Darum gehts
- Analoge Fotografie erlebt bei Gen Z ein Comeback mit Filmkameras
- 75 Prozent suchen 2026 analoge Freizeitaktivitäten laut YPulse-Studie
- 35-mm-Film beliebt: Nur 36 Aufnahmen pro Rolle, keine sofortige Kontrolle
Ein Klick, ein Wisch, schon ist das Foto wieder gelöscht. Mit dem Smartphone lassen sich innert Sekunden Dutzende Bilder knipsen. Doch während digitale Fotos jederzeit verfügbar sind, entdecken junge Menschen eine Fototechnik, bei der jedes Bild zählt: die analoge Fotografie.
Der Reiz liegt nicht nur in der besonderen Ästhetik der Bilder. Wer analog fotografiert, muss sich Zeit nehmen, Entscheidungen treffen und mit kleinen Fehlern leben. In einer Welt voller Bildschirme und permanenter Verfügbarkeit scheint genau das für viele junge Menschen attraktiv zu sein.
Warum die Gen Z wieder zur Filmkamera greift
Die Rückkehr zum Analogen ist Teil eines grösseren Trends. Junge Menschen entdecken auch andere Freizeitbeschäftigungen und Gegenstände wieder, die lange als altmodisch galten. Dazu gehören etwa Schallplatten, Vintage-Technik und kreative Hobbys ohne Bildschirm.
Das Jugendforschungsinstitut YPulse beschreibt diesen Trend als «Going Analog». In einer 2026 veröffentlichten Auswertung berichtet das Institut, dass 75 Prozent der befragten jungen Erwachsenen aktiv nach haptischen, analogen Beschäftigungen suchen. Als mögliche Beweggründe nennt YPulse unter anderem digitale Erschöpfung und den Wunsch, die eigene Zeit bewusster zu gestalten. Die Zahlen beziehen sich auf die untersuchten Märkte und lassen sich nicht pauschal auf alle Jugendlichen übertragen.
Auch die analoge Fotografie passt in dieses Bild. Eine weltweite Umfrage des Filmherstellers HARMAN/Ilford unter mehr als 14'000 Teilnehmenden aus über 110 Ländern zeigt, dass Filmfotografie von Menschen unterschiedlicher Altersgruppen genutzt wird. Besonders beliebt ist der klassische 35-mm-Film. Viele Befragte schätzen neben dem besonderen Look auch den kreativen Prozess.
36 Bilder statt unendlich vieler Schnappschüsse
Wer mit einer analogen Kamera fotografiert, kann das Resultat in der Regel nicht sofort auf einem Display kontrollieren. Ein Film bietet je nach Format und Filmrolle nur eine begrenzte Zahl an Aufnahmen. Häufig sind es 36 Bilder. Das verändert die Art zu fotografieren. Welches Motiv lohnt sich? Wie fällt das Licht? Wann ist der richtige Moment gekommen, um auszulösen? Wer Film verwendet, muss sich diese Fragen bewusster stellen.
Dazu kommt: Erst nach der Entwicklung zeigt sich, welche Aufnahmen gelungen sind. Ein Bild kann unscharf oder falsch belichtet sein. Anders als beim Smartphone lässt sich der Fehler nicht einfach mit einem neuen Klick korrigieren. Gerade diese Einschränkung macht für viele den Reiz aus. Statt möglichst viele Bilder zu sammeln, wird jede einzelne Aufnahme zu einer bewussten Entscheidung.
Analog fotografieren schult Geduld und Aufmerksamkeit
Die analoge Fotografie verlangt nicht nur technisches Wissen, sondern auch Geduld. Zwischen dem Auslösen und dem fertigen Bild können Tage vergehen. Wer seine Fotos selbst entwickelt, erlebt zusätzlich einen handwerklichen Prozess. Dabei lernen Einsteiger ganz nebenbei die Grundlagen der Fotografie kennen: Wie beeinflussen Blende, Belichtungszeit und Fokus das Bild? Welche Rolle spielt das Licht? Und warum sieht ein Motiv auf Film manchmal ganz anders aus als auf dem Kameradisplay?
Auch mit misslungenen Bildern muss man umgehen können. Nicht jede Aufnahme wird perfekt, und nicht jeder Moment lässt sich wiederholen. Das kann helfen, den eigenen Anspruch an perfekte Ergebnisse zu hinterfragen.
Wichtig ist allerdings die Einordnung: Dass analoge Fotografie Geduld und bewusste Entscheidungen erfordert, liegt auf der Hand. Ob sie die Konzentrationsfähigkeit oder andere Fähigkeiten langfristig verbessert, ist damit noch nicht wissenschaftlich belegt.
Der Reiz liegt auch im Unperfekten
Ein weiterer Grund für die Faszination ist die besondere Bildästhetik. Film kann sichtbares Korn, warme Farbtöne oder leichte Unregelmässigkeiten erzeugen. Die Bilder wirken dadurch oft anders als digital aufgenommene und bearbeitete Fotos.
Doch nicht nur das Ergebnis zählt. Schon das Einlegen des Films, das manuelle Einstellen der Kamera und das Weiterdrehen nach einer Aufnahme machen den Prozess greifbar. Das Fotografieren wird zu einer Tätigkeit, bei der man sich bewusst mit dem Motiv beschäftigt. Dabei muss die analoge Kamera das Smartphone nicht ersetzen. Viele Fotografie-Fans nutzen beides: das Handy für spontane Schnappschüsse und die Filmkamera für ausgewählte Momente.
Ein Hobby, das entschleunigt, aber nicht automatisch besser macht
Die Rückkehr zur Filmkamera zeigt, dass neue Technik ältere Formen des Gestaltens nicht zwangsläufig verdrängt. Gerade weil digitale Bilder so schnell und einfach entstehen, kann der langsamere analoge Prozess eine willkommene Abwechslung sein.
Die Kamera zwingt niemanden zur Achtsamkeit. Aber sie schafft Bedingungen, die dazu einladen: weniger Aufnahmen, mehr Entscheidungen und eine längere Wartezeit auf das Ergebnis.
Vielleicht liegt genau darin der Reiz für eine Generation, die mit Smartphones aufgewachsen ist. Nicht jedes Erlebnis muss sofort festgehalten, kontrolliert und geteilt werden. Manchmal reicht es, den Moment bewusst wahrzunehmen – und erst später zu sehen, welches Bild daraus geworden ist.