Verzweifelt und leer
Wie es im Innern eines Narzissten aussieht

Sie wirken selbstsicher, erfolgreich und charismatisch. Doch Narzissten lieben sich nicht selbst – sondern suchen verzweifelt nach Bestätigung. Der Psychiater Thomas Fuchs erklärt, warum dahinter oft eine tiefe Leere steckt und warum wir ihnen auf den Leim gehen.
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Verzweifelte Existenz: Narzissten brauchen andere, um sich zu bestätigen.
Foto: Getty Images

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Narzissten lieben sich nicht selbst: Sie brauchen ständig Bestätigung von aussen
  • Social Media verstärkt Narzissmus: Sichtbarkeit und Likes werden zum Massstab für den eigenen Wert
  • Hinter der Fassade lauert oft Leere: Erfolg und Charme täuschen über einen instabilen Selbstwert hinweg
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Katja RichardRedaktorin Gesellschaft

Würde ein Narzisst Ihr Buch lesen? Und wenn ja, würde er sich darin erkennen?
Thomas Fuchs: Das würde ich nicht ausschliessen. Eine unterschwellige Bewusstheit ihrer Problematik haben manche Narzissten durchaus. Und aus meinem Umfeld höre ich oft, dass sie beim Lesen des Buchs auch etwas von sich selbst finden. Ein Narzisst würde sich also durchaus wiedererkennen – ob er die Diagnose akzeptieren würde, ist eine andere Frage.

Der Begriff ist zum Modewort geworden, jede zweite Ex-Partnerin ist eine Narzisstin oder der Chef ist narzisstisch.
Wir erleben einen Hype des Diagnostizierens. Dass der Begriff heute so populär ist, hat aber auch mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun. Darin manifestiert sich ein bestimmter Zeitgeist.

Mit dem Selfie und Social Media als Spiegel des modernen Narzissten?
Soziale Medien fördern narzisstische Tendenzen. Likes, Follower und Klicks machen den eigenen Wert scheinbar messbar. Der Kampf um Aufmerksamkeit wird zum Kampf um Sichtbarkeit. Genau das sucht der Narzisst: Er will sich darstellen und bewundert werden. Deshalb finden sich unter Influencern besonders viele Menschen mit narzisstischen Zügen.

Steckt nicht in jedem von uns etwas Narzisstisches?
Das ist ein weitverbreiteter Irrtum. Man darf ein gesundes Selbstbewusstsein nicht mit einer Persönlichkeitsstörung verwechseln. Ein Narzisst muss seinen Selbstwert ständig von aussen bestätigen lassen – durch Bewunderung, Anerkennung oder Erfolg. Es ist das Gegenteil von Selbstliebe. Einen gesunden Narzissmus gibt es ebenso wenig wie eine gesunde Erkältung.

Professor für Narzissmus

Modewort, moralischer Vorwurf oder krankhafte Persönlichkeitsstörung: Narzissmus ist allgegenwärtig. Doch was steckt wirklich dahinter? Thomas Fuchs (67), Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg (D), geht dieser Frage in seinem Buch «Das unersättliche Selbst. Der Narzissmus als psychische und gesellschaftliche Krise» mit Co-Autor Thomas Arnold auf den Grund. Die These: Narzissten sind nicht einfach selbstverliebt. Hinter dem Streben nach Bewunderung, Erfolg und Anerkennung steckt oft eine tiefe innere Leere.

Modewort, moralischer Vorwurf oder krankhafte Persönlichkeitsstörung: Narzissmus ist allgegenwärtig. Doch was steckt wirklich dahinter? Thomas Fuchs (67), Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg (D), geht dieser Frage in seinem Buch «Das unersättliche Selbst. Der Narzissmus als psychische und gesellschaftliche Krise» mit Co-Autor Thomas Arnold auf den Grund. Die These: Narzissten sind nicht einfach selbstverliebt. Hinter dem Streben nach Bewunderung, Erfolg und Anerkennung steckt oft eine tiefe innere Leere.

Aber Narzissten scheinen oft erfolgreich. Machen sie auch etwas richtig?
Das mag auf den ersten Blick so wirken. Aber beneidenswert ist das nicht. Um ihr grandioses Selbstbild aufrechtzuerhalten, streben solche Menschen ständig nach dem Nächsten und Höheren. Aber sie kommen nie bei sich selbst an, und hinter der schillernden Fassade lauert oft eine tiefe Leere – es ist eine untergründig verzweifelte Existenz. Solange Narzissten bewundert werden, funktioniert das. Gerät das Selbstbild aber ins Wanken, können sie regelrecht zusammenbrechen.

