Foto: Philippe Rossier

Er hat genug von Bern – Wil SG statt Bundeshaus!
Der unkonventionellste SVPler wagt den Neustart

Seit fast 20 Jahren sitzt Lukas Reimann im Nationalrat – und blieb doch stets Aussenseiter. Jetzt will der unorthodoxe SVP-Politiker im chaotischen Wil Stadtrat werden. Gelingt ihm lokal, was ihm in Bern nie ganz gelang?
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Lukas Reimann ist im Wahlkampf.
Foto: Philippe Rossier

SVP-Nationalrat Lukas Reimann (43) könnte die Sommerferien nutzen, um Strategien gegen den EU-Deal auszutüfteln und Allianzen zu schmieden. Könnte man meinen: Schliesslich sitzt Reimann schon seit fast 20 Jahren im Nationalrat.

Tatsächlich steht Lukas Reimann in Wil SG und verteilt Mate-Getränke. Er will Stadtrat werden. Grünaustrasse statt Schutzklausel.

Was ist da passiert?

2007 wurde Reimann mit 25 in den Nationalrat gewählt. Eigentlich ist man nach so langer Zeit ein alter Hase. Doch in Bern gilt er als Aussenseiter. Fraktionsübergreifendes Biertrinken ist nicht sein Ding, Lobby-Anlässe noch weniger. Politisch stellte sich Reimann teilweise gegen die eigene Partei.

Er habe bewusst die Rolle des Unabhängigen gesucht, sagt Reimann. 2011 lancierte er die Transparenz-Initiative. Parlamentarier hätten Nebeneinkünfte und Geschenke melden müssen. Der Vorschlag sorgte für Ärger bei seinen Parteikollegen. «Der damalige Fraktionschef wollte mich fast rausschmeissen.» 2014 konnte Reimann das Auns-Präsidium übernehmen. Jener Verein, den Christoph Blocher einst mitgegründet hatte.

Unbeliebt ist Reimann nicht. «Ich habe mit niemandem Streit in der Fraktion.» SVP-Asylchef Pascal Schmid reiste extra nach Wil für ein Wahlvideo, erzählt er.

Transparenz ermöglicht, Minarett verhindert

Seinen grössten Erfolg sieht Reimann im Kampf für mehr Transparenz. Politiker müssen heute ihre Nebeneinkünfte offenlegen. Und: «In Wil bin ich noch immer der, der ein Minarett verhindert hat. Dazu kommen kleine Sachen: Pokern ist in der Schweiz wieder legal.» 

Während andere Politiker mit grossen Gesetzesvorhaben in Erinnerung bleiben, setzte sich Reimann dafür ein, dass die Fernsehsendung «Aktenzeichen XY» zurückkommt oder dass im Parlament Schweizerdeutsch gesprochen wird. «Das sind alles Themen, die den Bürgern wichtig sind. Die Idee mit dem Schweizerdeutsch hat mir ein Tankstellenmitarbeiter mitgegeben.» 

Jetzt zieht es ihn zurück nach Wil SG. Wil, eine Stadt mit rund 25'000 Einwohnern. In der Satiresendung «Giacobbo/Müller» wurde sie regelmässig wegen des nicht vorhandenen Minaretts verspottet. Wenn die Stadt in den nationalen Medien auftaucht, dann häufig wegen Ausschreitungen.

Doch Wil ist auch die Stadt der Polit-Talente. Neben Reimann kommt mit Arbër Bullakaj (40, SP) und Barbara Gysi (62, SP) ein Viertel der Nationalratsdelegation des Kantons St. Gallen aus dieser Stadt. Und mit Bundesrätin Karin Keller-Sutter (62, FDP) wohnt eine der mächtigsten Personen der Schweiz dort.

«Ich habe schnell gelernt, dass ich nur einer von 200 bin»

Ein Rückschritt sei der Wechsel nicht, sagt Reimann. «Es ist etwas anderes. Man ist viel näher bei den Leuten, und vermutlich trägt man mehr Verantwortung als ein einzelner Nationalrat.»

Er sei ein anderer Politiker als vor 19 Jahren. «Ich war sehr revolutionär und dachte, jetzt mache ich alles anders und besser.» Doch Reimann lief auf. «Ich habe schnell gelernt, dass ich nur einer von 200 bin. Im Nachhinein finde ich es gut, dass nicht ein Einzelner so viel Macht hat.»

Gleichzeitig will Reimann in Wil, seiner Heimatstadt, in den Stadtrat, um «Probleme schneller zu lösen und Projekte rascher umzusetzen». Macht er sich auch hier falsche Hoffnungen? «Das weiss ich in 20 Jahren», sagt er lachend. «Aber ich glaube, auf lokaler Ebene kann man unbürokratischer anpacken. Die Politik hier läuft konstruktiver.»

Unorthodox gegen das Chaos

Die städtische Politik in Wil hat in den letzten Jahren mehrfach für Negativschlagzeilen gesorgt. Die letzten drei Bauvorsteher wurden jeweils abgewählt. Gegen den amtierenden Stadtpräsidenten laufen Strafanzeigen, weil er Gelder aus einem städtischen Fonds an seine eigene Firma freigegeben hat. Und einen gültigen Steuerfuss für 2026 hat die Stadt auch noch nicht. Die Parlamentssitzung dazu endete im Chaos.

Für den Wahlkampf nutzt Reimann zwei Smartphones. Nur im Hosensack hat er diese nicht so gerne. «Strahlung und so.» Seine Termine trägt er in eine Papier-Agenda ein. Beruflich war Reimann erfolgreich, seine Snus-Onlinefirma hat er verkauft. Gemäss der «NZZ» wurde er damit Millionär. Reimann spielt gerne Poker. Ein ganz und gar unorthodoxer Politiker.

Seine Kandidatur sei eine Herzensentscheidung. Warum erst jetzt? «Jetzt ist dieser Sitz frei, jetzt ist diese Chance da», sagt er.

«Dazuzugehören ist ihm ein Graus»

Sein Konkurrent heisst Michael «Mike» Sarbach (45). Er hat die klassische Ochsentour gemacht: Stadtparlament, Kantonsrat. Herold bei der Fasnacht und Organisator beim lokalen Kulturlokal. Vielleicht sei es gut, wenn jemand komme, der nicht aus dem Klüngel stamme, kontert Reimann. Bei der Fasnachtsgesellschaft sei er auch Mitglied. Doch ein Vereinsmeier ist er nicht.

«Dazuzugehören, das ist ihm offensichtlich ein Graus», schrieb einst das «St. Galler Tagblatt». Schlechte Voraussetzungen für ein Exekutivamt, wo von Reimann parteiübergreifende Lösungen gefragt sind. «Das ist kein Problem. In den Kommissionen in Bern suche ich mit Politikern aus allen Parteien Lösungen.»

Leicht wird es für Reimann nicht. Nach dem ersten Wahlgang zog sich der Mitte-Kandidat zurück. Dessen Stimmen dürften grösstenteils an den Grünen Sarbach gehen. Dann wird es eng für Reimann. Reimann bleibt schwer zu fassen. Anders als viele andere in Bern ist er kein Karrierepolitiker. Darunter hat er auch gelitten. In Wil SG gibt es jetzt für ihn die Chance auf eine neue Herausforderung. Ausgang ungewiss. 

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