Akten zu Diplomatie-Drama enthüllen erst jetzt
Ogi lässt Kasachen-Minister sitzen – fast platzt der Deal

Nach aussen lief alles glatt. Doch hinter den Kulissen herrschte dicke Luft. Vertrauliche Dokumente enthüllen, wie sich in den 1990er-Jahren ein hoher Gast aus Kasachstan von der Schweiz brüskiert fühlte. Der Auslöser: Bundesrat Adolf Ogi.
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Adolf Ogi – hier auf einer Aufnahme von 2024 – war 1993 sowohl Verkehrsminister als auch Bundespräsident.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Schweiz und Kasachstan unterzeichnen 1993 Luftverkehrsabkommen trotz diplomatischer Spannungen
  • Kasachischer Minister Isingarin fühlte sich durch Bundespräsident Ogis Abwesenheit brüskiert
  • Schweizern gelang es, den Eklat gerade noch zu verhindern
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Sven AltermattCo-Ressortleiter Politik

Bern, 5. August 1993. Nach aussen war es ein harmloser diplomatischer Termin: Die Schweiz und Kasachstan unterzeichneten ein Luftverkehrsabkommen. Der kasachische Transportminister Nigmetzhan Kabataevitch Isingarin (heute 84) und André Auer, Chef des Schweizer Bundesamts für Zivilluftfahrt, setzten ihre Unterschriften unter das Papier. Zwischen den Ländern «können künftig Luftverkehrslinien eingerichtet werden», meldeten Zeitungen knapp.

So weit, so langweilig. Doch was die Öffentlichkeit damals nicht erfuhr: Hinter den Kulissen knirschte es. Die Lage drohte zu eskalieren! Einen Tag später hielt ein Diplomat, der zur Schweizer Delegation gehörte, die Ereignisse in einer ausführlichen internen Aktennotiz fest. «Kasachisches Zähneknirschen», lautete ihr Titel. Verärgerung löste der prominente Abwesende aus: der damalige Verkehrsminister und Bundespräsident Adolf Ogi.

Dem Minister platzte der Kragen

Die brisante Aktennotiz lagert im Bundesarchiv – und ist unterdessen nicht mehr unter Verschluss. Sie wurde von Dodis, der Forschungsstelle Diplomatische Dokumente Schweiz, zugänglich gemacht. 

Eigentlich, rapportierte der Diplomat, sei vereinbart gewesen, dass Isingarin das Abkommen gemeinsam mit dem Schweizer Verkehrsminister unterzeichnen würde. Also mit dem Amtskollegen auf gleicher Stufe. Doch Ogi erschien nicht, er liess sich von seinem Generalsekretär Fritz Mühlemann (1939–2013) entschuldigen.

Für Isingarin war das eine Brüskierung. Schon der Empfang am Vorabend am Flughafen Zürich sei aus seiner Sicht «nicht standesgemäss» gewesen. Zusammen mit Ogis Abwesenheit zeuge dies nach Ansicht des Ministers «von einer Geringschätzung der Schweiz gegenüber seinem Lande», hielt der Bericht fest. «Es drohte ein diplomatischer Eklat.»

Mitten in der Zeremonie verlangte Isingarin laut Aktennotiz ein «Time out». Er wollte mit seiner Delegation beraten, ob das Abkommen überhaupt noch unterzeichnet werden sollte.

«Das Verhalten der Schweiz» im Visier

Schliesslich gelang es den Schweizern, die Situation zu retten. Dabei half besonders Berns Konsularvertreter in Kasachstan kräftig mit. Das Abkommen wurde unterschrieben. Isingarin kündigte jedoch an, seine Regierung und das kasachische Aussenministerium «über das Verhalten der Schweiz» zu informieren.

Laut dem Papier war es vor allem das «reich befrachtete Rahmenprogramm», das die Wogen «zumindest oberflächlich» zu glätten vermochte. Was genau auf dem Programm stand, wurde nicht erwähnt. Ganz ausgestanden war die Sache für die Schweizer Diplomaten aber nicht. Sie befürchteten «Nachwirkungen bei Besuchen von schweizerischen Vertretern in Kasachstan».

Das Aussendepartement verteilte die Aktennotiz breit im Bundesapparat. Denn die Beobachtungen dürften «auch im Hinblick auf künftige offizielle Reisen nach Kasachstan» von Interesse sein, hiess es. 

Öffentlich blieb all das unbemerkt. Dort stand nur die nüchterne Meldung zum neuen Luftverkehrsabkommen.

So erinnert sich Adolf Ogi

Und Adolf Ogi? An Details kann sich der heute 84-jährige alt Bundesrat nicht mehr erinnern. Kein Wunder: Seine Amtszeit liegt Jahrzehnte zurück, 1993 war er zudem Bundespräsident und hatte zahlreiche grosse Dossiers auf dem Tisch. Eines sei aber sicher, erklärt Ogi auf Blick-Anfrage: Wäre die Angelegenheit am Ende nicht bereinigt worden, wüsste er es noch. «Ich habe ganz bestimmt versucht, direkt oder über meinen Generalsekretär die Dinge wieder in Ordnung zu bringen», sagt der Berner.

Heute lässt sich die Episode mit einem Schmunzeln betrachten. Kasachstan war nach seiner Lossagung von der Sowjetunion damals noch ein junger Staat auf dem diplomatischen Parkett. Erst 1991 hatte die Schweiz das Land als unabhängig anerkannt. Entsprechend viel Gewicht dürften seine Vertreter protokollarischen Fragen beigemessen haben. Nachhaltig belastet wurde das Verhältnis kaum. Zumindest sind keine weiteren Verstimmungen dokumentiert.

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