Darum gehts
- Studie zeigt: Schweizer Schulabgänger haben Defizite bei Lesen, Schreiben, Rechnen
- Über 70 Prozent der Betriebe finden Nachwuchsrekrutierung «schwierig»
- Ein Fünftel der Betriebe will künftig weniger Lernende ausbilden
Sind Schweizer Schulabgänger zu dumm für eine Lehre? Economiesuisse warnt vor einem «Sinkflug der Grundkompetenzen» bei angehenden Lernenden. Besonders mit Lesen, Schreiben und Rechnen tun sich die Jugendlichen laut dem Dachverband der Schweizer Wirtschaft schwer.
Das sorgt für Alarmstufe Rot bei den Arbeitgebern. Sie bekunden zunehmend Mühe, geeignete Lernende zu finden.
Zu wenig geeignete Lehrlinge
Economiesuisse, der Schweizerische Gewerbeverband und der Arbeitgeberverband wollten genau wissen, wie gravierend die Probleme aktuell sind. Sie haben knapp 3000 Ausbildungsverantwortliche dazu befragt.
Das Resultat: Ein Grossteil der Unternehmen stellt erhebliche Defizite im Bereich der Grundkompetenzen ihrer Lernenden fest. Für Rudolf Minsch (59), Chefökonom bei Economiesuisse, ist deshalb klar: «Wir müssen aufpassen, dass die Bildungskompetenzen nicht weiter sinken.»
Denn die Auswirkungen der offenbar mangelnden Schulbildung spüren vor allem die Lehrbetriebe. Die Rekrutierung von Lernenden mit den nötigen Grundkompetenzen wird immer schwieriger.
Das bestätigt der KMU-Verband der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie. Laut Swissmechanic ist es für mehr als die Hälfte der Betriebe «eher schwierig», passenden Nachwuchs zu finden. Fast jeder fünfte Betrieb sagt sogar, es sei «sehr schwierig». Gerade mal ein Fünftel der KMU findet «eher einfach» passende Lehrlinge.
Als häufigsten Grund für die Schwierigkeiten nennen die KMU ungenügende schulische Leistungen oder unpassende Profile der Bewerbenden. Zu viele der geeigneten Jugendlichen schlagen laut Swissmechanic einen akademischen Weg ein. Die ohnehin schon geringe Zahl an Bewerbungen macht die Rekrutierung auch nicht leichter.
Die KMU wissen, wovon sie reden: Zusammen bilden die Swissmechanic-Unternehmen aktuell knapp 6000 Lernende aus.
KMU wollen künftig weniger ausbilden
Doch die schwindenden Grundkompetenzen der Schulabgänger haben noch weitere Folgen: So steigt zum Beispiel der Betreuungsaufwand für die Ausbildner. Laut Economiesuisse fördern bereits heute etwa drei Viertel der Unternehmen ihre Lernenden mit zusätzlichen Angeboten, um bestehende schulische Lücken zu schliessen.
Dabei sagt Dieter Kläy (62), beim Gewerbeverband zuständig für die Berufsbildung: «Es ist nicht die Aufgabe von Betrieben, die Grundkompetenzen zu fördern.»
Der Mehraufwand führt dazu, dass ein Fünftel der befragten Unternehmen angibt, wegen der sinkenden Kompetenzen künftig weniger Lernende ausbilden zu wollen. Für Kläy eine logische Folge: «Besonders den kleinen Unternehmen fehlen oft die Kapazitäten, die Kompetenzen aufzuarbeiten.»
Auch Schulen sehen Verbesserungspotenzial
Und was sagen die Lehrerinnen und Lehrer zu den Vorwürfen aus der Wirtschaft? «Natürlich ist die Volksschule dafür verantwortlich, aufs spätere Leben und die beruflichen Anforderungen vorzubereiten», sagt Dagmar Rösler (54) zu Blick. Dazu gehören laut der Präsidentin des Lehrerverbandes unter anderem – aber nicht nur – die Grundkompetenzen.
Rösler kann die Schwierigkeiten der Ausbildungsbetriebe sehr gut nachvollziehen. Sie sieht bei Schweizer Schulabgängern durchaus Verbesserungspotenzial in den Bereichen Lesen und Naturwissenschaften. «Aber auch die Ausbildungsbetriebe müssen mit genügend Ressourcen ausgestattet werden, um junge Menschen auf dem Weg in den Beruf begleiten zu können.»
Fachkräftemangel beginnt bereits im Klassenzimmer
Die schulischen Defizite von heute ziehen künftig einen ganzen Rattenschwanz an Problemen mit sich, ist Swissmechanic-Direktor Erich Sannemann (56) überzeugt. Für ihn beginnt etwa der Fachkräftemangel von morgen in den Klassenzimmern von heute: Wenn «Lehrstellen nicht mehr mit den passenden jungen Menschen besetzt werden können», wo sollen dann die künftigen Fachleute herkommen?
Für den Unternehmer und Swissmechanic-Präsident Nicola Tettamanti (39) steht mit der Lehre einer der grössten Erfolgsfaktoren der Branche auf dem Spiel. «Wer heute junge Menschen für einen technischen Beruf begeistert und ausbildet, investiert nicht nur in das eigene Unternehmen, sondern in die Zukunft unserer gesamten Branche.»