Trotz KI-Ängsten bei Berufswahl
Warum Lehrlinge Ausbildungen stürmen, die stark bedroht sind

Etwa 70'000 Jugendliche in der Schweiz starten nun ins Berufsleben, ebenso viele bewerben sich jetzt um eine Ausbildung. Doch wie sicher sind ihre Jobs in Zeiten von KI? Laut einer Studie fürchten viele der unter 25-Jährigen, von Technologien ersetzt zu werden.
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Eine Lehre im KV-Bereich ist bei den Jugendlichen weiterhin sehr gefragt.
Foto: GAETAN BALLY

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Fast 70'000 Jugendliche in der Schweiz starten 2026 ihre Berufslehre
  • Über 40 Prozent der unter 25-Jährigen fürchten KI-bedingte Jobverluste
  • KV-Lehre bleibt dank Reform auf neuestem Stand
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Moritz MeisterRedaktor Wirtschaft

Neun Jahre lang gab ihnen der Stundenplan den Rhythmus vor. Nach dem Ende der obligatorischen Schulzeit beginnt für zahlreiche Jugendliche ein neuer Lebensabschnitt.

Bei den Grossverteilern Migros und Coop starteten jeweils knapp 1300, beim Discounter Lidl 62, beim Telekom-Riesen Swisscom 186 und beim Reiseanbieter Dertour Suisse 130 Lernende in den letzten Tagen ihre Lehre. Insgesamt und schweizweit ist Anfang August für knapp 70'000 Schweizer Jugendliche Ausbildungsstart.

Für sie geht es ab sofort statt auf die Schulbank raus in den Arbeitsalltag: Anpacken, Neues lernen und eigenes Geld verdienen. Für Zehntausende andere läuft jetzt die heisse Bewerbungsphase für einen Ausbildungsplatz im Herbst 2027 an.

Aber wie viel ist ein Berufsabschluss im Zeitalter von künstlicher Intelligenz noch wert? Jobs im Handwerk und der Pflege scheinen derzeit eine goldene Zukunft zu haben, den diese können durch Maschinen nicht so leicht ersetzt werden. Dagegen werde KI bis 2030 rund die Hälfte aller Einstiegs-Bürojobs überflüssig machen, besagen düstere Prognosen.

Die Verunsicherung der Gen Z punkto Berufswahl ist spürbar: Über 40 Prozent der unter 25-Jährigen bangen laut einer Jobcloud-Studie um ihren beruflichen Stellenwert. Die Sorge, von KI ersetzt zu werden, hat mittlerweile sogar einen eigenen Namen: «FOBO» – Fear of Becoming Obsolete. Auf Deutsch: die Angst davor, überflüssig zu werden.

KI als Auslöser von Unsicherheiten

Zwar seien viele Jugendliche seit dem Launch von ChatGPT im November 2022 verunsichert, wie Stefan C. Wolter (60), Leiter der Forschungsstelle Bildungsökonomie der Uni Bern, sagt. Doch der Lehrstellenmarkt gibt seither kaum Anlass zur Sorge. Gerade bei Lehrberufen wie dem KV, die als Erste von der KI ersetzt werden dürften, bleibt das Angebot weiterhin hoch.

Dies zeigen unter anderem die Zahlen des Stellenportals Yousty. Kein anderer Lehrberuf wird auf der Website von Jugendlichen so häufig gesucht wie Kaufmann/-frau (KV) EFZ. Von insgesamt fünf Millionen Suchanfragen entfalle eine Million allein auf die KV-Lehre. «Das Angebot im KV-Bereich scheint nicht oder noch nicht wesentlich zurückzugehen», sagt Urs Casty (59), Gründer und Inhaber des Portals.

Dass von dieser Unsicherheit der Jugendlichen auf dem Lehrstellenmarkt aktuell noch nicht wirklich etwas zu spüren sei, begründet Wolter wie folgt: «Die Jugendlichen sehen natürlich die offenen Lehrstellen, und solange auf der Seite der Unternehmen nichts passiert, nehmen die Jugendlichen an, es sei auch nichts passiert.»

Eine Lehre im Bereich des KV ist bei den Jugendlichen weiterhin sehr gefragt.
Foto: Keystone

Laut Wolter wird das Verhalten der Firmen aktuell eher von der KI beeinflusst als von demjenigen der Jugendlichen. «Wenn etwas am Lehrstellenmarkt in einem grösseren Umfang passiert, dann muss es von den Unternehmen her kommen. Denn warum sollten die Jugendlichen oder deren Eltern denken, dass die KV-Lehre unsicher ist, wenn sie sehen, dass grosse Firmen eine Lehre anbieten?»

Veränderungen werden sich erst in den nächsten Jahren zeigen

Patrick Leisibach, Experte der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse und Lehrbeauftragter an der Universität Luzern, geht von grösseren Veränderungen in den nächsten Jahren aus. «Aktuell ist der Druck, dass ein Beruf in Gefahr ist, in vielen Bereichen noch nicht angekommen.» Zudem seien viele Prognosen in der Vergangenheit falsch gelegen, dadurch sei es «extrem schwierig abzusehen, was effektiv passieren wird».

Dennoch spüre Leisibach in Gesprächen mit Jugendlichen, dass bei ihnen eine gewisse Unsicherheit vorhanden ist – allerdings würde sich diese noch nicht auf ihren Bildungsentscheid auswirken. Im Bereich des KV sehe er vor allem für jene Jugendlichen eine Zukunft, welche die Lehre nicht als Verlegenheitslösung gewählt haben, sondern mit dem Gedanken, sich stetig weiterentwickeln zu können.

KV-Lehre passt sich technischen Entwicklungen an

Dass auch die KV-Lehre sich weiterentwickelt hat, zeigt die KV-Reform 2023, in deren Folge die Lehre an den digitalen Wandel angepasst wurde. Die Modernisierung der KV-Lehre ist laut Chantal Donzé, Präsidentin des Schweizerischen Verbands der Lehrerinnen und Lehrer an kaufmännischen Berufsschulen, eine notwendige Anpassung an die Realität der heutigen Arbeitswelt gewesen.

Entgegen der weit verbreiteten Meinung sei die KV-Lehre keineswegs einfacher geworden. Sie stelle vielmehr andere Anforderungen an die Lernenden und orientiere sich deutlich stärker an der Realität der Unternehmen, erklärt die Präsidentin.

«Die Entwicklungen, die ich in den Klassen beobachten konnte, zeigen deutlich, dass die KV-Lehre durch die Digitalisierung wieder an Attraktivität gewonnen hat», sagt sie. Was darauf hindeutet, dass die KV-Lehre zumindest in den nächsten Jahren noch nicht von der Spitze der beliebtesten Lehrberufe verdrängt werden dürfte.

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