Darum gehts
Selbstfürsorge klingt oft kompliziert und wird schnell zur neuen Pflicht. Eine Psychologin erklärt, warum schon wenige Minuten am Tag reichen können, um besser bei sich anzukommen – und weshalb echtes Wohlbefinden mit einfachen, stillen Momenten beginnt.
Selbstfürsorge ist zu einem grossen Begriff geworden. Für viele bedeutet er Routinen, gesunde Ernährung, Achtsamkeit – und gleichzeitig einen weiteren Punkt auf einer ohnehin langen To-do-Liste. Genau darin liegt das Problem: Was eigentlich entlasten soll, erzeugt oft zusätzlichen Druck.
Die Psychologin Marzena Mawricz beschreibt Selbstfürsorge deshalb nicht als komplexes Projekt, sondern als etwas viel Einfacheres: als Rückkehr zu sich selbst.
Selbstfürsorge ist mehr als «sich optimieren»
In einer Welt voller Ratgeber, Trends und Erwartungen fällt es vielen schwer, die eigenen Bedürfnisse überhaupt noch klar zu spüren. Zwischen Arbeit, Alltag und sozialen Verpflichtungen bleibt wenig Raum, um wirklich innezuhalten.
Dabei geht es laut der Expertin nicht darum, immer mehr zu tun – sondern eher darum, weniger zu müssen. Selbstfürsorge beginnt dort, wo man aufhört, sich ständig zu überfordern.
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Der unterschätzte Start: einfach anhalten
Viele Menschen versuchen, Wohlbefinden über grosse Veränderungen zu erreichen. Doch oft ist der Einstieg viel kleiner. Ein zentrales Element ist das bewusste Stoppen. Nicht produktiv sein, nicht optimieren, nicht «nutzen». Einfach kurz aussteigen aus dem Funktionsmodus.
Das kann ein Moment Stille sein, ein paar Minuten ohne Handy oder bewusstes Atmen ohne Ziel.
Warum sieben Minuten so wichtig sein können
Ein einfaches Beispiel aus der psychologischen Praxis zeigt, wie niedrig die Einstiegshürde sein kann: sieben Minuten Ruhe.
Dabei liegt man oder sitzt ruhig, ohne Ablenkung, und bleibt bewusst bei sich. Kein Scrollen, kein Planen, kein Nachdenken über das, was noch erledigt werden muss. Für viele ist genau das schwierig – nicht, weil es körperlich anstrengend ist, sondern weil der Kopf es nicht gewohnt ist, nichts zu tun. Gerade deshalb kann diese kurze Zeit so wirksam sein: Sie unterbricht das Dauerrauschen im Alltag.
Selbstfürsorge darf einfach sein
Ein wichtiger Punkt: Wohlbefinden entsteht nicht nur durch grosse Routinen oder perfekte Lebensstile. Oft sind es die kleinen, unspektakulären Dinge, die am meisten verändern. Genug Schlaf. Regelmässige Pausen. Ein Moment in der Natur. Oder einfach das bewusste Entscheiden, gerade nichts zu leisten. Diese Einfachheit ist kein Rückschritt, sondern eine Entlastung.
Grenzen setzen als Form von Selbstschutz
Ein weiterer zentraler Aspekt ist das Nein-Sagen. Viele Menschen – besonders Frauen, wie Mawricz betont – übernehmen Verantwortung für die Gefühle anderer und stellen eigene Bedürfnisse zurück. Doch genau hier entsteht oft Erschöpfung. Selbstfürsorge bedeutet deshalb auch, nicht für alles zuständig zu sein und sich nicht ständig an Erwartungen von aussen auszurichten. Das kann sich anfangs ungewohnt anfühlen, führt langfristig aber zu mehr Stabilität und innerer Ruhe.
Wieder lernen, sich selbst zu hören
In einem Alltag voller Reize und Anforderungen geht die eigene innere Stimme leicht unter. Viele merken erst spät, dass sie erschöpft sind – oft erst dann, wenn der Körper deutliche Signale sendet. Selbstfürsorge heisst deshalb auch, wieder Zugang zu den eigenen Bedürfnissen zu finden, bevor es zu spät ist.
Und manchmal beginnt genau das mit etwas sehr Kleinem: sieben Minuten, in denen man einfach nur da ist.
Dieser Artikel erschien erstmals auf Onet Kobieta, die Frauen- und Lifestyle-Rubrik des polnischen Nachrichtenportals Onet, welches zu Ringier Medien gehört.