Darum gehts
Ist die Schweiz bei den Friedensgesprächen zwischen den USA und dem Iran mehr als nur eine Statistin? Was macht sie eigentlich für die USA beim Schutzmachtmandat in Teheran? Und droht im Nahen Osten ein Flächenbrand? Botschafterin Monika Schmutz Kirgöz (57), Chefin der Abteilung Mittlerer Osten und Nordafrika im Aussendepartement, nimmt im Interview mit Blick Stellung.
Blick: Nach den Gesprächen auf dem Bürgenstock sah es so aus, als ob es bald Frieden gäbe. Heute dominieren wieder Raketen und Drohungen.
Monika Schmutz Kirgöz: Man fühlt sich wie auf einer Achterbahn. Es geht rauf und runter. Nach dem Bürgenstock-Treffen war die Hoffnung gross. Eine Woche später folgte das trilaterale Memorandum zwischen Israel, dem Libanon und den USA. Man fährt nach oben, aber kurz darauf wird wieder geschossen, und es geht wieder rasant runter. Auch das gehört zum aussenpolitischen Umfeld, in dem wir arbeiten.
Haben Sie noch Hoffnung auf eine baldige Lösung?
Die Hoffnung hat einen Dämpfer erhalten, aber sie ist nicht gestorben. Die Schweiz hat sehr viel in den Erhalt der Gesprächskanäle investiert – insbesondere zwischen den USA und dem Iran. Wir gehen nach wie vor davon aus, dass eine Verhandlungslösung zu einer Befriedung der Region führen kann.
Konkret?
Wir planen fest damit, dass es zu weiteren Gesprächen kommen wird. Zentral ist das 14-Punkte-Memorandum zwischen den USA und dem Iran. Jetzt geht es darum, diese Punkte mit Inhalt zu füllen. Dafür sind Arbeitsgruppen vorgesehen, die all diese Details besprechen.
Monika Schmutz Kirgöz (57) ist seit Januar 2025 Chefin der Abteilung Mittlerer Osten und Nordafrika im Aussendepartement. Ihre diplomatische Karriere führte sie nach Ankara, Tel Aviv und Istanbul. Als Schweizer Botschafterin im Libanon wurde sie bei der Hafenexplosion in Beirut verletzt. Zuletzt war sie in Italien, wo sie zur «Botschafterin des Jahres» gewählt wurde. Die Baslerin ist mit einem türkischen Ökonomen verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.
Monika Schmutz Kirgöz (57) ist seit Januar 2025 Chefin der Abteilung Mittlerer Osten und Nordafrika im Aussendepartement. Ihre diplomatische Karriere führte sie nach Ankara, Tel Aviv und Istanbul. Als Schweizer Botschafterin im Libanon wurde sie bei der Hafenexplosion in Beirut verletzt. Zuletzt war sie in Italien, wo sie zur «Botschafterin des Jahres» gewählt wurde. Die Baslerin ist mit einem türkischen Ökonomen verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.
Können Sie einen konkreten Zeitpunkt nennen?
Die Lage verändert sich laufend. Zuletzt haben etwa die Huthi-Rebellen Saudi-Arabien unter Beschuss genommen. Das ist eine weitere Eskalation – sie birgt die Gefahr eines Flächenbrands. Wir setzen deshalb alles daran, die Lage zu deeskalieren. Es braucht Verhandlungen. Der Dialog muss fortgesetzt werden.
Wie gross ist der Anteil von US-Präsident Trump an dieser Achterbahnfahrt? Abends kündigt er etwas an, am nächsten Morgen sieht die Lage schon wieder anders aus. Steckt dahinter eine Strategie? Oder ist das vom Moment geprägt?
Der US-Präsident will schnelle Deals. Sobald ein Deal steht, erwartet er auch dessen rasche Umsetzung. Dafür braucht es aber mehr: intensive Diplomatie und vor allem den Aufbau von Vertrauen. Genau dort liegt der Mehrwert der Schweiz. Dank ihrer glaubwürdigen Rolle kann sie sich schnell einbringen, wo sie einen Beitrag leisten kann. Das ist eine Stärke unserer Diplomatie.
Was die Schweiz da genau macht, ist kaum fassbar.
Es ist wenig sichtbar, weil unsere Diplomatie langfristig und im Hintergrund arbeitet. Wir nutzen dafür den ganzen diplomatischen Werkzeugkasten.
Zum Beispiel?
