Faulheits-Taktik
«Ich kann das einfach nicht»: Wenn Unfähigkeit zur Ausrede wird

Die Spülmaschine ist falsch eingeräumt, die Wäsche eingelaufen oder der Einkauf wieder unvollständig. Zufall – oder steckt mehr dahinter? Hinter dem Begriff «Weaponized Incompetence» verbirgt sich ein Verhaltensmuster, das viele aus dem Alltag kennen.
Kommentieren
Foto: Getty Images

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Weaponized Incompetence: Absichtliches Unvermögen, um unangenehme Aufgaben zu vermeiden
  • Frauen übernehmen durch dieses Verhalten oft mehr Haus- und Carearbeit als Männer
  • Klare Aufgabenverteilung und Kommunikation helfen, das Ungleichgewicht zu durchbrechen
Bildschirmfoto 2024-10-30 um 12.41.38.png
Gunda BosselSEO-Redaktorin

Er räumt die Spülmaschine so ein, dass die Hälfte des Geschirrs schmutzig bleibt. Sie bringt beim Einkaufen alles mit – nur nicht das, was auf der Liste stand. Man behauptet zum wiederholten Mal, einfach nicht zu wissen, wie die Waschmaschine funktioniert. Dübeln? «Das kann ich nicht». Anstatt einfach mal zu lernen, wie das geht. «Du kochst doch viel besser als ich, also mach du das lieber». «Plan doch du wie immer die Familienferien, du machst das viel besser». Diese Sätze kennen wohl viele Menschen.

Anfangs ist es vielleicht noch «herzig»

Am Anfang wird darüber gelacht. Doch mit der Zeit übernimmt immer dieselbe Person eine Aufgabe. Einfach, weil es schneller geht und weniger Nerven kostet. Weil sie es vermeintlich «besser kann», oder «schneller erledigt hat». Für genau dieses Verhalten gibt es inzwischen einen eigenen Begriff: Weaponized Incompetence.

Was bedeutet Weaponized Incompetence?

Wörtlich übersetzt bedeutet der englische Ausdruck «zur Waffe gemachte Unfähigkeit». Gemeint ist damit, dass jemand eine Aufgabe absichtlich schlecht erledigt oder sich unwissend gibt, damit sie künftig jemand anderes übernimmt. Ob das Verhalten bewusst oder unbewusst geschieht, lässt sich von aussen oft gar nicht beurteilen. Entscheidend ist das Ergebnis: Verantwortung bleibt dauerhaft an derselben Person hängen.

Externe Inhalte
Möchtest du diesen und weitere externe Beiträge (z.B. Instagram, X und anderen Plattformen) sehen? Wenn du zustimmst, können Cookies gesetzt und Daten an externe Anbieter übermittelt werden. Dies ermöglicht die Anzeige externer Inhalte sowie von personalisierter Werbung. Deine Entscheidung gilt für die gesamte App und ist jederzeit in den Einstellungen widerrufbar.

Das passiert öfter, als viele denken

Im Alltag zeigt sich das Muster auf ganz unterschiedliche Weise:

Ein Partner behauptet immer wieder, die Waschmaschine sei viel zu kompliziert. Nach einigen verwaschenen Kleidungsstücken übernimmt die andere Person die Wäsche lieber dauerhaft selbst.

Beim Einkaufen wird trotz genauer Liste jedes Mal etwas Wichtiges vergessen oder falsch eingekauft. Vielleicht erreichen einen auch verzweifelte Anrufe aus dem Supermarkt, «Welches Olivenöl soll ich kaufen» oder «Was frisst noch mal die Katze, schickst du mir ein Bild?». Irgendwann heisst es dann vom Gegenüber ganz bestimmt: «Ich mache das lieber selber.»

Der Partner bucht für einmal die Familienferien: Das Zusatzbett fürs Kind geht in der Reservation vergessen, das Hotel ist schlecht gelegen und es hat keinen Kinderpool. «Dann mach es das nächste Mal doch wieder selber», heisst es, wenn Kritik an der Buchung angebracht wird, «Du kannst das ja einfach viel besser». 

Werden delegierte Aufgaben nur halbherzig oder schlampig erledigt, landen sie oft schneller wieder bei der Person, die sie ursprünglich abgeben wollte. Aus der einmaligen Ausnahme wird so nicht selten eine dauerhafte Zuständigkeit.

