Darum gehts
- Bundespräsident Parmelin kritisiert Ernährungs-Initiative scharf
- Initiative fordert 70 Prozent Selbstversorgung, aktuell nur 42 Prozent erreicht
- 88 Prozent der konsumierten Hülsenfrüchte werden importiert, Ziel als «utopisch» kritisiert
Und dann platzte Bundespräsident Guy Parmelin (66) der Kragen. «Das ist total falsch, was Sie sagen», schoss der SVP-Wirtschaftsminister in der SRF-«Abstimmungsarena» vom Freitagabend gegen die Vertreterinnen der Ernährungs-Initiative, über die die Schweiz am 27. September abstimmt. «Wenn man lügt, muss ich das korrigieren.»
Initiantin Franziska Herren (59) hatte Parmelin zuvor vorgeworfen, die Agrarpolitik begünstige die Tierproduktion, was dieser nicht auf sich sitzen lassen wollte. Während der Sendung wurde mehrfach der Lügenvorwurf geäussert – von beiden Seiten. Moderator Sandro Brotz versuchte, die Wogen zu glätten – vergeblich. Die Emotionen gingen hoch.
Für Parmelin sind Ziele «fast unmöglich»
Franziska Herren warnte vor der Abhängigkeit vom Ausland. Die Landwirtschaft müsse schon heute so ausgerichtet sein, dass sie die Bevölkerung im Krisenfall versorgen könne. Die Politik aber vernachlässige diese Aufgabe – das sei gefährlich. Heute liege der Selbstversorgungsgrad netto bei gerade mal 42 Prozent.
Die Ernährungs-Initiative fordert, dass die Schweiz einen Netto-Selbstversorgungsgrad von mindestens 70 Prozent anstrebt. Und das innert 10 Jahren. Dazu soll die Landwirtschaft stärker Lebensmittel für den direkten menschlichen Verzehr produzieren und weniger Futtermittel für Tiere. Gleichzeitig sollen die Belastungen von Böden und Trinkwasser durch Dünger und Pestizide sinken.
Für Parmelin sind diese Vorgaben «fast unmöglich». Zwar stimme die Richtung der Initiative, auch der Bundesrat wolle die Selbstversorgung erhöhen – auf 50 Prozent. Das aber müsse «Schritt für Schritt» passieren. Die Bauern müssten ihre Investitionen wieder hereinholen, betonte der gelernte Landwirt. Auch sei die Schweiz klein. Ein grosser Teil des Landes eigne sich nicht für Ackerbau.
Rasch kam die Diskussion auf den Vorwurf des «Vegan-Zwangs». Bauernpräsident Markus Ritter (59) warnte davor, das Ziel der Initiative sei nur mit Konsumsteuerung erreichbar. Herren hatte zuvor argumentiert, dass viel zu viel wertvolle Ackerfläche für Tierfutter verwendet werde. Fast 60 Prozent der Ackerfläche dienten dem Futtermittelanbau. Statt Mais für Tiere könnten dort zum Beispiel Getreide oder Hülsenfrüchte für Menschen wachsen.
Stattdessen aber importiere die Schweiz 88 Prozent der Hülsenfrüchte, die wir essen. Für Herren ein kompletter Widerspruch zum Ziel einer annähernden Selbstversorgung.
«Mumpitz» und «gelogen»
Ritter widersprach vehement. Das 70-Prozent-Ziel sei «utopisch». Zuletzt habe die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs einen solchen Selbstversorgungsgrad erreicht – bei halb so vielen Einwohnern und deutlich mehr Kulturland. Heute müsste zwingend auch der Konsum gesteuert werden. Sprich: Die Initiative wolle den Leuten vorschreiben, was sie essen sollen.
Da fand dann auch die befürwortende Agronomin und Biolandwirtin Regula Züger deutliche Worte: Was Ritter behaupte, sei «Mumpitz» und «gelogen». Ein grosser Teil der heute konsumierten Hülsenfrüchte in der Schweiz sei importiert, betonte auch sie. Statt diese aus dem Ausland zu holen, könnten Schweizer Bauern sie ja einfach selber anbauen.
Zuletzt will Brotz von den Initianten wissen, ob sie die richtige Taktik im Kampf für ihr Anliegen gewählt haben. Die Umfragen deuteten auf ein Scheitern des Volksbegehrens hin. «Es gibt Sachen, die muss man machen, egal ob man den Erfolg sieht», meinte Züger. Und Herren ergänzte einmal mehr: «Es gibt nichts Wichtigeres als Ernährungssicherheit und Trinkwassersicherheit.»