Landen sie dann in Therapie?
Ja. Hilfe suchen Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung meist erst, wenn sie am Boden sind. Es fällt ihnen sehr schwer, sich wieder aufzufangen und mit sich selbst zufrieden zu sein. Die Schmach der Niederlage kann so katastrophal sein, dass sie sogar zum Suizid führt. Es ist auch eine tragische Existenz: Narzissten suchen ständig Befriedigung, aber im Aussen. So können sie ihre innere Leere nie füllen. Man sollte sich also durch das Vordergründige nicht täuschen lassen.

Wie wird man narzisstisch?
Es ist ein Zusammenspiel von Veranlagung und Kindheitserfahrungen. Entscheidend ist, ob ein Kind um seiner selbst willen geliebt wird oder nur für Leistung, Erfolg oder Besonderheit. Manche Eltern schenken zu wenig Wärme und Aufmerksamkeit, andere idealisieren ihr Kind ständig und vermitteln ihm, etwas ganz Aussergewöhnliches zu sein. Beides kann dazu führen, dass der Selbstwert später nur noch von aussen abhängt.

Wieso gehen wir Narzissten so leicht auf den Leim?
Weil sie oft sehr charmant, gewinnend und aufmerksam wirken. Sie verstehen es, ihre Stärken in Szene zu setzen und anderen das Gefühl zu geben, etwas Besonderes zu sein. Als erfolgreiche Menschen wirken sie besonders anziehend.

Woran erkennt man einen Narzissten?
Oft erst auf den zweiten Blick. Hinter der charmanten Fassade spürt man häufig eine grosse Kälte – das ist nicht nur sinnbildlich gemeint: Psychisches Erleben erfasst immer den ganzen Menschen. Deshalb kann sich die innere Leere eines Narzissten auch als leiblich spürbare Kälte zeigen. Eine wirklich warme Zuneigung oder echte Empathie wird man von einem Narzissten kaum bekommen.

Können Narzissten überhaupt lieben?
Eigentlich nicht, zumindest, wenn man wirkliche Liebe meint. Narzissten lieben im Grunde weder sich selbst noch andere, weil sie den Wert des eigenen Selbst nicht spüren. Andere Menschen werden dadurch oft zum Mittel zum Zweck: Sie sollen dazu dienen, sich fortwährend in ihnen zu spiegeln und die eigene Leere nicht spüren zu müssen.

Donald Trump gilt als Narzisst. Ist es seriös, jemanden aus der Ferne zu diagnostizieren?
Fachleute sind mit Ferndiagnosen aus guten Gründen vorsichtig. Im Fall von Donald Trump ist diese Zurückhaltung sachlich aber nicht erforderlich. Er ist ein solches Lehrbuchbeispiel für einen grandiosen, ja malignen Narzissmus. Da könnte man praktisch jede Eigenschaft eines Narzissten in Reinform finden.

Welche sind das?
Die übersteigerte Selbstüberzeugung und die unstillbare Suche nach Anerkennung und Ruhm. Dazu kommen eine ausgesprochene Dünnhäutigkeit und Kränkbarkeit, die sich in einer massiven Rachsucht äussern. Wer Trump kritisiert, hat unerbittliche Konsequenzen zu befürchten. Dazu kommt seine Rastlosigkeit. Trump ist nie zufrieden. Er braucht ständig den nächsten Erfolg, den nächsten Triumph. Was ihn nicht grossartig dastehen lässt, verliert für ihn sofort an Bedeutung. Er ist im wahrsten Sinn des Wortes unersättlich.

Was sagt die Wahl Donald Trumps über unsere Gesellschaft aus?
Ob Narzissmus als Persönlichkeitsstörung tatsächlich zunimmt, ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegt. Sicher ist aber: Unsere gesellschaftlichen Strukturen fördern narzisstische Eigenschaften. Sichtbarkeit, Aufmerksamkeit und Selbstdarstellung werden belohnt. Menschen mit solchen Eigenschaften treten stärker in den Vordergrund und schaffen es nach oben.

Was heisst das für uns?
Wir müssen Narzissten nicht den Raum überlassen. Auch Menschen ohne grandiose Selbstdarstellung sollten sich Gehör verschaffen, sich einbringen und Verantwortung übernehmen. Niemand zwingt uns dazu, immer wieder dieselben narzisstischen Persönlichkeiten zu unseren Chefs oder politischen Führungsfiguren zu machen.

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