Der Bauernschreck ist wieder da – das Porträt
Diesmal lassen alle Franziska Herren im Stich

Franziska Herren steht ganz alleine da: Keine grosse Partei unterstützt ihre Ernährungs-Initiative. Dennoch kämpft die Bernerin unbeirrt weiter – das hat auch mit einer weinenden Kuh zu tun.
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Franziska Herren kämpft gegen alle: Mit ihrer Initiative will sie die Ernährungssicherheit der Schweiz sichern.
Foto: Philippe Rossier

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Franziska Herren kämpft allein für Ernährungs-Initiative mit 70% Selbstversorgung
  • Gegenwind von Bauernverband, SP und Grünen; Morddrohungen und Polizeischutz 2021
  • SBV investierte 1,53 Mio. Franken; Herren hat weniger als die Hälfte
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Simone SteinerBundeshausredaktorin

Franziska Herren (59) ist die Arbeitslast anzusehen. Beim Treffen mit Blick in einem Bistro an der Berner Aare wirkt die Umweltaktivistin gestresst. Die Frage, wie es ihr geht, möchte sie lieber nicht beantworten. «Fragen Sie mich, wenn alles vorbei ist», sagt sie.

Mit «alles» meint die Bernerin den Abstimmungskampf zur Ernährungs-Initiative. Mit der Initiative will Herren die Landwirtschaft umkrempeln. Sie fordert einen Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent. Weiter will sie das Trinkwasser besser schützen. Auch die Biodiversität und die Bodenfruchtbarkeit sollen erhalten bleiben.

Herren steht allein da

Den Abstimmungskampf stemmt Herren quasi allein. Keine grosse Partei unterstützt ihr Anliegen. Im Parlament stimmte kein einziges der 246 Mitglieder für die Initiative. Selbst die Umweltverbände distanzieren sich.

Unterstützung bekommt die Bernerin lediglich von zwei festen Mitarbeitern ihres Vereins «Sauberes Trinkwasser für alle». Zudem haben sich die Jungen Grünen, die KlimaSeniorinnen und die Bäckereikette John Baker für die Ernährungs-Initiative ausgesprochen.

Herren seufzt tief, wenn sie von ihrem Arbeitsalltag erzählt. Mantraartig zählt sie auf, was es alles zu erledigen gibt. «Finanzierung, Werbung, Vernetzung, Referate.» Das gebe alles viel zu tun. Darum hat die Bernerin Anfang Jahr ihren Job als Fitnesstrainerin an den Nagel gehängt.

Oft arbeitet sie derzeit bis tief in die Nacht. Sie ist froh um ihr Zuhause in Wiedlisbach BE. «Dort kann ich mich zurückziehen», sagt sie. Wenn sie sich längere Zeit nicht bei ihren Freundinnen meldet, klopfen diese an und fragen nach einem Lebenszeichen.

Morddrohungen und Polizeischutz

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Herren einem intensiven Abstimmungskampf aussetzt. 2021 stand die Bernerin schon einmal im politischen Rampenlicht. Damals wollte sie mit der Trinkwasser-Initiative die Direktzahlungen der Landwirtschaftsbetriebe an ökologische Vorgaben knüpfen.

In bäuerlichen Kreisen stiess die Initiative auf erheblichen Widerstand. Herren wurde massiv angegriffen und erhielt Morddrohungen. Zeitweise brauchte sie deshalb sogar Polizeischutz. In den Medien wurde sie daraufhin auch als «Bauernschreck» bezeichnet.

Noch fünf Jahre später stimmt die Episode Herren nachdenklich. «Das war schon schlimm», sagt sie. Sie habe sich damals nicht vorstellen können, noch einmal eine Initiative zu lancieren. Und trotzdem steht sie heute wieder da. «Ich kann einfach nicht zusehen, wie die Versprechen, die der Bevölkerung anstelle der Trinkwasser-Initiative gemacht wurden, nicht eingehalten werden.»

Für Herren ist klar, dass es nun einen zweiten Anlauf braucht. «Ernährungssicherheit ist das Fundament unseres Lebens, unseres Wohlstands und der Sicherheit unseres Landes – dazu gehört auch sauberes Trinkwasser», sagt sie. Die Landwirtschaft sei aktuell nicht darauf ausgerichtet, dass sie uns in einer Krise vom eigenen Boden ernähren könne, obwohl die Verfassung dies bereits heute vorschreibe. Vom Restaurant an der Aare zeigt sie hoch zum Bundeshaus und sagt: «Sie wissen es – und trotzdem ignorieren sie es. Das ist verantwortungslos!»

Keine Kompromisse

Herrens grösster Gegner ist auch diesmal der Schweizerische Bauernverband (SBV). Und das, obwohl dieser eine höhere Selbstversorgung grundsätzlich befürwortet. Doch der Verband wehrt sich mit Vehemenz dagegen, dass dafür vermehrt auf pflanzliche Produkte gesetzt werden soll. 

