Arbeitslos mit Abschluss
Viele Akademiker finden nach der Uni keinen Job – warum?

Für viele Studentinnen und Studenten folgt nach dem Hochschulabschluss das böse Erwachen. Der Einstieg in den Arbeitsmarkt wird für sie zum Wettbewerb um immer weniger Jobs. Die Hintergründe.
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Viele Anwärter auf wenige Plätze – schwierige Zeiten für Hochschulabgänger.
Foto: imago/photothek

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Hannah Jauch und Olivia Ruffiner
Handelszeitung

Eigentlich sollte sich die Arbeitswelt um ihn reissen. «Du wirst sehr gefragt sein mit so einer Topausbildung.» Diesen Satz hörte Noah Niklaus mehr als einmal, als er im Sommer 2020 sein ETH-Studium zum Maschinenbauingenieur begann. Sechs Monate vor der Abgabe seiner Masterarbeit startete er die Jobsuche.

Das böse Erwachen folgte rasch: Ein halbes Jahr lang checkte er täglich drei verschiedene Jobplattformen, bewarb sich auf jedes Inserat, das zu passen schien – Einladungen zu Vorstellungsgesprächen erhielt er keine. Stattdessen flatterten Absagen ins Postfach, meist standardisierte, automatisch generierte Mails. Die ausgeschriebenen Stellen setzten jeweils zwei bis fünf Jahre Berufserfahrung voraus. Selbst persönliche Kontakte halfen ihm nicht weiter; sie verwiesen ihn lediglich darauf, die Jobplattformen im Auge zu behalten. Die Suche im Ausland blieb ebenfalls erfolglos.

Artikel aus der «Handelszeitung»

Dieser Artikel wurde erstmals im Angebot von handelszeitung.ch veröffentlicht. Weitere spannende Artikel findest du unter www.handelszeitung.ch.

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Niklaus verstand die Welt nicht mehr. Hatte er nicht alles richtig gemacht? Beide Abschlüsse – Bachelor und Master – schloss er mit Noten im Bereich von 5,5 ab, dazwischen absolvierte er ein Praktikum im Ausland. Wo waren all die Arbeitgeber, die sich um ihn reissen würden?

Über 50'000 Erwerbslose mit Tertiärausbildung

Mit dieser Erfahrung ist Niklaus nicht allein. Viele junge Akademikerinnen und Akademiker in der Schweiz machen derzeit ähnliche Erfahrungen – denn ein Hochschulabschluss gilt längst nicht mehr automatisch als Eintrittskarte in einen sicheren, gut bezahlten Job.

Das zeigen die Daten des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco): Noch 2021 machten Personen mit Tertiärausbildung weniger als einen Viertel aller Arbeitslosen aus. Seither ist ihre Zahl um über 10’000 Personen gestiegen. Im Januar machten sie knapp einen Drittel oder über 50’000 aller Erwerbslosen aus, eine Zunahme zum Vorjahresmonat von über 20 Prozent. Zur Tertiärstufe zählt das Seco nicht nur Universitätsabsolventinnen und -absolventen, sondern auch Personen mit eidgenössischen Diplomen und Fachausweisen, Abschlüssen von höheren Fachschulen, Fachhochschulen, pädagogischen Hochschulen sowie der ETH.

Gleichzeitig verbesserte sich die Situation für Menschen mit einer Ausbildung auf Sekundarstufe II, etwa mit Lehrabschluss, Berufsmaturität oder gymnasialem Abschluss: Ihre Arbeitslosigkeit sank im selben Zeitraum um rund 6 Prozent.

Speziell hart trifft es Berufseinsteiger, sprich Menschen wie Niklaus, die soeben den Master abgeschlossen haben. Masterabsolventinnen machen laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) 35 Prozent der erwerbslosen Tertiärausgebildeten aus. Der Übergang vom Studium zum Beruf ist zur kritischen Hürde geworden.

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Das ist kein harmloses Phänomen. Die amerikanische Non-Profit-Organisation Strada analysierte in ihrem Bericht «Talent Disrupted» die Folgen von Unterbeschäftigung bei College-Absolventinnen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Wer nach dem Abschluss in einem Job startet, für den er oder sie überqualifiziert ist, bleibt es in 73 Prozent der Fälle auch zehn Jahre später. Wer hingegen direkt eine passende Stelle findet, hat eine Wahrscheinlichkeit von 86 Prozent, langfristig beruflich erfolgreich zu sein.

Das bestätigt auch das Amt für Arbeit des Kantons Zürich auf Anfrage der Handelszeitung: Der Berufseinstieg ist eine entscheidende Weichenstellung für die Zukunft. Wo harzt es in der Schweizer Talent-Pipeline?

Zu wenig auf den Arbeitsmarkt abgestimmt

Es gibt keinen einfachen Grund, der diese Entwicklung vollständig erklärt: Vielmehr greifen mehrere Faktoren ineinander. Patrick Chuard-Keller, Chefökonom des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, sieht einen wichtigen Grund in der Zunahme der Anzahl Akademikerinnen und Akademiker. 2024 verfügten 31,1 Prozent der Schweizer Bevölkerung über einen Hochschulabschluss. 2004 waren es 12,3 Prozent.

