Darum gehts
- Studie zeigt: Autos in Europa werden jährlich 1,2 cm länger
- Bis 2040 könnten Städte 14 Prozent ihrer Parkplätze verlieren
- SUVs machen in der Schweiz 58 Prozent der Neuzulassungen aus
Beim Thema Parkplätze gehen die Emotionen hoch. Bei jedem Autofahrer, wenn er endlos durch die Stadt kurven muss, um einen Parkplatz zu finden. Oder im Kollektiv, wenn reihenweise Parkplätze aufgehoben werden sollen. Wie beispielsweise in Zürich, wo in Altstetten-West 240 von 388 Parkplätzen entfernt werden.
Doch es kommt noch schlimmer: Bis 2040 könnte in den Städten jeder siebte Strassenparkplatz verschwinden. Schuld daran sind nicht etwa links-grüne Politiker und Velo-Hardliner, sondern die Autofahrer selbst. Der Grund: Sie leisten sich nicht nur zunehmend schwerere und höhere Fahrzeuge, sondern auch breitere und längere. Damit haben auf der gleichen Fläche immer weniger Autos Platz. Das zeigt eine neue Studie der europäischen Umweltorganisation Transport & Environment (T&E) – quasi der europäische Verkehrsclub also.
Jedes Jahr um 1,2 Zentimeter länger
Die Organisation hat die Grösse der verkauften Neuwagen in der EU und Grossbritannien unter die Lupe genommen. Das Resultat: Die durchschnittliche Wagenlänge nimmt jedes Jahr um 1,2 Zentimeter zu. War der Durchschnittswagen im Jahr 2000 4,09 Meter lang, waren es letztes Jahr 4,38 Meter. Die Wagenbreite nahm im gleichen Zeitraum von 1,69 auf 1,82 Meter zu – ein halber Zentimeter jährlich. Ebenso stieg die Höhe der Motorhauben zwischen 2010 und 2025 jährlich um einen halben Zentimeter auf nun 84 Zentimeter.
Die Entwicklung dürfte grundsätzlich auch für die Schweiz gelten, geht der Trend bei den Neuzulassungen hierzulande doch immer stärker Richtung Sport Utility Vehicle (SUV). Deren Anteil ist letztes Jahr auf satte 58 Prozent gestiegen, wie eine Comparis-Umfrage zeigt. 2015 hatte der Anteil noch bei 28 Prozent gelegen.
Bis zu 14 Prozent weniger Parkplätze
«Wenn dieser Entwicklung nicht Einhalt geboten wird, wird die Länge des durchschnittlichen Neuwagens bis 2040 auf geschätzte 4,56 Meter anwachsen», schreiben die Studienautoren und warnen vor den Folgen. Bei ungebrochenem Trend müssten sich insbesondere die Städte darauf vorbereiten, 8,5 bis 14 Prozent ihrer Strassenparkplätze zu verlieren. Im Extremfall würde also jeder siebte Parkplatz verschwinden, alleine wegen der Autogrösse.
T&E befürchtet allerdings eine gegensätzliche Reaktion auf die Problematik. «Längere und breitere Autos beanspruchen mehr öffentlichen Raum», so die Studie. «Der Wegfall von Parkplätzen könnte dazu führen, dass andere städtische Flächen in Parkraum umgewandelt werden – was wiederum den für Fussgänger, Radfahrer, Natur und sonstige öffentliche Nutzungen verfügbaren Raum verringern könnte.»
Die Umweltorganisation plädiert daher dafür, die Autogrösse auf ein «richtiges Mass» zu reduzieren – zurück auf das Niveau von 2015 mit einer durchschnittlichen Wagenlänge von 4,24 Metern. Bei Bedarf durch politische Regulierungen.
SP-Tuosto spricht von «Grössenrausch»
«Es ist nicht überraschend, dass immer schwerere und höhere Autos auch länger sind. Die Schweiz weist bereits heute einen SUV-Anteil auf, der mit dem der USA vergleichbar ist», sagt VCS-Vorstandsmitglied und SP-Nationalrätin Brenda Tuosto (37) gegenüber Blick. Angesichts der zunehmend «übermässig langen» Autos ortet sie ein Paradox: «Je grösser diese sind, desto weniger können noch im öffentlichen Raum parkiert werden, weil die anderen überdimensionierten Fahrzeuge bereits die verfügbaren Plätze belegen.»
Die Entwicklung dieses Mobilitätsmodells trage einmal mehr dazu bei, den öffentlichen Raum weiter zu beanspruchen und die weitere Zubetonierung zu fördern – etwas, das auch von Landwirtschaftskreisen häufig scharf kritisiert werde. Sie unterstützt daher die Forderung nach kleineren Autos.
Als besonders besorgniserregend erachtet Tuosto die Studie aber auch aus einem anderen Grund: «Für die Verkehrssicherheit ist dieser Grössenrausch bei Autos ein sehr schlechtes Signal», so die Waadtländerin. Grosse und schwerere Fahrzeuge stellten ein erhöhtes Risiko für Fussgänger und Velofahrende dar. «Kinder werden vor sehr hohen Autofronten häufiger übersehen, und die Überholabstände werden enger», sagt sie. «Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, werden wir unweigerlich mit mehr Opfern im Strassenverkehr konfrontiert sein.»
Auto-Schweiz: «Das ist ein Nebenschauplatz»
Bei der Autoimporteur-Vereinigung Auto-Schweiz löst die T&E-Studie Stirnrunzeln aus. «Das ist ein Nebenschauplatz», sagt Mediensprecher Frank Keidel (58) dazu. «Automobilisten leiden bereits heute darunter, dass aus ideologischen Gründen massenhaft Parkplätze abgebaut werden, obwohl das Auto das Haupttransportmittel für die Bevölkerung ist.» Besonders betroffen vom Parkplatzabbau seien das Gewerbe und Menschen mit eingeschränkter Mobilität.
Eine Autogrösse herbeiregulieren entspreche nicht unserer liberalen Wirtschaftsordnung. «Der Gesetzgeber bestimmt ja auch nicht, in wie vielen Quadratmeter Wohnraum wir leben dürfen», so Keidel. «Es liegt am Konsumenten, beim Kauf zu entscheiden, wie gross sein Auto sein soll.»
Zudem sei jeder Neuwagen für Velofahrer und Fussgänger «sicherer als eine Occasion – und sei sie noch so mini». Dafür würden die seit 2024 obligatorischen Notbrems- und Rückfahrassistenten sorgen.