Darum gehts
- Zuger Finanzdirektor Heinz Tännler unterstützt nun die 10-Millionen-Initiative seiner Partei
- Tännler kritisiert fehlende Lösungen des Bundesrats, fordert qualitative Zuwanderungssteuerung
- Kanton Zug schrieb 2025 einen Überschuss von 430 Millionen Franken
Noch vor einem halben Jahr warnte der Zuger SVP-Finanzdirektor Heinz Tännler (66) mit drastischen Worten vor der 10-Millionen-Initiative der eigenen Partei. Eine strikte Obergrenze sei «gefährlich» und würde die Wirtschaft «auf einen Schlag abwürgen», liess er sich in der «NZZ» zitieren. Ein gewisses Wachstum müsse möglich bleiben, denn Wachstum bedeute Wohlstand.
Kurz vor der Abstimmung am 14. Juni folgt nun die Kehrtwende: Tännler wird ein Ja in die Urne legen. In seinem Büro im fünften Stock der Zuger Finanzverwaltung erklärt der Regierungsrat, warum er seine Meinung geändert hat – und weshalb er trotz der Tiefsteuerpolitik seines Kantons beim Bevölkerungswachstum plötzlich auf die Bremse treten will.
Herr Tännler, Ende 2025 haben Sie sich noch gegen die 10-Millionen-Initiative geäussert, jetzt haben Sie Ihre Meinung geändert. Warum?
Heinz Tännler: Richtig. Das darf man in der Schweiz, wenn es gute Argumente dazu gibt.
Welche Gründe hatten Sie?
Ich bin grundsätzlich für Wachstum. Man könnte jetzt sagen, das sei ein Widerspruch: Auf der einen Seite bin ich für die Initiative, auf der anderen Seite für Wachstum. Es ist aber nicht so, dass es mit der Initiative gar kein Wachstum mehr gäbe. Die Frage ist vielmehr: Was für ein Wachstum kann man noch verantworten? Sicher keines mehr in diesem Tempo.
Schon vor einem halben Jahr hatten Sie Verständnis für das Anliegen gezeigt, die Initiative trotzdem als zu absolutistisch abgelehnt.
Der fehlende Gegenvorschlag des Bundesrates hat mich unter anderem zum Umdenken bewogen. Wenn man auf die Strasse geht und mit den Leuten redet, sieht man doch, dass wir ein Problem haben. Alle sagen: Wir haben einen unglaublichen Wachstumsdruck. Der Bundesrat und auch das Parlament ignorieren das Problem.
Regierungsrat Heinz Tännler (66) ist seit 2016 für die Finanzen des Kantons Zug verantwortlich. Der SVP-Politiker und Jurist war früher bei der Fifa und beim Schweizerischen Eishockeyverband tätig. Von 1995 bis 2003 war er Mitglied des Zuger Kantonsrats. 2007 wurde er schliesslich in den Regierungsrat gewählt, wo er bis 2015 der Baudirektion vorstand. Tännler wurde 1960 in Zug geboren und ist Vater von drei erwachsenen Kindern.
Regierungsrat Heinz Tännler (66) ist seit 2016 für die Finanzen des Kantons Zug verantwortlich. Der SVP-Politiker und Jurist war früher bei der Fifa und beim Schweizerischen Eishockeyverband tätig. Von 1995 bis 2003 war er Mitglied des Zuger Kantonsrats. 2007 wurde er schliesslich in den Regierungsrat gewählt, wo er bis 2015 der Baudirektion vorstand. Tännler wurde 1960 in Zug geboren und ist Vater von drei erwachsenen Kindern.
Der Bundesrat hat einen Strauss an Massnahmen vorgelegt.
Die sind doch zahnlos. Und die Verschärfung der Lex Koller ist ein Schuss in den Ofen, eigentlich eine Nulllösung.
Und sonst?
Ich unterstütze die Idee einer Zuwanderungsabgabe. Vor acht Jahren hielt etwa die FDP dies noch für eine Schnapsidee. Heute kommen FDP-Ständeräte und machen die Idee salonfähig. Gemacht wird dann trotzdem nichts.
Der Bundesrat hat letzte Woche einen Bericht dazu veröffentlicht.
Aber man muss diese Ideen endlich umsetzen! Das ist das Problem: Man hätte Massnahmen, aber handelt nicht. Das ist eine ignorante Haltung gegenüber dem Volk. Der nächste Punkt: Wir sprechen ewig vom Fachkräftemangel. Da sollten wir unsere Hausaufgaben machen. Wir brauchen Ausbildungsoffensiven und müssten zum Beispiel mehr Ärzte ausbilden. Und was machen wir? Wir haben den Numerus Clausus, importieren dann aber Tausende Ärzte.
Diese Probleme sind nicht neu. Und auch vor einem halben Jahr war schon klar, dass der Bundesrat keinen Gegenvorschlag will. Nochmals: Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?
Ich nahm mir die Zeit, mich mit den verschiedenen Argumenten vertieft auseinanderzusetzen. Das löste etwas aus. Ich finde Deckelungen per se nicht gut. Aber die Argumente für die Initiative sind für mich überzeugender.
Die Initiative ist doch faktisch eine Deckelung.
Sie hat eine Deckelung bei 10 Millionen, lässt aber Wachstum zu. Brutto können immer noch über 100'000 Personen pro Jahr in die Schweiz kommen.
Ihre Partei spricht von 40’000 Personen pro Jahr.
Ja, aber wenn 40'000 Personen netto zuwandern, kommen brutto vielleicht 140'000 in die Schweiz und 100'000 gehen raus. Ich sage einfach: Man muss mehr steuern und schauen, wer in die Schweiz kommt.
