Darum gehts
- Schweizer Botschaft in Teheran am 11. März vorübergehend geschlossen
- Team überlebte im Keller, pro Tag 150–200 Angriffe in Teheran
- Flucht nach Baku: 10 Stunden Fahrt, Sicherheit bleibt unklar
Elf Tage harrte der Schweizer Botschafter in Iran, Olivier Bangerter (55), mit fünf Mitarbeitenden in Teheran aus. Am 11. März zog das Aussendepartement (EDA) unter Bundesrat Ignazio Cassis schliesslich die Reissleine: Die Botschaft wurde vorübergehend geschlossen. Nach den massiven Angriffen der USA und Israels gegen den Iran konnte die Sicherheit des Personals nicht länger garantiert werden.
Am Montag gaben Bangerter und Monika Schmutz Kirgöz (58), Leiterin der Abteilung Naher Osten und Nordafrika, vor den Medien Einblick in die letzten Tage in Teheran.
Schokolade gegen den Stress
Die Nächte verbrachte das Team im Keller der Botschaft – dieser ist zwar nicht bombensicher, hält aber zumindest Erdbeben stand. «Uns standen sechs Zimmer zur Verfügung», sagt Bangerter. Jeder und jede habe einen privaten Rückzugsort gehabt. Die Lage draussen war instabil: Pro Tag gab es rund 150 bis 200 Angriffe in der Provinz Teheran. Sobald es Detonationen in der Nähe der Botschaft gab, musste das Team im Keller Schutz suchen.
Die Versorgung war gesichert. «Wir waren gut vorbereitet und hatten Wasser, Decken und Essen», so der Botschafter. Geschlafen wurde nicht etwa auf Feldbetten, sondern auf richtigen Matratzen. Und wie liess sich unter diesen Umständen ein Arbeitsklima schaffen? Neben Ehrlichkeit und ständigem Informationsaustausch setzte Bangerter auf ein bewährtes Mittel: «Meine Geheimwaffe war die Schweizer Schokolade. Es gab unendlich viele kleine Pralinés, und sie waren sehr, sehr schnell weg.»
Flucht über die Grenze
Trotz des Krieges: Bangerter hat Teheran nur schweren Herzens verlassen: «Das ist die Stadt, in der ich lebe, die ich kenne, wo ich spazieren gehe. Jetzt wird sie zerbombt.»
Vor der Abreise habe man etwa 24 Stunden damit verbracht, Material mit heiklen Informationen zu vernichten. «IT-Ausrüstung wird mit Hammer und Bohrmaschine zerstört. Das funktioniert auch im 21. Jahrhundert gut.» Die Schweizer Mitarbeitenden hätten sich von den iranischen Kollegen verabschiedet – ihre Gehälter wurden ihnen im Voraus gezahlt, damit sie allenfalls in sichere Gegenden ziehen könnten.
Die Ausreise erfolgte schliesslich auf dem Landweg Richtung Aserbaidschan. Rund zehn Stunden dauerte die Fahrt nach Baku. «Es ist sehr gut abgelaufen, es war eine lange Fahrt mit wenigen Ereignissen.» In den Momenten vor der Überquerung der Grenze sei der Druck gross gewesen. Entsprechend gross dann die Erleichterung, als es so weit war.
Schutzmachtmandat der Schweiz
Die Schweizer Botschaft in Teheran nimmt eine Sonderrolle ein: Die Eidgenossenschaft als Schutzmacht vertritt die Interessen der USA im Iran. «Man ist nicht sehr glücklich darüber, dass die Schweiz abgereist ist», räumt Bangerter ein. Dennoch stosse die Entscheidung auf Verständnis.
Dass die Vertretungen anderer Nationen, wie Frankreich, Norwegen oder Finnland weiterhin operativ sind, lässt Bangerter nicht als Gegenargument gelten. Die Schweiz habe eine eigenständige Risikoanalyse vorgenommen – mit dem Schluss, dass die Gefahr für das Personal nicht mehr tragbar war. Auf die Frage, ob man die Zelte womöglich zu früh abgebrochen habe, entgegnet Bangerter: «Wenn man für Menschenleben verantwortlich ist, führt man diese Analyse ernsthaft durch.» Das Risiko sei nicht mehr akzeptabel gewesen.
Trotz der physischen Abwesenheit bleibe der Draht nach Teheran weiterhin bestehen. Dass Bangerter bereits anderthalb Tage nach der Flucht wieder von wichtigen Partnern kontaktiert wurde, wertet er als Zeichen für die Stabilität der Beziehungen.
«Der Kommunikationskanal bleibt offen», betont auch Schmutz Kirgöz. «Die Schweiz ist bereit, jeden diplomatischen Prozess zu unterstützen, der zur Deeskalation und zur Rückkehr zum Dialog beiträgt, sobald die politischen Parteien dies wünschen.» Wann eine Rückkehr des Personals möglich ist, bleibt unklar. Man prüfe die Sicherheitsbedingungen laufend.