Darum gehts
- Milena Moser erlebt einen peinlichen Moment ohne Portemonnaie im Spar in Zürich
- Ihre Freundin zeigt unerwartete Grosszügigkeit und hilft mehrfach mit Geld
- Schlussfolgerung: Geben und Nehmen können beglückend sein, Geld regiert vieles
Vor Jahren gab es eine Gesprächsreihe in einer Zeitschrift, die sich das «Interview» nannte. Da gaben Prominente offen Auskunft über ihr Liebesleben, beschrieben ihr sogenanntes erstes Mal, doch wenns ums Geld ging, konkret um die Frage, wie viel sie verdienen, verschlossen sie sich wie Austern, die ihre Perlen nicht hergeben wollen. «Darüber möchte ich nicht reden.»
Warum eigentlich nicht? Es ist ja nicht so, dass uns das Thema nicht beschäftigen würde. Beherrschen, wenn wir ehrlich sind. Als mein Sohn in der zweiten Klasse war, wurde ich ziemlich oft zum Schulleiter zitiert, aus Gründen, die mir damals meist eher nichtig erschienen. Aber vielleicht war das ja genau das Problem.
Einmal zum Beispiel ging es darum, dass er die Eltern vor dem Schulhaus um Geld anbettelte, und zwar nicht um den traditionellen einen «Schtutz», sondern gleich um zwei! Das machte es irgendwie noch schlimmer, dieser Mangel an Bescheidenheit, obwohl er eine gute Erklärung dafür hatte: «Dann muss ich weniger Leute belästigen.» Ich versuchte, mir das Lachen zu verbeissen. Der ebenfalls anwesende Klassenlehrer meinte grosszügig, der Junge sei eben gescheit genug, um zu merken, was die Gesellschaft regiert, obwohl niemand darüber redet: das Geld. Das – und die Tatsache, dass ich ihm viele materielle Wünsche schlicht nicht erfüllen konnte.
Eine peinliche Panne
Aber ich wollte etwas anderes erzählen, etwas eigentlich Harmloses, nämlich, dass ich neulich mein Portemonnaie zu Hause vergessen hatte. Das Handy hatte ich dabei, aber mangels Adresse in der Schweiz kein Twint drauf. Gemerkt habe ich es erst, als ich mit meiner Freundin im Spar stand und mein Mittagssalätli bezahlen wollte. Ich wühlte durch meine voluminöse Tasche, während hinter mir die Schlange wuchs, stülpte sie nach aussen, bevor ich es einsah. Ich wandte mich an meine Freundin, hochrot im Gesicht und mit zitternden Händen: «Ähmm du, ich glaub es nicht, aber ... kannst du ...»
Sie konnte. Kein Thema eigentlich, ich erzähle es auch nur, weil es mir so über die Massen peinlich war, dass ich darüber nachdenken musste. Es gab nämlich in meinem Leben Zeiten, in denen ich recht gut verdiente – vor allem, wenn man bedenkt, dass ich jeden Franken zusammengeschrieben hatte. Das ist gar nicht so einfach, denn Worte werden nicht unbedingt hochgeschätzt und deshalb auch nicht mit Gold aufgewogen. Aber egal. Damals ernährte ich nicht nur eine Familie, ich konnte es mir auch leisten, Freundinnen zum Abendessen einzuladen, auf Reisen, in schöne Hotels. Ich machte extravagante Geschenke und genoss das sehr. «Geben ist seliger denn Nehmen», heisst es in der Bibel, und ich kann das nur bestätigen.
Selbstverständliche Grosszügigkeit
An dem Tag, an dem ich mein Portemonnaie zu Hause vergessen hatte, blieb es nicht beim Salätli. Ich wollte nämlich noch meine neugeborene Enkelin besuchen, und mein Sohn schrieb, ob ich noch Brot mitbringen könne. Wieder wandte ich mich an meine Freundin, die mit mir zum Bahnhof fuhr und Bargeld aus dem Automaten zog. Meinen überschwänglichen Dank wehrte sie ab: «Ist mir eine Freude», sagte sie. Und: «Ist doch nur Geld.» Und nein, ich durfte den Betrag nicht zurückzahlen. «So weit kommts noch.»
Später wurde ich dann mit derselben selbstverständlichen Grosszügigkeit von einer anderen Freundin zum Essen eingeladen. Ich hab mich also den ganzen Tag verwöhnen lassen. Ich hab um Hilfe gebeten und sie bekommen. Und mehr als das: Ich habe gespürt, wie gern mir ausgeholfen wird. Das war am Ende gar nicht peinlich, sondern im Gegenteil beglückend. «Und war das jetzt wirklich so schwer?», fragte das Portemonnaie, das unter dem Bett lag, als ich nach Hause kam.