Darum gehts
- Social Media verstärkt Selbstdiagnosen bei ADHS und Autismus, Studie zeigt Risiken
- Über 50 Prozent der Tiktok-ADHS-Videos enthalten falsche Informationen
- 200'000 Menschen mit ADHS und bis 250'000 Menschen mit Autismus leben in der Schweiz
Wer auf Tiktok etwa die Begriffe Autismus oder ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) eingibt, bekommt unzählige Beiträge angezeigt, die millionenfach aufgerufen werden. User zeigen ihren scheinbaren Lebensalltag im «ADHS-Simulator», filmen ihre angeblichen autistischen Tics und Meltdowns oder geben Tipps zur Selbstdiagnose.
Du hast manchmal Probleme, aufzupassen, dich anzupassen, oder bist aufgedreht? Die häufig pauschalisierenden oder fehlerhaften Beiträge zu psychischen Erkrankungen oder Entwicklungsstörungen auf Social Media lassen schnell den Eindruck entstehen, dass man selbst von Symptomen betroffen wäre. Eine neue Studie der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften im österreichischen Krems kommt zum Schluss, dass Social Media die Erwartungshaltung an psychische Diagnosen verstärkt prägt.
Junge wollen psychisches «Label» bestätigt bekommen
93 Klinische Psychologen aus Österreich nahmen an der Studie teil. Übereinstimmend kamen sie zu dem Ergebnis: Selbst- und Wunschdiagnosen – vor allem im Bezug auf ADHS und Autismus – treten mittlerweile deutlich häufiger auf als noch vor wenigen Jahren. Besonders betroffen sind junge Frauen mit höherer Bildung und intensiver Social-Media-Nutzung, zitiert das «Deutsche Gesundheitsportal» aus der Studie.
Gloria Mittmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungszentrum Transitionspsychiatrie erklärt in der Studie, dass junge Menschen oftmals nicht mehr mit der offenen Frage «Was ist los mit mir?» kämen, sondern mit einer sehr konkreten Diagnosevorstellung. Daran geknüpft sei ein «starker Wunsch, diese Identität beziehungsweise dieses Label bestätigt zu bekommen».
«Diagnose-Shopping» nimmt zu
Diese Dynamik sei riskant: «Wenn eine Diagnose zentral für das Selbstbild geworden ist, kann jede Abweichung zwischen Erwartung und klinischer Einschätzung als zutiefst bedrohlich erlebt werden.» Neben dem Wunsch, langjährige Schwierigkeiten einordnen zu können, sich von Schuld- oder Verantwortungsgefühlen zu entlasten, nennt die Studie auch die Zugehörigkeit zu einer anerkannten Identitätsgruppe als Motiv für diese Entwicklung.
Über Social Media angeeignetes Halbwissen oder eine verzerrte Wahrnehmung von Diagnose-Kriterien führten dazu, dass selbst bei nicht bestätigter Diagnose von ärztlicher Seite, an der Vorstellung festgehalten werde. Die Studie spricht von «Diagnose-Shopping», also dem Aufsuchen weiterer Abklärungen, bis die gewünschte Diagnose bestätigt wird.
Über die Hälfte der gezeigten Inhalte ist fehlerhaft
Problematisch zeigt sich diese Entwicklung auch in den konsumierten Inhalten auf Social Media. Studien zeigen, dass Videos zu psychischen Erkrankungen oder Entwicklungsstörungen auf Tiktok oft irreführende Informationen enthalten. Eine Studie, die im vergangenen März im Fachblatt «PLOS One» publiziert wurde, zeigt etwa: Die Behauptungen in den beliebtesten ADHS-Videos entsprechen zu weniger als 50 Prozent professionellen Diagnosekriterien oder Behandlungsempfehlungen.
In der Schweiz leben ungefähr 200'000 Menschen mit ADHS. Rund fünf Prozent der Kinder sind hierzulande betroffen. Nach Angaben von «Autismus Schweiz» liegen schätzungsweise 100'000 bis 250'000 Menschen in der Schweiz im autistischen Spektrum. In den letzten Jahren haben sich die Anfragen zur Abklärung von Autismus und ADHS bei den Unikliniken deutlich verstärkt.
Zwar kann Social Media auf das Thema psychische Erkrankungen oder Entwicklungsstörungen aufmerksam machen, doch durch Fehlinformationen können Erwartungen verzerrt werden. Es gilt daher: Nur spezielle Fachstellen können eine tatsächliche Diagnose stellen und professionelle Unterstützung bieten. In der Schweiz finden sich diese an universitären psychiatrischen Kliniken, spezialisierten Zentren und über kantonale Organisationen.