Nehmen Sie Syrien: Dort engagieren wir uns seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 unter anderem für die Suche nach Vermissten und die Aufarbeitung der Vergangenheit. Es geht darum, Massengräber zu finden, Familien Gewissheit zu geben und Verbrecher zur Verantwortung zu ziehen. Sonst lässt sich kein neues Syrien aufbauen. Denn die Wunden des Bürgerkriegs sind noch nicht verheilt und stellen weiterhin ein Risiko für künftige Konflikte und kontinuierliche Instabilität in Syrien dar. Wir verfügen über Expertinnen und Experten, geniessen deshalb das Vertrauen der Konfliktparteien. Das ermöglicht dann Gesprächskanäle.
Was solche Gespräche bringen, ist oft wenig nachvollziehbar.
Weil vieles im Verborgenen stattfindet, aus guten Gründen. Das ist die klassische stille Diplomatie. Sie ist langfristig angelegt, ohne Megafon. Wir leben in einer Zeit, in der vieles laut ist – die Schweiz bleibt bewusst leise.
Hand aufs Herz, würden Sie manchmal gerne lauter auftreten?
Nur weil der Zeitgeist laut ist? Nein. Die Schweiz steht für seriöse Diplomatie, Friedensförderung, den Einsatz für die Menschenrechte und die humanitäre Hilfe. Wir können leise bleiben. Gerade dafür werden wir geschätzt.
Das Schutzmachtmandat zwischen den USA und dem Iran gilt als Aushängeschild der Berner Diplomatie. Trotzdem traf Trumps Zollhammer auch die Schweiz. Schätzen die USA unsere Dienste zu wenig?
Auch andere Länder mit historisch engen Beziehungen zu den USA wurden von den Zöllen überrascht. Die Situation hat sich inzwischen für die Schweiz verbessert, dank Verhandlungen und einer gewissen Hartnäckigkeit.
Funktioniert das Mandat mit seinem «Briefträgertum» noch?
Es funktioniert. Wenn sich US-Aussenminister Marco Rubio mit Bundesrat Ignazio Cassis austauscht, ist das Schutzmachtmandat regelmässig ein Thema. Von amerikanischer Seite spüren wir Wertschätzung dafür. Was über die Kanäle ausgetauscht wird, machen wir allerdings nicht öffentlich.
Wo wird die Rolle der Schweiz denn konkret?
Etwa beim Austausch von Gefangenen: Freilassungen von Amerikanern wurden über die Schweiz ermöglicht oder begleitet. Das war in der letzten Woche wieder der Fall. Oder bei der konsularischen Arbeit vor Ort: Die Schweiz betreut im Iran amerikanische Staatsangehörige und übernimmt auch ganz praktische Aufgaben – etwa im Zusammenhang mit Rentenzahlungen. Das tönt wenig spektakulär, zeigt aber, wie konkret dieses Mandat im Alltag ist.
Der Nahe Osten hat sich in wenigen Jahren grundlegend verändert: In Gaza ist Krieg, der Konflikt zwischen Israel und dem Iran ist eskaliert, in Syrien kam es zum Machtwechsel. Wo sehen Sie die grösste Gefahr einer weiteren Eskalation?
Wir stehen vor einer Neuordnung des Nahen Ostens. Trotzdem bin ich vorsichtig optimistisch, dass es nicht zu einem Flächenbrand kommt. Im Moment stehen die Akteure über viele Kanäle miteinander in Kontakt. Alle versuchen, eine weitere Eskalation zu verhindern. Am Ende dient ein Krieg niemandem. Entscheidend ist aber, dass die Kriegsparteien am Verhandlungstisch bleiben.
Gleichzeitig sehen Sie auch Chancen?
Ja. Die Veränderungen sind fundamental. Als ich von 2017 bis 2021 Botschafterin im Libanon war, war der iranische Einfluss im Land täglich spürbar. Das ist heute nicht mehr so. Ich war gerade wieder im Libanon und in Syrien. Der libanesische Präsident sagte mir, wie stark sich die Lage verändert habe. Früher durfte man im Libanon das Wort Israel kaum aussprechen …
... und heute?
Jetzt sprechen viele offen über Frieden. Das zeigt, wie tiefgreifend der Wandel ist. Im Libanon wollen heute praktisch alle Frieden – mit Ausnahme der Hisbollah.
Glauben Sie selbst an den Frieden?
