Darum gehts
- Der «Uaul Scatlè» bei Brigels GR ist Europas höchstgelegener Fichtenurwald
- Die Bäume im Wald sind bis zu 650 Jahre alt
- Eine Wanderung ins dahinterliegende Val Frisal dauert mindestens 4 Stunden
Zu den imposantesten Naturdenkmälern der Schweiz zählt er wohl nicht, der Fichtenwald «Uaul Scatlè». Auch besucht werden kann er nicht, da er unter strengem Schutz steht.
Immerhin führt der Weg ins atemberaubende Val Frisal GR direkt am Rand dieses Fichtenurwalds vorbei, der der höchstgelegene in ganz Europa ist. Blick wanderte vom 1700-Seelen-Dorf Brigels zum Uaul Scatlè und weiter bis ins Val Frisal.
Von Informationen zum Europarekord fehlt jede Spur
Bereits am Morgen im Hotel wird die Vorfreude auf die bevorstehende Wanderung kräftig angeheizt. «Wundrbar und atemberauband» heisst es in sympathischem Bündnerdialekt. Gemeint ist das Val Frisal weiter hinten im Tal. Und zum Wald selber? Kein Wort.
Mit der Sesselbahn gehts hangaufwärts. Die brütende Augusthitze macht sich auch auf knapp 1300 m. ü. M. bemerkbar. Oben angekommen, gibt ab sofort die Wanderroute 678 den Takt an, die nach einem kurzen Abschnitt durch einen steilen Wald über eine erstaunlich grüne Kuhweide führt. Mehr zufällig als gewollt schweift der Blick beim Betrachten des Kistenstöckli auch über einen dichten Wald am linken Berghang. Der Uaul Scatlè in seiner ganzen Pracht.
Nach dem Abstieg ins Flussbett ist die Luft wegen des eiskalten Flembachs nicht nur kühler, sondern riecht auch intensiver. Der direkt daneben liegende Fichtenurwald verteilt seinen milden Geruch und ist wegen des Feuerverbots der einzige Duftstoff weit und breit. Dass man vor dem höchstgelegenen Fichtenurwald in ganz Europa steht, erfährt man allerdings auch hier nicht. Keine Tafel, kein Schild, kein Hinweis.
Nach kurzer Trinkpause gehts in Richtung des eigentlichen Ziels
Zugegeben: Nicht-Botanikern erscheint der Uaul Scatlè als stinknormales Waldstück. Und weil man nur an seinem Rand entlang schlendern kann, sieht man nicht allzu viel davon. Dabei stehen hier mit bis zu 650 Jahre alten Fichten echte Zeitzeugen. Dennoch bleibt der Wald fast unbemerkt und wird nur wegen der Feuerstelle an seiner Ostgrenze nicht links liegengelassen.
Weiter also Richtung «wundrbaram und atemberaubandam» Val Frisal. Steile Passagen und grössere Steine auf dem Weg treiben auch geübten Wanderern Schweissperlen auf die Stirn. Sogar der Flembach verliert seine kühlende Wirkung. Immerhin nimmt beim Erreichen des Geröllfeldes das Brennen in den Oberschenkeln ab.
Und dann gehts schnell. Ein paar letzte Meter um teilnahmslos grasende Kühe herum auf eine kleine Anhöhe, und plötzlich ist es da: Das Val Frisal entfaltet seine ganze Schönheit und sorgt für kollektive Schockstarre. Was für ein Paradies!
Nur der Wolf treibt einen zurück in die Zivilisation
Mit seinen steilen Abhängen gleicht es Dünen aus Gestein, mal überwachsen, mal schroff. Auf den Bergen zuhinterst schwitzt ein Gletscher vor sich hin und speist den vertrauten Flembach. Weil keiner die richtigen Worte findet, geniesst man einfach die Ruhe dieser Idylle – und im teils ausgetrockneten Flussbett ein wohlverdientes Picknick.
Obwohl man am liebsten wie die Felsen selbst auf unbestimmte Zeit verweilen möchte, um sich die Aussicht so tief wie möglich ins Gedächtnis einzubrennen, wirds Zeit zu gehen. Schliesslich erfordert die Wanderung bis ins Dorf von Brigels nochmals rund zwei Stunden. Grund genug, die Siebensachen zu packen und umzukehren.
Der Abstieg führt durch eine menschenleere Gegend und erneut über steile Abschnitte, ehe man den vertrauten Flembach erreicht. Seiner Strömung folgend, entdeckt man immer wieder besonders schöne Ecken und verliert leicht das Zeitgefühl – inklusive für die Reservierung im Hotelrestaurant um 20 Uhr. Mit leichter Verspätung endet der Tag am Esstisch. Nur die Erinnerung an das gewaltige Schauspiel im Val Frisal ist beim Einschlafen voller als der mit Maluns gefüllte Magen.
Die T2-Wanderung von mindestens vier Stunden verlangt ungeübten Wanderern einiges ab. Wer Naturwunder einfacher erleben möchte, wird andernorts in der Schweiz fündig.
Keiner fliesst weiter als der Aletschgletscher
Von oben betrachtet sieht er aus, wie wenn an einem heissen Sommertag das Stracciatella-Glace über die Ränder des Cornets läuft. Und genau so setzt ihm auch die Hitze je länger desto stärker zu. Noch ist vom Aletschgletscher mit 23 Kilometern Länge und 12 Kubikkilometern Volumen aber so viel übrig wie nirgendwo sonst in den Alpen.
Der längste unterirdische See Europas liegt im Wallis
Im Kanton mit dem (besten?) Raclette gibts nicht nur in den Bergen wahre Naturwunder, sondern auch weit unter deren Gipfeln. Beim Lac Souterrain de Saint-Léonard ist der Name Programm. Im 2500-Seelenörtchen nahe Sitten verbirgt sich ein Höhlensee, der mit gut 300 Metern länger ist als jeder andere auf dem Kontinent.
Nirgends stürzt so viel Wasser in die Tiefe wie über den Rheinfall
Auf Puzzles, Postkarten und tausendfach in Fotoalben von Touristen ist der Rheinfall in Schaffhausen verewigt. Die gigantischen Wassermassen stehen symbolisch für die Schweiz und locken jedes Jahr zwei Millionen Schaulustige an. Im Sommer fallen jede Sekunde 600'000 Liter Wasser über die Kante. Bestwert in Europa.
Das Hölloch im Muotatal hält gar einen Weltrekord
Wer unendlich lange Höhlensysteme sucht, mag an Mexiko oder Vietnam denken. Dabei reicht eine Reise in die Innerschweiz. Im Muotatal bearbeitete das Wasser über Jahrtausende den umschliessenden Kalkstein und wusch dabei 213'000 Meter Weg frei. Hinzu kommen 1033 Höhenmeter im gesamten Höhlensystem, was weltweit unübertroffen ist.