Die Schweiz verspielt in der Bildung gerade ihren grössten Trumpf
Warum ich das schwarze Schaf der Familie bin

Es ist alarmierend: Viele Schulabgänger sind zu wenig fit für die Lehre, während Hochschulabgänger schwerer einen Job finden. Macht die Schweiz gerade einen ihrer grössten Vorteile kaputt – das duale Bildungssystem? Ein persönlicher Wochenkommentar von Rolf Cavalli.
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Die Berufslehre ist ein Erfolgsrezept der Schweiz. Ist sie in Gefahr?
Foto: Keystone
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Rolf CavalliChefredaktor Blick

Ich bin das schwarze Schaf der Familie. Meine Grosseltern machten eine Berufslehre, meine Eltern auch. Meine Kinder ebenso. Nur ich musste unbedingt studieren.

Aus der Not heraus. Schon als Kind wollte ich Journalist werden. Eine praxisnahe Ausbildung direkt nach der Schule gab es damals für mich nicht. Also studierte ich Geschichte. Interessant, aber brotlos.

Meinen ersten festen Job bekam ich nur, weil ich während des ganzen Studiums nebenbei für Zeitungen schrieb. Damit verdiente ich meinen Lebensunterhalt – und sammelte jene Berufserfahrung, die mir keine Universität geben konnte.

Zwei neue Untersuchungen zeigen nun: Unser Bildungssystem gerät von beiden Seiten unter Druck. Hochschulabgänger finden schwerer eine Stelle. Gleichzeitig sind immer weniger Schulabgänger fit für eine Berufslehre.

Das duale Bildungssystem ist eine Schweizer Errungenschaft, um die uns viele Länder beneiden. Nur wir selbst würdigen sie erstaunlich wenig. Besonders Akademiker, die Politik und öffentliche Debatte prägen, unterschätzen ihren Wert.

Der Röstigraben bei der Ausbildung

Viele europäische Länder ohne starke Berufsbildung haben schon länger ein akutes Akademisierungsproblem. Ihre Universitäten bilden mehr Menschen aus, als der Arbeitsmarkt in manchen Berufen braucht. Gleichzeitig fehlen der Wirtschaft qualifizierte Berufsleute. Das Ergebnis: junge Akademiker ohne Stelle, Betriebe ohne Fachkräfte.

Rudolf Strahm, ehemaliger SP-Nationalrat und Preisüberwacher, warnte in seinem Buch «Die Akademisierungsfalle. Warum nicht alle an die Uni müssen» schon 2014 vor dieser Entwicklung. Er hatte recht. Nun zeigen sich erste Anzeichen auch in der Schweiz – zum Glück noch deutlich schwächer.

Strahm steht für das, was verloren zu gehen droht: Er lernte Chemielaborant, bevor er Karriere machte. Er kannte die Arbeitswelt, bevor er über sie sprach. Heute ist die einstige Arbeiterpartei SP weitgehend eine Partei der Akademiker. Das erklärt manches.

Die Unterschiede innerhalb der Schweiz sind auffällig. In der Deutschschweiz starten 61 Prozent der Jugendlichen mit einer Berufslehre ins Arbeitsleben, in der Westschweiz nur 37 Prozent. Gleichzeitig ist dort die Jugendarbeitslosigkeit deutlich höher.

KI verschärft das Problem zusätzlich

Und nun kommt die künstliche Intelligenz.

Wer glaubt, Akademiker seien vor ihr besser geschützt, irrt. Gerade Routinearbeiten in Recht, Finanzen, Beratung und Buchhaltung lassen sich zunehmend automatisieren. Der Elektriker ist schwerer zu ersetzen als der Unternehmensberater, der Sanitärinstallateur schwerer als der Jurist.

Ausgerechnet jetzt, da KI viele akademische Tätigkeiten unter Druck setzt, zieht es noch mehr Junge ans Gymi und an die Uni.

Gleichzeitig finden viele KMU kaum geeignete Lernende. Wer die Schule ohne ausreichende Kenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen verlässt, macht die Ausbildung für die Betriebe schwieriger und teurer.

Akademisches Mittelmass braucht niemand

Doch anders als bei globalen Mega-Trends wie Krieg, Klimawandel oder KI kann die Schweiz hier selbst handeln.

Zumal die Entscheidung für eine Lehre längst keine Entscheidung gegen ein Studium ist. Unser Bildungssystem ist durchlässiger denn je: Wer eine Berufslehre macht, kann später immer noch an die Hochschule.

Dazu müssen die Schulen wieder zuverlässig jene Grundkenntnisse vermitteln, die eine Lehre voraussetzt – und Eltern aufhören, das Gymnasium mit sozialem Aufstieg zu verwechseln. Die Lehre muss wieder das sein, was sie einmal war – kein Bildungsweg zweiter Klasse.

Akademisches Mittelmass braucht niemand – im KI-Zeitalter noch weniger als zuvor. Die Schweiz braucht nicht möglichst viele Akademiker. Sie braucht gute Berufsleute – und hervorragende Akademiker.

Das schwarze Schaf der Familie bin ich. Und das darf auch so bleiben.

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