«Eine Gondel darf nicht abstürzen.»
Ein Satz wie ein Naturgesetz. Gesagt vom Chef der Titlisbahnen, Norbert Patt – Stunden nachdem genau das geschah. Eine Gondel löst sich vom Seil. Eine 61-jährige Frau stirbt.
Was nicht sein darf, passiert. Genau das ist das Problem.
Der Satz ist mehr als ein Reflex. Er zeigt unser Selbstbild: die Schweiz als Land, in dem alles funktioniert. Sicher, kontrolliert, berechenbar.
Doch die Fassade bekommt Risse. Erst Crans-Montana, dann Titlis. Dazwischen das Postauto-Drama. Immer wieder die gleiche Frage: Ist unser System so sauber, wie wir glauben?
Beim Unglück am Titlis ist vieles offen. Die Untersuchung wird klären, ob jemand fahrlässig handelte und wer die Verantwortung trägt.
Trotzdem drängen sich Fragen auf.
Schlägt Profit die Sicherheit?
In Crans-Montana war der Brandschutz zweitrangig. Hauptsache volle Hütte, Champagner, Umsatz.
Am Titlis ist nichts bewiesen. Doch aus der Branche werden Stimmen laut, die beunruhigen: Wird bei starkem Wind konsequent gestoppt – oder läuft der Betrieb noch ein bisschen weiter? Die Versuchung ist da. Der Druck auch.
Zählt Nähe mehr als Unabhängigkeit?
Man kennt sich, man braucht sich, man schützt sich. Crans-Montana zeigt, wohin das führt.
Auch am Titlis lohnt ein genauer Blick. Die Bergbahn ist nicht irgendein Betrieb. Sie ist Motor der Region, Arbeitgeberin, Steuerzahlerin. In solchen Strukturen verschwimmen Rollen schnell.
Der starke Mann der Region heisst Hans Wicki: Verwaltungsratspräsident der Titlisbahnen, Präsident des Seilbahnverbands, FDP-Ständerat.
Am Tag nach dem Unglück sagt er, die Mitarbeitenden hätten alles richtig gemacht. Ein bemerkenswerter Satz. Nicht, weil er falsch sein muss. Sondern, weil er zu früh kommt.
Denn was richtig oder falsch war, klärt nicht der Verwaltungsrat. Das klärt die Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) – und im Zweifel die Justiz. Wenn diese Grenzen verschwimmen, wird es heikel.
Lieber konsequente Kontrollen als noch mehr Regeln
Wer in eine Gondel steigt, gibt Kontrolle ab. Wer in eine Bar geht, vertraut auf Sicherheit. Wer hier lebt, verlässt sich darauf, dass Regeln gelten – und dass sie durchgesetzt werden.
Was passiert, wenn Kontrollen zu locker sind, weil man sich kennt? Was passiert, wenn wirtschaftliche Interessen subtil über Sicherheitsfragen rücken? Was passiert, wenn die Aufarbeitung Rücksicht nimmt, statt Klarheit schafft?
Die Schweiz braucht nicht noch mehr Vorschriften. Es reicht, die bestehenden durchzusetzen – unabhängig, konsequent, auch wenn es wehtut.
Blochers «verlotterte Zustände»
Christoph Blocher sprach nach Crans-Montana von «verlotterten Zuständen» der Behörden und spannte den Bogen weit – bis zur Europa-, Asyl- und Sicherheitspolitik. Darüber lässt sich streiten.
Es wäre schon viel gewonnen, wenn Politiker aller Couleur dafür sorgten, dass Institutionen nicht verlottern – und das Wohl der Bürger nicht dem Profit geopfert wird.