Unter dem Titel «Kein Vegan-Zwang» hat er eine gross angelegte Kampagne gestartet. Dafür haben die Verantwortlichen ordentlich Geld in die Hand genommen: Sie gaben bereits mehr als 1,53 Millionen Franken aus. Herrens Budget beträgt weniger als die Hälfte davon.

Die Parteilose hat aber nicht nur bürgerliche Kreise gegen sich. Auch die Linken lassen sie diesmal hängen. Die SP etwa kritisiert, dass die Preise von tierischen Produkten mit der Initiative steigen würden. Die Grünen befürchten, dass für den höheren Selbstversorgungsgrad mehr gedüngt werden müsste und Biodiversitätsflächen unter Druck gerieten.

Grünen-Nationalrat Kilian Baumann (45) sagt: «Die Initiative ist gut gemeint.» Der vorgeschlagene Weg sei jedoch nicht realisierbar. Der Landwirt lässt auch durchblicken, dass sich die Zusammenarbeit mit Herren als schwierig herausstellte. «Sie hielt starr an ihrem Vorschlag fest und war nicht bereit, davon abzurücken.» Darum gelang es nicht, eine breitere Allianz für das Anliegen zu gewinnen.

Aufgrund des fehlenden politischen Rückhalts haben sich in der Folge auch Pro Natura, Greenpeace und Vier Pfoten von der Ernährungs-Initiative distanziert. Sie wollen ihre Ressourcen lieber in Bereichen einsetzen, in denen sie mehr bewirken können.

Weinende Kuh

Herren lässt sich von dieser Kritik nicht einschüchtern. Trotz des heftigen Gegenwinds kämpft sie unbeirrt weiter. Diesen unermüdlichen Einsatz für die Umwelt habe sie von ihrer Mutter geerbt, sagt sie. «Sie hat mich schon früh gelehrt, dass ich die Natur schützen muss.» Die Bernerin beschreibt ihre Mutter als Pionierin. Sie habe in Münsingen BE einen Marktstand mit Bio-Gemüse betrieben, bevor es das Label «Bio» bei den Grossverteilern überhaupt gab. 

Die Naturverbundenheit wurde Herren also in die Wiege gelegt. Ihr politisches Aha-Erlebnis hatte sie aber erst im Erwachsenenalter. Und zwar nachdem sie mit 40 Jahren einen schweren Autounfall erlitt. Dieser führte dazu, dass sie lange mit starken Rückenschmerzen zu kämpfen hatte. «Eineinhalb Jahre konnte ich nicht mehr sitzen», erinnert sie sich.

In dieser Zeit machte Herren oft Spaziergänge. Eines Tages beobachtete sie eine Kuh, die auf der Weide stand und laut muhte. Sie wollte verstehen, was mit dem verzweifelten Tier los war und suchte den Bauern auf. Dieser erklärte ihr, dass die Kuh nach ihrem Kalb rief. Die Tiere seien wegen der Milchproduktion getrennt worden.

Zu Hause begann Herren zu recherchieren. Sie erfuhr, dass diese Praxis auch bei Bio-Kühen angewendet wird, und war schockiert. Sie vertiefte sich in die Materie und stiess auf die Themen Antibiotika, Pestizide und Überdüngung. Es war der Anfang ihrer politischen Arbeit.

Alleingang nur in der Schweiz möglich

Fast zwanzig Jahre später kämpft Herren noch immer für ihre Vision einer ökologischeren Schweiz. Dass sie als Einzelperson einen ganzen Abstimmungskampf aufmischen kann, hat mit einer Eigenart unseres Systems zu tun. Denn mit dem Instrument der Volksinitiative kann grundsätzlich jeder – auch ohne Partei im Rücken – sein Anliegen einbringen.

«Einzelkämpferinnen wie Herren hat es in der Schweizer Politikgeschichte mehrfach gegeben», sagt Politologe Michael Hermann (54). Er verweist auf den Umweltaktivisten Franz Weber (1927–2019), der die Zweitwohnungs-Initiative durchbrachte, oder den parteilosen Thomas Minder (65), der mit der Abzocker-Initiative einen Abstimmungssieg feierte.

Solche Initiativen könnten durchaus erfolgreich sein. Dafür müssten zwei Faktoren zusammenspielen, so der Politologe. Zum einen müsse es sich um ein Thema handeln, das in der Bevölkerung brodle. Zum anderen müsse dieses vom Parlament vernachlässigt werden.

Die Kombination treffe bei der Ernährungs-Initiative nicht zu. Denn das Umweltthema sei im Parlament mindestens so präsent wie in der Bevölkerung. Für Hermann war es ein Fehler, dass Herren auf den Schulterschluss mit etablierten Kräften verzichtete.

Dem widerspricht Herren. Sie bleibt überzeugt, dass ihre Initiative genau der richtige Weg ist. Darum wird sie bis zum 27. September mit allen Mitteln weiterkämpfen. Danach wird die Umweltaktivistin beantworten können, wie es ihr geht. Und dann möchte sie zwei Monate am Stück schlafen.

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