Freundschaften im Erwachsenenalter
Warum wir mit zunehmendem Alter weniger Freunde haben

Wir wissen dank Whatsapp und Social Media fast immer, was unsere Freunde machen. Trotzdem werden Freundeskreise kleiner. Eine Entwicklung, die zeigt: Digitale Nähe kann echte Freundschaft nicht ersetzen.
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Foto: Getty Images
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Gunda BosselSEO-Redaktorin

Früher gehörten Freunde ganz selbstverständlich zum Alltag. Man sah sich in der Schule, im Studium oder bei der Arbeit, traf sich nach Feierabend oder stand am Wochenende gemeinsam irgendwo herum. Freundschaft musste kaum organisiert werden, sie entstand nebenbei.

Im Erwachsenenalter ändert sich das. Jobs, Umzüge, Partnerschaften und Kinder bringen Menschen in unterschiedliche Lebenswelten. Aus spontanen Treffen werden Termine. Und aus gemeinsamen Erlebnissen wird nicht selten ein gegenseitiges Update. «Was gibt es Neues?» ist dann schnell die wichtigste Frage des Abends.

Warum Freundeskreise im Erwachsenenalter kleiner werden

Dass das kein rein persönlicher Eindruck ist, zeigen Daten aus den USA. Eine Befragung des Survey Center on American Life verglich die Zahl enger Freundschaften 1990 und 2021. Das Ergebnis ist deutlich: 1990 sagten 33 Prozent der gesamthaft 2019 befragten Personen, sie hätten mindestens zehn enge Freunde. 2021 waren es nur noch 13 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil der Menschen ohne enge Freunde von 3 auf 12 Prozent. Auch die Zahl der Menschen mit nur wenigen engen Freunden nahm zu. 2021 hatten 49 Prozent drei oder weniger enge Freunde, 1990 waren es 27 Prozent.

Die Forscher sehen dafür nicht eine einzige Ursache. Eine Rolle spielen unter anderem grössere geografische Mobilität, veränderte Lebensläufe und die Tatsache, dass Menschen später heiraten. Die Corona-Pandemie hat die Entwicklung zusätzlich verstärkt.

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Männer verlieren besonders viele Freundschaften

Besonders auffällig ist die Entwicklung bei Männern. 1990 gaben 55 Prozent der befragten Männer an, mindestens sechs enge Freunde zu haben. 2021 waren es noch 27 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil der Männer ohne enge Freundschaften von 3 auf 15 Prozent. Bei Frauen fiel der Rückgang deutlich geringer aus.

Das könnte auch damit zusammenhängen, wie Freundschaften entstehen und gepflegt werden. Viele Männer knüpfen soziale Kontakte stärker über gemeinsame Aktivitäten: Sport, Arbeit, Ausgehen oder Hobbys. Fallen diese gemeinsamen Routinen weg, kann auch der Kontakt schneller abreissen.

Soziale Medien schaffen Nähe. Aber welche?

Gleichzeitig leben wir in einer Zeit, in der es eigentlich nie leichter war, Kontakt zu halten. Eine Nachricht ist in Sekunden verschickt. Fotos aus den Ferien landen im Gruppenchat, der neue Job wird auf Instagram verkündet und die Renovation der Wohnung lässt sich bequem per Story verfolgen.

Die Folge ist eine neue Form von Nähe: Man weiss erstaunlich viel über das Leben eines Menschen, obwohl man kaum Zeit mit ihm verbringt. Das muss nicht schlecht sein. Denn digitale Kommunikation kann Freundschaften über grosse Distanzen erhalten und den Kontakt zwischen persönlichen Treffen erleichtern. Aber sie ersetzt trotzdem nicht automatisch das gemeinsame Erleben.

Warum ständiges Schreiben keine echte Nähe garantiert

Die US-Befragung zeigt den Widerspruch ziemlich deutlich: 54 Prozent der Befragten gaben an, innerhalb der vergangenen 24 Stunden mit einem Freund geschrieben zu haben. Trotzdem berichteten immer mehr Menschen von kleinen oder fehlenden engen Freundeskreisen. Kontakt und Nähe sind also nicht dasselbe.

Eine Nachricht informiert darüber, dass jemand einen neuen Job hat. Ein gemeinsamer Abend zeigt dagegen, wie es dieser Person damit wirklich geht. Beim persönlichen Gespräch entstehen zudem neue Geschichten, gemeinsame Erinnerungen und spontane Momente. Genau das fehlt, wenn Freundschaft hauptsächlich aus gegenseitigem Abholen besteht.

Wie viele Freunde kann ein Mensch überhaupt haben?

Dass unsere sozialen Möglichkeiten begrenzt sind, zeigt auch die Forschung des britischen Anthropologen Robin Dunbar.

Sein Modell beschreibt verschiedene Ebenen sozialer Beziehungen: etwa fünf besonders enge Menschen, rund 15 enge Freunde, etwa 50 weitere gute Kontakte und ungefähr 150 stabile soziale Beziehungen. Neuere Forschung bestätigt diese typische Staffelung, wobei die konkreten Zahlen von Mensch zu Mensch variieren. Das erklärt auch, warum mehrere Hundert Kontakte auf Instagram nicht dasselbe sind wie mehrere Hundert Freunde.

Zeit und Aufmerksamkeit sind begrenzt. Je enger eine Beziehung ist, desto mehr davon braucht sie normalerweise.

Freundschaft muss nicht für immer gleich bleiben

Ein kleinerer Freundeskreis ist deshalb nicht automatisch ein Problem. Freundschaften verändern sich, wenn sich das Leben verändert: Manche Menschen bleiben über Jahrzehnte eng verbunden. Andere werden zu Freunden, die man nur noch ein paar Mal im Jahr sieht. Wieder andere verschwinden irgendwann aus dem Alltag.

Das passiert häufig ohne Streit oder bewusste Entscheidung. Man schreibt seltener, verschiebt Treffen, lebt sich auseinander. Irgendwann merkt man, dass aus einer engen Freundschaft ein loser Kontakt geworden ist.

Das kann schmerzhaft sein. Es bedeutet aber nicht, dass die gemeinsame Zeit bedeutungslos war.

Was von einer Freundschaft übrig bleibt

Vielleicht geht es bei Freundschaft deshalb weniger um die Zahl der Kontakte als um deren Qualität: Nicht jeder Freund muss ständig erreichbar sein. Nicht jede enge Beziehung braucht tägliche Nachrichten. Und ein Freundeskreis muss nicht gross sein, um tragfähig zu sein.

Entscheidend ist vielmehr, ob aus Kontakt auch gemeinsame Zeit wird. Denn genau darin liegt das Paradox unserer digitalen Gegenwart: Wir können jederzeit wissen, was im Leben unserer Freunde passiert. Aber um wirklich daran teilzunehmen, müssen wir immer noch auftauchen.

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