Wenn man vor Ort ist und sieht, wie sich die Rhetorik und die politischen Realitäten in wenigen Jahren verändert haben, gibt es durchaus Grund zur Hoffnung. Kürzlich habe ich etwa den saudischen Aussenminister getroffen. Er sagte sinngemäss, Israel müsse seine militärische Überlegenheit nun in Diplomatie umwandeln und die Hand zum Frieden ausstrecken. Diese Einschätzung teile ich.
Gibt es weitere Signale, die Sie positiv stimmen?
Bemerkenswert ist auch, dass selbst der syrische Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa immer wieder betont, er wolle Frieden. Wenn solche Signale aufgegriffen werden, eröffnet das die Chance auf eine neue Ordnung im Nahen Osten. So haben sich beispielsweise die Beziehungen zwischen Syrien und dem Libanon trotz des regionalen Konflikts verbessert. Klar ist aber auch: Für einen dauerhaften Frieden braucht es eine Lösung für die Palästinenser und Gaza. Die Schweiz bleibt hier unermüdlich dran.
Das heisst?
In diesen Tagen führen wir in der Schweiz politische Konsultationen mit Vertretern der palästinensischen Autonomiebehörde. Zudem wird die Nummer zwei des israelischen Aussenministeriums zu Gesprächen in die Schweiz reisen. Wir bleiben mit beiden Seiten im Gespräch und versuchen, konstruktiv zu einer Deeskalation beizutragen.
Bern wird vorgeworfen, Israel im Gazakrieg nur zurückhaltend zu kritisieren. Prominente Stimmen fordern eine aktivere Rolle der Schweiz, darunter die frühere Aussenministerin Micheline Calmy-Rey.
Ich empfinde die Schweiz nicht als zurückhaltend. Wir sagen, was gesagt werden muss, und orientieren uns am Völkerrecht. Aber wir sind nicht laut. Unsere humanitäre Hilfe für die notleidende Zivilbevölkerung bewirkt oft mehr als scharfe öffentliche Kritik. An solcher mangelt es international nicht – sie hat die israelische Regierung bislang aber nicht zu einem Kurswechsel bewegt. Auch die Vorgänge im Westjordanland verurteilen wir klar. Entscheidend ist, pragmatisch und beharrlich Einfluss zu nehmen.
Sie gehören zu den erfahrensten Diplomatinnen der Schweiz. Viele Länder, mit denen Sie verhandeln, sind patriarchal geprägt. Mussten Sie sich als Frau anders behaupten als männliche Kollegen?
Zur Schweizer Diplomatie gehört es, mit allen Gesprächspartnern zu reden. Natürlich passe ich mich den kulturellen Gepflogenheiten an. Aber gerade in den Golfstaaten hat sich viel verändert. Frauen übernehmen dort heute deutlich sichtbarere Rollen. Nehmen wir das Kopftuch …
Bitte.
Wenn ein Kopftuch erwartet wird, trage ich eines. Das ist ein Zeichen des Respekts. In «meiner» Region ist das heute allerdings nur noch im Iran nötig. Kürzlich war ich mit Aussenminister Cassis an der Trauerfeier für den früheren Emir von Katar. Unsere Delegation bestand – neben dem Bundesrat – nur aus Frauen, darunter unsere Botschafterin in Doha und ich als Abteilungschefin. Das setzt ein Zeichen. Besonders eindrücklich ist für mich Saudi-Arabien. Dort spürt man einen enormen Aufbruch. Frauen übernehmen immer mehr Verantwortung – sie haben viel Power.
Als Sie Ihre Karriere begannen, waren Frauen im diplomatischen Dienst noch eine Ausnahme. Heute fördern Sie selbst Frauen. Was hat sich in diesen 30 Jahren verändert?
So vieles! Noch 2022 lag der Anteil der Botschafterinnen bei 25 Prozent, heute sind es bereits 35. Das ist kein Zufall. Bundesrat Cassis hat den Aktionsplan «Chancengleichheit» lanciert und treibt ihn konsequent voran. Unser Ziel ist es, bis Ende 2028 einen Frauenanteil von mehr als 40 Prozent unter unseren Botschaftern zu erreichen. Aber es geht nicht nur um Zahlen. Gemischte Teams treffen bessere Entscheidungen. Männer und Frauen nehmen oft unterschiedliche Dinge wahr – gerade in der Diplomatie, wo es darum geht, Brücken zu bauen und tragfähige Kompromisse zu entwickeln, ist diese Vielfalt ein Plus.