Darum gehts
- Milena Moser schildert Gedankenspirale und Unruhe während des Wartens auf ein Kind
- Verlorener Wollknäuel und schmerzender Zeh lenken sie von der Warterei ab
- Reflexion über Selbstkritik und Geduld; Unruhe mündet in gelassener Akzeptanz
Kinder halten sich nicht unbedingt an Pläne und Prognosen. Sie haben ihren eigenen Willen. Das weiss ich, das respektiere ich, und doch. Die innere Unruhe lässt sich nicht ganz unterdrücken. Während ich warte, stricke ich eine Decke mit einem Muster aus roten Herzen. Immer wieder muss ich sie auftrennen, weil ich mich verzählt habe. Das letzte Mal, als ich so verbissen strickte, lag meine Mutter im Sterben. Ich konnte damals nicht zu ihr reisen, und sie nahm auch das Telefon nicht mehr ab. «Jetzt, wo ich tot bin, will ich nicht mehr ständig gestört werden», hatte sie mir als Letztes gesagt. Ich war zu unruhig, um zu schreiben, und sogar auf meine geliebten Fernsehserien konnte ich mich nicht konzentrieren. Also strickte ich einen Norwegerpullover mit einem komplizierten Totenkopfmuster, den ich später nie getragen habe. Die Fäden sind viel zu straff gezogen, das Muster ganz verzerrt. Ich bin keine begabte Handarbeiterin, es ist mehr eine Form der Beschäftigungstherapie für mich.
So auch jetzt. Die Decke ist fertig, das Kind noch nicht da. Ich beginne, seinen Namen aufzusticken. Doch als mir gerade noch dreieinhalb Buchstaben fehlen, kann ich plötzlich den Wollknäuel nicht mehr finden. Obwohl die Decke und ich das Gästezimmer meiner Freundin nicht verlassen haben. Sie hilft mir, das ganze Zimmer auszuräumen und auf den Kopf zu stellen: Die Wolle bleibt verschwunden. Wie ist das möglich?
Es ist nicht möglich.
Bin ich blöd? Ich verbiete mir den Gedanken. Doch in der Nacht träume ich von meiner Schreibgruppe, die sich in eine Strickgruppe verwandelt hat, der die Wolle ausgegangen ist. Und ich, die Leiterin der Gruppe, trage die Schuld daran. Klar.
Ich ärgere mich über mich selbst: Sogar meine Träume sind simpel! Ich stehe auf, gehe im Dunkeln ins Bad und ziehe die Tür mit einem Ruck über meine nackten Zehen. Ein Schmerzensschrei entfährt mir, und jetzt kann ich die Tirade nicht mehr aufhalten: Wie blöd bist du eigentlich, wie dumm kann man sein, das glaub ich doch gar nicht, und so weiter und so weiter.
So rede ich normalerweise nicht mit mir. Nicht mehr: Es ist bestimmt zwanzig Jahre her, dass eine gute Freundin zu mir sagte: «Ich verbiete dir, in diesem Ton über Milena zu reden! Zufällig mag ich sie nämlich sehr.» Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, was sie meinte. Denn dieser abfällige, überkritische Ton war mir selbst gar nicht bewusst. Noch schlimmer, er war mir zur zweiten Natur geworden. Die Bestimmtheit, mit der sie mich darauf hinwies, löste etwas in mir aus. Ich begann es zu merken, wenn ich mich selbst niedermachte. Und ich erschrak, wie häufig das vorkam. Nach und nach lernte ich, grosszügiger und nachsichtiger mit mir umzugehen.
Doch jetzt, wo ich weder stricken noch gehen kann, wo ich mehr oder weniger nutzlos herumsitze, fällt es mir schwer, mich nicht wieder auszuschimpfen.
«Siehs doch mal so», sagt meine Freundin. «Das besessene Suchen nach der Wolle und dann das Verarzten deines Fusses haben dich ein paar Tage lang beschäftigt. Es hat dich von der Warterei abgelenkt. Du hättest dich sonst wahnsinnig gemacht.»
Das mach ich auch so, denke ich, aber ich sage nichts. Unterdessen ist der Fuss schon wieder fast verheilt, doch die Wolle ist immer noch unauffindbar. Während ich diese Zeilen schreibe, warte ich immer noch, aber die Unruhe hat sich gelegt. Wer weiss: Wenn diese Kolumne gedruckt und gelesen wird, ist das kleine, grosse Wunder vielleicht bereits geschehen, das Warten vergessen und meine Schusseligkeit auch …