Darum gehts
- Die Ernährungs-Initiative will vom Bund Massnahmen für 70 Prozent Selbstversorgung
- Schweiz deckte 2024 nur 50 % ihres Energiebedarfs durch eigene Produktion
- Jährlich gehen 2,8 Mio. Tonnen essbare Lebensmittel entlang der Kette verloren
Die Ernährungs-Initiative will die Schweizer Landwirtschaft gehörig umkrempeln. Die Vorlage aus der Feder von Trinkwasseraktivistin Franziska Herren (59) fordert mehr Inlandproduktion, weniger Dünger und eine intensivere Förderung pflanzlicher Lebensmittel. Der Bundesrat soll dabei einen Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent anstreben.
Nicht nur die Bauern müssten nach einer Annahme umdenken, sondern auch Konsumentinnen und Konsumenten. Wie weit ist die Schweiz heute vom Ziel der Initiative entfernt? Blick zeigt auf, wie wir uns hierzulande ernähren.
Wir versorgen uns nur zur Hälfte selbst
Im Jahr 2024 vertilgte die durchschnittliche Person in der Schweiz täglich 12’132 Kilojoule – rund 2900 Kilokalorien – an verwertbarer Energie aus Nahrungsmitteln. Das zeigen die aktuellsten Zahlen aus dem Statistikportal Agristat des Schweizer Bauernverbands (SBV). Über das ganze Jahr ergibt sich dabei ein Energiebedarf von insgesamt 40’362 Terajoule und eine Rohstoffmenge von etwas mehr als 7 Millionen Tonnen. Decken konnte die Schweizer Landwirtschaft dies nur zur Hälfte.
Heisst: Der Rest wurde importiert. Dabei klafft eine deutliche Lücke zwischen der pflanzlichen und tierischen Produktion. Aus ersterer bezieht die Schweizer Bevölkerung rund 70 Prozent ihres Energiebedarfs, ihr Selbstversorgungsgrad pendelte sich in den vergangenen Jahren jedoch bloss bei rund einem Drittel ein.
Mengenmässig muss dabei besonders bei Getreide, Zucker und Ölen nachgeholfen werden. Die drei Kategorien sind zugleich auch die klaren Hauptversorger für den Schweizer Energiebedarf. Im Verhältnis zur Konsummenge wird aber auch bei Hülsenfrüchten, Nüssen oder alkoholischen Getränken besonders viel importiert. Zusätzlich ziehen Produkte wie Kaffee, Tee oder Kakao den Selbstversorgungsgrad weiter nach unten – denn sie stammen praktisch vollständig aus dem Ausland.
Ganz anders ist es bei Schweizer Fleisch, Eiern, Milch und Butter: Wird nur die erwirtschaftete Energie betrachtet, liegt ihr Selbstversorgungsgrad seit Jahren deutlich über 90 Prozent. Werden jedoch zusätzlich auch die importierten Futtermittel einberechnet, sinkt der Wert auf um die 70 Prozent. Besonders hoch ist die Inlandversorgung dabei für Milchprodukte (2024: 110 Prozent), besonders tief ist sie bei Eiern (56 Prozent) und Fisch (2 Prozent).
Es ist auch eine Frage der Fläche
Die hohe inländische Abdeckung bei den tierischen Produkten hat besonders einen Hauptgrund: Rund 70 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche bestehen hierzulande aus Grasland, wie etwa Dauerwiesen, Weiden oder Alpwiesen.
Zusätzlich konkurriert der Futterbau jedoch auch mit dem Anbau von Speisekulturen für die menschliche Ernährung. Rund 60 Prozent der verfügbaren Ackerfläche werden für die Tiernahrung kultiviert. Das spielt auch eine Rolle für die Energiebilanz: Je nach Nutztier wird für 1 Kilogramm Fleisch das Zwei- bis Achtfache an Futtermittelkalorien benötigt.
Dazu kommen auch politische Faktoren: Im Vergleich zu pflanzlichen Lebensmitteln geniessen Fleisch und Milch hierzulande einen deutlich stärkeren Grenzschutz durch Einfuhrzölle und Kontingente.
Ein Teil geht einfach verloren
Nicht alles, was angebaut wird, landet auch in einem Magen. Über die gesamte Nahrungsmittelkette geht rund ein Drittel aller essbaren Kalorien verloren oder wird entsorgt. Das sind jährlich rund 2,8 Millionen Tonnen.
Dabei sind die Verluste unterschiedlich verteilt. Bei den Bäuerinnen und Bauern fallen gerade einmal acht Prozent an, hauptsächlich aufgrund von Schäden und Qualitätsanforderungen des Detailhandels. Beinahe die Hälfte verschwindet in der Verarbeitung, weitere knapp 30 Prozent in den Haushalten. Den Rest – etwas mehr als ein Sechstel – generieren Detailhandel und Gastronomie.
Zu viel Fleisch, zu wenig Hülsenfrüchte
Auch wenn der Selbstversorgungsgrad weit weg von 100 Prozent ist, wird trotzdem fleissig exportiert. Das hat zum einen damit zu tun, dass gewisse Produkte nur für die Veredelung in die Schweiz geholt werden. Zum anderen spielt aber besonders auch eine Rolle, was Herr und Frau Schweizer auf ihren Tellern wollen.
Das kann nicht nur für eine effiziente Inlandproduktion hinderlich sein, sondern auch für die Umwelt und Gesundheit: Wie die nationale Ernährungserhebung des Bundes MenuCH aufzeigt, isst die Schweizer Bevölkerung vielerorts unausgewogen. Eine Auswertung der Genfer Hochschule für Gesundheitswissenschaften zeigt zudem, dass beinahe ein Drittel der konsumierten Nahrungsmittel hochverarbeitet ist.
Letztes Jahr verglichen Medizinerinnen des Kantonsspitals Aarau die durchschnittlichen Schweizer Ernährungsgewohnheiten mit den Zielvorgaben der sogenannten Planetary Health Diet, einem wissenschaftlich fundierten Speiseplan, der sowohl Gesundheit als auch Umwelt schonen soll. Besonders bei tierischen Produkten übersteigt der Schweizer Weg die Ziele deutlich: bei Milchprodukten etwa um das Dreifache, bei rotem Fleisch sogar um das Achtfache. Bei Hülsenfrüchten werden dagegen gerade mal vier Prozent des Idealwertes erreicht. Kein gutes Zeugnis also für das aktuelle System.