Parallel dazu verlor die Lehre an Gewicht. Während 2004 noch 48,4 Prozent der Bevölkerung eine Berufsbildung als höchste abgeschlossene Ausbildung angaben, waren es 2024 nur noch 32,2 Prozent. Das Problem: Die Zahl der Stellen für Hochqualifizierte hielt mit dem Wachstum der Abschlüsse nicht Schritt. «Es gibt heute schlicht mehr Akademiker, als es entsprechende Stellen gibt», sagt Chuard-Keller.

Einen weiteren Faktor sieht er im Mismatch zwischen Studienprofilen und Arbeitsmarktnachfrage. «Der Arbeitsmarkt funktioniert wie ein Heiratsmarkt – ohne Match geht nichts», erklärt er. Viele Studiengänge seien nicht ausreichend auf die konkreten Bedürfnisse des Arbeitsmarkts abgestimmt. Die Berufsbildung hingegen sei direkt damit verzahnt. «Lehrstellen würden gar nicht angeboten, wenn der entsprechende Beruf nicht gebraucht wird», so Chuard-Keller.

Ihr entscheidender Vorteil: Lehrabgänger bringen früh gesammelte Berufserfahrung, Arbeitszeugnisse und Referenzen mit – genau das Kapital, das Hochschulabsolventen beim Einstieg fehlt. Zwar bereicherten hoch qualifizierte Fachkräfte die Schweiz zweifellos, dennoch werde die Attraktivität der Berufslehre teilweise unterschätzt. «Unser durchlässiges Bildungssystem eröffnet auch mit einer Berufsausbildung vielfältige Karrierewege.»

Der Schluss, höhere Bildung lohne sich nicht mehr, greife jedoch zu kurz: Noch im Januar 2026 waren nur 2,4 Prozent der tertiär Ausgebildeten arbeitslos – gegenüber 3 Prozent insgesamt.

Von einem allgemeinen Akademikerüberschuss will Michael Siegenthaler nicht sprechen. Er leitet den Forschungsbereich Schweizer Arbeitsmarkt am KOF Institut und ist Professor an der ETH Zürich. Entscheidend sei vielmehr der Blick auf einzelne Branchen und Berufsbilder.

Die Digitalisierungsgewinner werden zu Verlierern

Gemeinsam mit Jeremias Kläui hat Siegenthaler die Studie «KI und der Schweizer Arbeitsmarkt» verfasst, die im Oktober 2025 vom KOF Institut und der ETH Zürich veröffentlicht wurde. Darin unterscheiden die Autoren zwischen Berufen, die stark vom Einsatz künstlicher Intelligenz geprägt sind, und solchen, in denen KI kaum eine Rolle spielt. Stark handwerklich geprägte Berufsleute wie Malerinnen und Schreiner nutzen KI kaum.

Anders verhält es sich in Berufen, in denen viele Aufgaben durch KI übernommen oder ergänzt werden können. Dazu zählen unter anderem Softwareentwickler, Korrekturleserinnen und Beschäftigte im Marketing. In diesen Feldern stieg die Arbeitslosigkeit seit November 2022, dem Einführungszeitpunkt von Chat GPT, an. «Deutlich stärker als in Berufen mit geringer KI-Exposition», sagt Siegenthaler. In der IT-Branche etwa verdoppelte sich die Zahl der Arbeitslosen zwischen 2022 und 2025 von 1700 auf 4000.

Die heute am stärksten von KI betroffenen Berufe werden häufig von hoch qualifizierten Fachkräften am oberen Ende der Lohnskala ausgeübt. «Lange galten viele davon als Digitalisierungsgewinner», sagt Siegenthaler. Bisher habe die Digitalisierung vor allem Routineaufgaben verdrängt, während spezialisierte Wissensarbeiterinnen und Wissensarbeiter ihre Position behielten. «Nun geraten erstmals auch diese gut ausgebildeten Akademikerinnen und Akademiker unter Druck und zählen zunehmend zu den Verlierern der Digitalisierung», sagt Siegenthaler.

Besonders auffällig bei der KI-Welle ist ihre enorme Geschwindigkeit. Ein Vergleich mit der Einführung des Computers verdeutlicht das: Vom Aufkommen der ersten kommerziell genutzten Rechner dauerte es rund zwanzig Jahre, bis Computer flächendeckend in Büros angekommen waren. Generative Sprachmodelle stellen dagegen nur eine sehr geringe Einstiegshürde dar. Es braucht weder tiefgehende Expertise noch finanziell hohe Investitionen, um Chat GPT und Co. zu nutzen. Ein Computer mit Internetzugang reicht bei den meisten Modellen aus. Dadurch konnte KI extrem schnell eine breite Marktabdeckung erreichen. Diese Geschwindigkeit führe zu einem rasanten Umschwung auf dem Arbeitsmarkt, dessen Auswirkungen noch kaum zu messen sind, erklärt Siegenthaler.

