Darum gehts
- Ferienfrage kann Druck auslösen, besonders bei Familien, die nicht verreisten
- Soziale Vergleiche beeinflussen Wohlbefinden, Ferien sind kein Wettbewerb
- Alternative Fragen: «Was war euer schönster Moment?» statt «Wo wart ihr?»
Die Ferien sind vorbei. In der Schule, im Büro oder beim ersten Treffen mit Freunden wird erzählt: Wer war am Meer? Wer ist in die Berge gefahren? Wer hat eine Woche auf dem Campingplatz verbracht?
Und dann kommt die Frage: «Wo wart ihr in den Ferien?»
Meist ist sie freundlich gemeint. Man möchte Interesse zeigen, ein Gespräch beginnen, vielleicht von den eigenen Ferien erzählen. Doch für manche Familien fühlt sich die Frage überraschend unangenehm an.
Denn nicht alle waren weg. Und nicht alle möchten erklären, warum.
Nicht jede Familie kann oder will verreisen
Hinter einem Sommer zu Hause können ganz unterschiedliche Gründe stecken. Vielleicht war eine Reise finanziell nicht drin. Vielleicht war ein Elternteil krank oder die Familie kümmerte sich um einen Angehörigen. Vielleicht braucht ein Kind im Alltag besonders viel Unterstützung und eine Reise wäre mit grossem organisatorischem Aufwand verbunden gewesen.
Oder die Familie war einfach erschöpft.
Gerade für Eltern kann die Vorstellung von Ferien manchmal paradox sein: Eigentlich sollen sie Erholung bringen – gleichzeitig müssen Anreise, Unterkunft, Gepäck, Kinderbetreuung, Essen und Aktivitäten organisiert werden. Für manche Familien ist ein ruhiger Sommer zu Hause deshalb die angenehmere Lösung. «Wir waren daheim» bedeutet also nicht automatisch «Wir konnten uns nichts leisten» oder «Wir hatten keine schönen Ferien».
Warum die Frage so viel Druck auslösen kann
Das Problem liegt nicht unbedingt in der Frage selbst, sondern in dem, was sie bei uns auslösen kann. Menschen vergleichen sich ganz automatisch mit anderen. Die Psychologie beschreibt solche sozialen Vergleiche als normalen Teil unseres Denkens. Sie können Orientierung geben, aber auch Unzufriedenheit oder ein Gefühl von Unterlegenheit verstärken – besonders wenn wir uns mit Menschen vergleichen, deren Leben scheinbar besser läuft als unseres.
Nach den Ferien kann das etwa solche Gedanken auslösen:
«Die anderen waren drei Wochen in Italien. Wir waren nur im Freibad», oder «Die Kinder meiner Freundin haben so viel erlebt. Habe ich meinen Kindern genug geboten?».
Besonders schwierig kann es werden, wenn bereits finanzielle Sorgen, familiäre Konflikte oder gesundheitliche Belastungen vorhanden sind. Dann kann eine scheinbar beiläufige Frage einen wunden Punkt treffen. Das bedeutet nun nicht, dass jemand deshalb grundsätzlich nicht nach den Ferien fragen sollte. Aber Interesse ist etwas anderes als Erwartungsdruck, also kommt es auch sehr darauf an, wie man die Frage nach den (schul-)freien Tagen formuliert.
Ferien sind kein Wettbewerb
Dazu kommt ein gesellschaftliches Bild davon, wie «richtige» Ferien aussehen sollen: Flugreise, hübsches Hotel, feinsandiger Strand, spannende Ausflüge und natürlich möglichst schöne Fotos von alledem.
Soziale Medien können solche Vergleiche zusätzlich verstärken, weil wir dort vor allem die gelungenen Ausschnitte aus dem Leben anderer sehen. Psychologische Fachliteratur beschreibt, dass solche Aufwärtsvergleiche – also der Blick auf Menschen, die scheinbar mehr haben oder erfolgreicher sind – das eigene Wohlbefinden beeinträchtigen können.
Was dabei leicht vergessen geht: Wir sehen immer nur einen Ausschnitt.
Die Familie, die gerade drei Wochen am Meer war, kann trotzdem finanzielle Sorgen haben. Die Mutter, die täglich traumhafte Ferienfotos postet, kann im Alltag völlig erschöpft sein. Und die Familie, die zu Hause geblieben ist, kann einen wunderbaren und erlebnisreichen Sommer erlebt haben. Ein Ferienort sagt definitiv nichts darüber aus, wie glücklich, liebevoll oder gut eine Familie ist.
Auch Kinder brauchen keine spektakulären Ferien
Für einen schönen Sommer muss eine Familie nicht zwingend weit reisen: Ein Tag am See, ein Picknick, Fahrradtouren, ein Besuch bei Freunden oder Grosseltern, lange Abende auf dem Balkon oder einfach gemeinsam Zeit zu haben, können genauso Teil schöner Ferienerinnerungen sein. Natürlich freuen sich viele Kinder über eine Reise. Das darf auch so sein. Aber Eltern müssen ihren Kindern nicht jedes Jahr möglichst spektakuläre Ferien ermöglichen, um ihnen eine gute Kindheit zu bieten. Entscheidend ist vielmehr, was zur jeweiligen Familie passt und was sie sich leisten und bewältigen kann.
Wie man nach den Ferien sensibler fragen kann
Die Frage «Wo wart ihr in den Ferien?» ist also nicht verboten und schon gar nicht grundsätzlich unsensibel. Man kann sie aber offener formulieren. Zum Beispiel:
«Wie waren eure Ferien?» oder «Hattet ihr eine gute Zeit?». Noch schöner kann sein: «Was war euer schönster Moment in den Ferien?». Damit entsteht weniger der Eindruck, dass eine Reise erwartet wird. Eine Familie kann von einer Woche am Mittelmeer erzählen. Eine andere davon, dass die Kinder zum ersten Mal alleine im Garten gezeltet haben oder dass die Tochter Velofahren gelernt hat.
Und wer nichts erzählen möchte, muss sich auch nicht rechtfertigen, denn «Wir waren zu Hause» muss keine Erklärung nach sich ziehen. Wer mehr erzählen möchte, kann das tun. Wer nicht, darf das Thema wechseln.
Gerade darin liegt vielleicht ein wichtiger Unterschied im Small Talk: Wir können Interesse zeigen, ohne eine Rechtfertigung zu erwarten. Denn hinter «Wir sind zu Hause geblieben» kann sich vieles verbergen: von finanziellen Sorgen über Krankheit bis hin zu einem ganz bewussten Entscheid für einen ruhigen Sommer oder der Vorfreude auf tolle Herbstferien.
Und vielleicht ist deshalb die bessere Frage nach den Ferien gar nicht, wo jemand war. Sondern: Was hat euch gutgetan?