Darum gehts
- Ein Hund half Milena Moser gegen ihre innere Unruhe
- Hunde vereinfachen soziale Kontakte und fördern Gespräche beim Spaziergang
- Studien zeigen, Bewegung erhellt Stimmung, Einsamkeit kann durch Haustiere sinken
Um es gleich vorwegzunehmen: Das lange Warten ist zu Ende, das Wunder geschehen, das so ersehnte Kind geboren. Und alles ist gut. Während die Eltern also beschäftigt waren, hütete ich ein paar Tage lang ihren Hund. Und das stellte sich als brillante Strategie gegen meine innere Unruhe heraus. Vermutlich ist es dem (nebenbei bemerkt höchst wohlerzogenen) kleinen Hund zu verdanken, dass ich keine weiteren Fehlleistungen getätigt habe, wie mir noch eine Zehe zu brechen …
Bewegung an der frischen Luft
Allerdings war ich im Vorfeld genau deswegen nervös, wegen des Hunds: Würde ich alles richtig machen? Würde der Hund sich mit mir wohlfühlen? Wenn man von dem Nachbarshund absieht, der in San Francisco unsere Sonntagsspaziergänge begleitet, war ich nämlich seit der Teenagerzeit nicht mehr für einen Hund verantwortlich. Und selbst da erinnere ich mich vor allem an die langen Spaziergänge im Wald, gegen die ich mich immer lautstark maulend wehrte, nur um sie dann umso mehr zu geniessen. Heute bin ich überzeugt, dass diese Spaziergänge mich durch diese nie ganz einfache Zeit der Pubertät gerettet haben. Bewegung an der frischen Luft erhellt die Stimmung, das ist unterdessen erwiesen.
Und so war es auch dieses Mal wieder. Alle paar Stunden brachen wir zu einem gemütlichen Spaziergang auf. Und jedes Mal kam ich dabei mit mindestens drei oder vier fremden Menschen ins Gespräch. Menschen mit Hunden natürlich. Schon am zweiten Tag wunderte ich mich, wenn ich jemandem begegnete, der ohne unterwegs war.
Verunsichert beim Spazieren in der Schweiz
Hier muss ich gestehen, dass mich das Spazierengehen in der Schweiz immer leicht verunsichert. Kommt mir jemand entgegen und ich sage freundlich «Grüezi!», werde ich ignoriert. Sage ich aber nichts, wird mir garantiert ein «Grüezi sagen, kostet nichts!» hinterhergerufen. Manchmal reagiere ich auch auf etwas, das gar nicht zu mir gesagt wurde, sondern in ein gut verstecktes Gerät hinein, und dann fühl ich mich noch dümmer. Kurz, ich werde schon nervös, wenn ich jemanden von weitem kommen sehe.
Aber mit einem Hund! Mit einem Hund ist das alles kein Thema mehr. Das Grüezi erledigt sich von selbst, jeder Austausch beginnt mit «ist es okay?» und «sie macht nichts!» oder «er ist halt schüchtern». Und schon hat das Gespräch begonnen, dessen Dauer von der Spiellust der Hunde diktiert wird. Ganz beflügelt kam ich jeweils nach Hause.
Weniger einsam mit Hund
Hunde helfen gegen Einsamkeit – keine wirklich neue Erkenntnis. Nur für mich! Obwohl ich oft über das Thema nachdenke. Die zunehmende Vereinsamung scheint mir (nach Klimakatastrophe, Kriegshetze und politischem Wahnsinn) das grösste Problem unserer Zeit zu sein. Kann es also wirklich so einfach sein? Hol einen Hund aus dem Tierheim und deine Einsamkeit ist gemildert?
Denn es ist ja nicht nur die quasi automatische Kontaktaufnahme mit anderen, es ist auch die Illusion, oder die echte Erfahrung, dass das Tier Anteil nimmt. «Ja, gell, du bist jetzt ganz aufgeregt», sage ich zum Beispiel zum Hund, der mich aus dunklen Augen verständnisvoll anschaut. Dabei bin ich es, die aufgeregt ist.
«Da passiert jetzt etwas ganz Grosses», sage ich. «Alles wird anders werden. Anders und neu und wunderschön!» So rede ich uns beide durch die Tage. Und dann atme ich tief ein, und der Hund seufzt für mich mit.