Wie rasch sich strukturelle Verschiebungen vollziehen können, zeigt das Beispiel Übersetzungen: Seit 2017/18, als Dienste wie Google Translate und Deepl ein solides Niveau erreicht hatten, sinkt die Beschäftigung in dieser Branche kontinuierlich. Ähnliche Rückgänge könnten weitere spezialisierte Berufsgruppen in den kommenden Jahren erleben.

Schwarzmalen will Siegenthaler dennoch nicht. «In der Schweiz findet eigentlich ein konstantes Stellenwachstum statt», sagt er, «das erleichtert die Anpassung an den Strukturwandel. Trotzdem kann es zu erhöhter Arbeitslosigkeit kommen, wenn der Stellenmarkt zeitweise stagniert, weil Unternehmen Einstellungsstopps einlegen.» Langfristig sieht Siegenthaler in der KI-Technologie auch wirtschaftliche Chancen: Günstigere Produkte könnten die Nachfrage ankurbeln, Einsparungen in Unternehmen liessen sich in der Folge anderswo investieren.

Das Ende des Booms

Zur strukturellen Verschiebung kommt die Konjunktur – und sie trifft den Schweizer Arbeitsmarkt in einer ungewöhnlich ungünstigen Kombination. Die Zollpolitik der USA unter Donald Trump, die schwache Nachfrage aus der EU und der starke Schweizer Franken belasten die exportabhängige Wirtschaft. Die Schweizer Industrie befindet sich de facto in einer Rezession. Marcel Keller, Country President Schweiz bei der Personaldienstleisterin Adecco, benennt den Wendepunkt präzise: «Vor gut 12 bis 18 Monaten kam es zu einem abrupten Wandel auf dem Arbeitsmarkt.» So abrupt wie selten zuvor.

Hintergrund ist eine doppelte Korrektur. Einerseits erlebte der Arbeitsmarkt nach der Pandemie einen ausgeprägten Stellenboom: Unternehmen bauten Kapazitäten auf, die sich im Nachhinein als überdimensioniert erwiesen. Anderseits setzt nun der Kostendruck ein: Die Unternehmen fokussieren sich zunehmend auf ihre Kernbereiche und lagern Tätigkeiten aus. Das hat dazu geführt, dass 2025 von 32 analysierten Berufsgruppen nur noch 4 vom Fachkräftemangel betroffen waren – darunter Berufe im Gesundheitswesen und in der Bauführung, nicht aber im IT- oder im kaufmännischen Bereich.

Keller gibt hierfür Offshoring als einen der Gründe an: Entwicklungsaufgaben werden in Länder wie Ungarn, Polen und Bulgarien verlagert, wo Fachkräfte mit vergleichbarer Kompetenz zu deutlich niedrigeren Kosten arbeiten. Auch klassische Backoffice-Aufgaben werden in Shared-Service-Center ausgelagert oder durch Automatisierung zusammengelegt.

«Unternehmen sind wieder selektiver»

Keller beobachtet zudem einen fundamentalen Stimmungswandel: In den letzten zehn Jahren herrschte ein Arbeitnehmermarkt, jetzt kehre sich dieser zum Arbeitgebermarkt um. Was früher als Anspruchsmentalität der Stellensuchenden beschrieben wurde, ist nun die Anspruchsmentalität der Arbeitgeber. «Unternehmen sind wieder selektiver», sagt er. Dieses Recht können sie sich auch nehmen, denn das Volumen der Bewerbungen auf offene Stellen sei deutlich angestiegen.

Gleichzeitig ist gemäss dem Adecco Swiss Job Market Index Q4 2025 die Anzahl offener Stellen im Jahresvergleich um 4 Prozent gesunken. Das habe durchaus eine positive Kehrseite: Wenn Unternehmen neben Qualifikationen und Fachkenntnissen auch wieder Anforderungen an Soft Skills wie Teamfähigkeit, Kommunikationsstärke und Empathie stellen können, führe das langfristig zu einem besseren Matching und einer sinkenden Fluktuation. «Wir beobachten eine gesunde Normalisierung, wobei die Talsohle tendenziell erreicht ist», sagt Keller.

Michael Siegenthaler vom KOF Institut teilt den vorsichtigen Optimismus. Nach mehreren Jahren wirtschaftlicher Unsicherheit zeigen wichtige Exportmärkte wie Deutschland und die USA erste Anzeichen einer konjunkturellen Erholung. «Das könnte den Arbeitsmarkt bereits in diesem Jahr wieder beleben», sagt er. In der Schweiz dürfte die Wirtschaft gemäss dem Flash-BIP, einer Schnelleinschätzung für das vierteljährliche reale Bruttoinlandprodukt, im vierten Quartal 2025 um 0,2 Prozent zugelegt haben.

Für Noah Niklaus zumindest hat sich alles zum Guten gewendet. Nach sechsmonatiger Suche hat er eine Stelle gefunden, die seiner Ausbildung und seinen Fachkenntnissen im Maschinenbau entspricht. Der 25-Jährige hat die Hürde vom Masterabschluss in den Arbeitsmarkt gemeistert.

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