Wie würden Sie das konkret umsetzen? Die SVP sagt, man wolle es über den Familiennachzug und das Asylwesen regeln.
Asyl und Familiennachzug sind sicher ein Thema. Mit einer Fachkraft kommen oft die Partnerin oder der Partner, die Kinder, die Grosseltern und so weiter. Tür und Tor stehen offen – und das ohne Eintrittsgebühr. So kann es nicht weitergehen. Andere Einwanderungsstaaten haben auch ihre restriktiven Regeln festgelegt und es funktioniert.
Die Hebelwirkung bei Familiennachzug und Asyl ist begrenzt. Alleine über den Familiennachzug kamen 2025 über 25’000 Personen aus der EU in die Schweiz. Müssten Kontingente eingeführt werden?
Ich kann mir Kontingente wie bei Drittstaaten vorstellen. Ein Kanton wie Zug hätte für den Arbeitsmarkt ein bestimmtes Kontingent an Fachkräften. Dann müsste man stärker auf Qualität statt Quantität setzen. Wie das konkret umgesetzt wird, ist Sache des Bundes.
Damit würde die Personenfreizügigkeit verletzt. Das würde Brüssel kaum langfristig akzeptieren. Nehmen Sie das Ende des Abkommens in Kauf?
Nein, das möchte ich nicht. Ich weiss, dass Umsetzungsprobleme bestehen können – aber es gibt auch viele Widersprüche bei den Gegnern, die keine Lösungen vorlegen und teilweise mit zwiespältigen Argumenten operieren.
Sie selbst kurbeln mit der Tiefsteuerpolitik die Zuwanderung an, der Kanton Zug profitiert massiv davon. Haben Sie auf eine falsche Wachstumsideologie gesetzt?
Nein, wir haben auf eine Wohlstandspolitik gesetzt. Aber jedes Wachstum hat Grenzen. Wir wollen kein Singapur mit einer Skyline aus Wolkenkratzern werden.
Sie spekulieren darauf, dass die reichen Zuger Arbeitgeber ohnehin weiterhin den Zugang zu Fachkräften sichern können.
Das wird möglich sein – über eine Steuerung. Nicht nur die reichen Arbeitgeber werden hier nicht aushungern. Es gibt immer wieder Wege und Lösungen. Ich glaube einfach nicht, dass man dann die Personenfreizügigkeit kündigen muss. Ein Kleinstaat wie die Schweiz muss flexibel navigieren, das liegt in unserer DNA.
Besteht bei der jetzigen Initiative nicht die Gefahr, dass die Firmen in Zug abwandern?
Das sind Angstmacher-Geschichten. Die Firmen sind hier verwurzelt. Wenn eine Firma den Kanton Zug verlässt, hat das meist strukturelle Gründe, die in den USA oder anderswo entschieden werden – nicht wegen so einer Initiative. Das haben wir schon bei der OECD-Mindeststeuer gehört: Es hiess, alle Firmen würden gehen, aber nichts ist passiert. Wir nehmen wahrscheinlich sogar mehr ein.
Der Kanton Zug ist zwischen 1981 und 2024 um rund 75 Prozent gewachsen und wächst weiterhin. Wie garantieren Sie den Zugerinnen und Zugern, dass ihr Wohlstandsniveau bei einer Deckelung der Bevölkerung nicht stagniert oder sinkt?
Indem man qualitatives Wachstum in den Vordergrund stellt. Es wird weiterhin Wachstum geben, aber es muss eines in die Tiefe sein und nicht eines in die Breite.
Wenn Sie ein geringeres Wachstum in Kauf nehmen, sinken dann nicht auch die Steuereinnahmen?
Nein, das glaube ich nicht. Die Firmen in Zug sind höchst innovativ. Wir reden ständig über Digitalisierung und KI. Mit künstlicher Intelligenz kann man viel effizienter werden und mit gleich vielen Leuten mehr erreichen. Dieses Potenzial wird in der Diskussion völlig ausgeblendet. Ausserdem: Der Kanton Zug schreibt 2025 einen Überschuss von 430 Millionen Franken.
Sie sind als Zuger Regierungsrat quasi in der komfortablen Lage, dass Sie Ja sagen können zur Initiative.
Das ist so. In der Finanzplanung für 2028 rechnen wir mit 600 Millionen Überschuss. Ich bin ein liberaler Geist, aber muss man wirklich 600 Millionen Plus schreiben?
Wenn die Zuwanderung als Korrektiv für den demografischen Wandel sinkt, steigt der Druck auf die Sozialversicherungen. Fordern Sie im Gegenzug zur Initiative eine Erhöhung des Rentenalters auf 67?
Wir müssen über eine Erhöhung des Rentenalters diskutieren. Ich bin 66 und fühle mich gut. Wer im Büro arbeitet, kann länger weitermachen als jemand auf dem Bau. Das ist aber nicht der einzige Punkt. Der Generationenvertrag funktioniert nicht mehr.
Erklären Sie.
Die Schweiz hat zu wenig Nachwuchs. Wir müssen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern – Kinder dürfen nicht zum finanziellen Risiko werden. Den Geburtenrückgang alleine durch Zuwanderung zu kompensieren, ist falsch. Wir müssen bei der Bildung, beim Pflegepersonal und bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ansetzen. Stattdessen reden wir mantramässig immer über Zuwanderung und meinen, alles sei dann gelöst.
Gab es Druck aus der Partei, nachdem Sie sich ursprünglich gegen die Initiative geäussert haben?
Nein. Ich habe kein Problem, meine Meinung zu sagen. Das sind meine eigenen Überzeugungen und Überlegungen.