Darum gehts
Herr Rau, können Sie sich an den Sexualkundeunterricht an der Kanti St. Gallen erinnern?
Milo Rau: Ehrlich gesagt nein. Wir haben im Biologieunterricht über Penis, Vagina und Fortpflanzung der menschlichen Spezies gesprochen. Aber es ging überhaupt nicht um zwischenmenschliche Dinge. «Nein heisst Nein» war kein Thema, erst recht nicht «Nur Ja heisst Ja».
Ihre Töchter sind 16 und 19 Jahre alt.
Als Vater von Töchtern habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie Mädchen überhaupt heranwachsen – ich bin mit einem Bruder aufgewachsen und habe keine Schwester. Meine Töchter nehmen heute manchmal auf Partys Teststreifen mit, um Drinks auf K.-o.-Tropfen zu testen.
Sie bringen den Fall Gisèle Pelicot von Avignon über New York bis St. Gallen auf die Bühne. Die Französin wurde von ihrem Mann betäubt und von Dutzenden Männern vergewaltigt. Was interessiert Sie daran so sehr?
Gisèle Pelicot ist eine ganz normale Frau. Sie könnte meine Mutter sein – sie war überhaupt nicht darauf vorbereitet, zur Super-Ikone zu werden. Sie sagt: «Die Scham muss die Seite wechseln!» Sie hat sich dafür entschieden, dass der Prozess gegen die Täter öffentlich stattfinden kann. Ihr Aufruf war: Der Gerichtsraum muss zur Bühne werden. Meine Co-Autorin Servane Dècle und ich sagen: Dann muss die Bühne zum Gerichtssaal werden.
Was empört Sie am meisten?
Der fehlende Fortschritt im moralischen Sinne. Wir haben zwar immer bessere technische Mittel, aber als Menschen werden wir eher schlechter. Wir müssen Männer in unserer Kultur so erziehen, dass sie lernen, Nein zu sagen. Die Täter in Frankreich waren ganz normale Männer – Journalisten, Familienväter, Arbeitslose, sogar ein Homosexueller war dabei. Sie wussten, was sie tun. Aber fast alle empfinden mehr Scham dabei, Nein zu sagen, als eine ohnmächtige Frau zu vergewaltigen. Bis auf einen Mann – der beeindruckt mich.
Was an ihm ist beeindruckend? Auch er war in obskuren Internetforen unterwegs und besuchte Monsieur Pelicot in der Absicht, Gisèle Pelicot zu vergewaltigen.
Ja, aber entscheidend ist: Er hat es nicht getan. Er hat gemerkt, dass es nicht – wie auf den Foren behauptet – um eine krasse Sex-Fantasie geht, sondern um ein Verbrechen. Deswegen müssen wir die Willensfreiheit trainieren. Der Weg zum Verbrechen ist oft der Weg des geringsten Widerstands. Weil der Preis, Nein zu sagen, als höher empfunden wird.
Im Fall Pelicot konnten die Täter überführt werden, weil ihre Taten gefilmt wurden. Weshalb zeigen Sie das Videomaterial nicht auf der Bühne?
Ich habe in vielen Stücken extrem explizite Dinge gezeigt und wurde oft für die Darstellung von Gewalt kritisiert. Hier stand das überhaupt nicht zur Debatte. Die sprachliche Beschreibung der Videos ist explizit genug.
Die Diskussion über den Fall Pelicot hat durch den Aargauer Patrick F. auch die Schweiz erreicht. Der Ex-SVP-Kantonsrat soll Partnerin und Tochter betäubt und vergewaltigt haben.
Mich überrascht das nicht. Nach Gisèle Pelicot sind in vielen Ländern ähnliche Strukturen sichtbar geworden. Mich wundert eher, wie schnell solche Fälle wieder vergessen gehen. In Deutschland gibt es aktuell einen Prozess mit weitaus mehr Einzeltaten als in Avignon. Das Gericht ging davon aus: Das Interesse wird gross sein, und es hat zusätzliche Räume reserviert. Das Interesse blieb jedoch sehr klein.
Was muss sich in der Schweiz ändern?
Wir müssen begreifen, dass eine rein individuelle Bestrafung das Problem nicht löst, solange wir Menschen mit Medienbeiträgen berieseln, die Vergewaltigungskultur normalisieren und solche Verhaltensmuster erst erschaffen. Die Menschen müssen dazu erzogen werden, sich selbst zu reflektieren und Nein zu sagen. Man muss sich jeden Tag selbst fragen: Ist das richtig, was ich da tue?
In der Schweiz denken viele: Weniger Ausländer bedeuten weniger Vergewaltiger!
Das ist Quatsch. Der Mythos vom Fremden im Stadtpark hält sich hartnäckig. Das ist politische Propaganda und statistisch komplett falsch. In 99 von 100 Fällen geschehen Vergewaltigungen im engsten Freundeskreis, in der Familie, im intimsten Umfeld. Das Zuhause ist am gefährlichsten. Wer nackt durch den Stadtpark rennt, ist statistisch sicherer als zu Hause.
In Ihrer Inszenierung in St. Gallen wird die Zürcher SP-Politikerin Mandy Abou Shoak einen Text der US-Kulturtheoretikerin mit dem Pseudonym bell hooks vorlesen.
Zusammengefasst sagt bell hooks: Männer werden in unserer Kultur dazu erzogen, sich quasi von sich selbst abzuspalten und Dinge zu tun, die sie ablehnen. Keiner der Männer hatte Spass an der Vergewaltigung, man sieht das auf den Videos. Aber so werden Männer erzogen: Da stecke ich jetzt drin, da muss ich jetzt durch, das erwartet man von mir.
Warum suhlen Sie sich in Ihrer linken Blase und bemühen Sie sich nicht um SVP-Politiker?
Ich bin bekannt dafür, dass ich Meinungen, die von meiner extrem abweichen, eine Bühne gebe. Sei es für AfD-Vertreter bei meinem «Prozess gegen Deutschland», sei es, als ich Peter Thiel an mein Festival in Wien eingeladen habe. Insofern hier ein Aufruf an alle SVP-Politiker: Bitte meldet euch! Vor allem, da sie in ihrer Partei ja ein offensichtliches Sexismus-Problem haben.
Sie werden weltweit gefeiert, gehen mit Ihrem Aktivismus aber auch vielen auf die Nerven.
Viele Leute, die mich kritisieren, kennen meine Stücke und Filme nicht. Die Wirklichkeit, die wir auf der Bühne zeigen, ist hochkomplex. Ich hebe nicht den Zeigefinger und sage, was richtig und was falsch ist. Ich mache das Gegenteil: Ich zeige die Dinge so kompliziert wie möglich, sodass man verwirrt und überwältigt ist und sich fragt, wer wir eigentlich sind.
Eines Ihrer zentralen Anliegen ist fairer Handel, etwa mit Tomaten. Sind Sie als Aktivist nicht gescheitert?
Seit dem Projekt «Das Neue Evangelium» haben wir über 2000 illegalen Plantagenarbeitern in Süditalien Papiere verschaffen können, unsere fairen Tomaten sind in 150 Supermärkten erhältlich. Bei den grossen Schweizer Genossenschaften klopfen wir weiter an. Ich glaube daran: Wenn der Konsument aufhört, an das Märchen von billigen Produkten durch Ausbeutung zu glauben, gelingt Veränderung. Das ist total schweizerisch: Die Macht liegt beim Volk – im Kapitalismus beim Konsumenten. Diese Macht müssen wir stärker nutzen.
Sie bleiben ein Ruhestörer?
Klar, das ist mein Hobby. Ich kann gar nicht anders!