können wir die erwartete Leistung erbringen. Nach vielen Schwierigkeiten hat das Projekt deutlich Aufwind.
Sprechen wir über die Luftabwehr: Könnte die Schweiz einen iranischen Angriff auf ein Gebäude der Nationalbank oder der UBS abwehren?
Ich spreche nicht über konkrete Szenarien. Ganz allgemein muss ich in aller Deutlichkeit sagen: Wir sind nicht abwehrbereit. Auf moderne Bedrohungen aus der Luft haben wir nur bescheidene und veraltete Antworten. Gegen ballistische Lenkwaffen haben wir keine Lösung. Das ist unangenehm, aber man muss es klar benennen. Die laufenden Projekte zielen genau darauf ab, diese Lücken zu schliessen. Es ist ein Kampf gegen die Zeit.
Beim bodengestützten System Patriot drohen fünf Jahre Verspätung. Werden die USA die Patriots jemals ausliefern?
Patriot ist für uns ein Schlüsselsystem, der Vertrag besteht. Die Verzögerung verlängert die Fähigkeitslücke – das ist problematisch. Deshalb prüfen wir parallel Varianten, ein weiteres System vorzuziehen, das ähnliche Fähigkeiten bietet und früher verfügbar ist.
Wäre ein zweitbestes Abwehrsystem nicht besser als gar keines?
Gewisse Anforderungen müssen erfüllt sein. Ob wir uns für eine neue Generation entscheiden oder ein bereits geprüftes System nehmen, entscheidet der Evaluationsprozess.
Ein weiteres Problem heisst Florako. Das Radar‑ und Führungssystem der Luftwaffe sollte 2024 ersetzt werden, das neue Thales-System ist immer noch nicht einsatzbereit.
Florako ist das Herz unseres Systems, es verknüpft die Sensoren und erlaubt, die Luftwaffe überhaupt zu führen. Das neue System von Thales hätte ursprünglich deutlich früher kommen sollen, aber die Integration in unsere Informatiklandschaft wurde unterschätzt. Wir rechnen heute mit ersten Fähigkeiten um 2030. Bis dahin betreiben wir das bestehende System weiter. Es ist alt, aber es liefert.
Ihr Vorgänger musste das traditionelle Fliegerschiessen Axalp absagen. Sie planen 2027 eine Wiederaufnahme. Ist das nicht das falsche Signal, nach dem Motto: «Wir haben wieder genug Geld?»
Nein. Ich lasse prüfen, unter welchen Bedingungen eine Wiederaufnahme möglich wäre. Im Moment ist nichts entschieden. Das Fliegerschiessen ist eine hervorragende Möglichkeit, die Armee der Bevölkerung näherzubringen.
Ihre Piloten sind auf dem Markt heiss begehrt. Wie viele haben Sie an die Swiss und an die Flugsicherung Skyguide verloren?
Die Zahl werde ich nicht nennen, aber sie schmerzt mich. Fluktuation gehört zur heutigen Arbeitswelt, aber wir müssen Abgänge vermeiden. Als ich bei der Luftwaffe angefangen habe, konnte ich deutlich mehr fliegen als die Piloten heute. Wir müssen die Rahmenbedingungen so gestalten, dass der Beruf attraktiv bleibt.