Foto: Getty Images

Partner wird als «weiteres Kind im Haushalt» wahrgenommen

In vielen Familien heisst es: «Ich kenne den Stundenplan der Kinder ja gar nicht», «Welche Schuhgrösse haben sie gerade?» oder «Den Zahnarzttermin kannst du besser organisieren – du warst ja beim letzten Mal dabei.» So bleibt die Verantwortung nach und nach bei einer Person hängen. Statistisch ist das noch immer häufiger die Frau, weil sie im Durchschnitt mehr Haus- und Familienarbeit übernimmt.

Mit der Zeit geht es längst nicht mehr nur um einzelne Aufgaben. Wer ständig planen, organisieren, delegieren und an alles denken muss, fühlt sich oft allein verantwortlich. Manche beschreiben das Gefühl, den eigenen Partner oder die eigene Partnerin eher als «weiteres Kind im Haushalt» wahrzunehmen – statt als gleichberechtigten Erwachsenen, der Verantwortung mitträgt.

Auch im Berufsleben kommt das vor. Wer Aufgaben regelmässig unvollständig erledigt oder sich bei jeder Kleinigkeit hilflos zeigt, erlebt oft, dass Kollegen die Arbeit übernehmen – einfach damit sie erledigt ist.

Nicht jede Unfähigkeit ist gespielt

Der Begriff sollte allerdings mit Vorsicht verwendet werden. Nicht jeder Mensch, der etwas schlecht kann, drückt sich automatisch vor Verantwortung. Nur: Niemand weiss von Anfang an, wie man ein Baby wickelt, eine Steuererklärung ausfüllt oder einen Geschirrspüler optimal einräumt. Wie man dübelt, das Auto in die Waschanlage fährt oder den Rasen korrekt mäht. 

Kein Grund, dass eine Frau keine Bohrmaschine bedienen könnte. Es ist alles eine Frage des Willens und der Lernbereitschaft.
Foto: Getty Images

Der entscheidende Unterschied liegt darin, was danach passiert

Wer bereit ist, dazuzulernen und Aufgaben künftig selbst zu übernehmen, zeigt etwas völlig anderes als jemand, der sich dauerhaft auf den Standpunkt stellt: «Das kannst du doch eh viel besser.» oder «Du weisst ja bereits, wie das geht.»

Warum das so belastend sein kann

Oft geht es gar nicht um die einzelne Aufgabe. Es geht darum, wer ständig mitdenken muss. Wer erinnert an den Elternabend? Wer kauft das Geburtstagsgeschenk für die Schwiegermutter? Wer merkt, dass das Katzenfutter ausgeht oder die Sportsachen noch gewaschen werden müssen? Dass die Sommerreifen drauf müssen? Das Kind neue Schuhe braucht, oder der Rasen einen Schnitt? 

Wenn immer dieselbe Person plant, organisiert, erinnert und kontrolliert, entsteht schnell das Gefühl, für alles verantwortlich zu sein. Genau dieses Ungleichgewicht sorgt in vielen Beziehungen, Familien und auch Teams für Frust.

Männer oder Frauen – wer macht das häufiger?

Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Grundsätzlich können Menschen aller Geschlechter Weaponized Incompetence zeigen. Der Begriff wird jedoch besonders häufig im Zusammenhang mit Männern in heterosexuellen Beziehungen verwendet. Der Grund: Frauen übernehmen im Durchschnitt noch immer einen grösseren Teil der Haus- und Carearbeit, Kinderbetreuung und Alltagsorganisation. Dadurch fällt es eher auf, wenn ein Partner Aufgaben wiederholt abgibt oder vermeidet oder sich schlicht und einfach «dumm stellt». 

Umgekehrt gibt es aber auch Frauen, die sich dauerhaft aus bestimmten Bereichen heraushalten – etwa bei technischen Reparaturen, Finanzen, Versicherungen oder der Autowartung – und diese Aufgaben dem Partner überlassen. Letztlich geht es deshalb weniger um das Geschlecht als um die Frage, wie Verantwortung innerhalb einer Beziehung oder Familie verteilt ist.

Wie sich das Muster durchbrechen lässt

Der erste Schritt besteht darin, das Verhalten überhaupt zu erkennen. Hilfreich ist es, Aufgaben klar aufzuteilen und Verantwortung vollständig zu übergeben. Wer sich um den Einkauf kümmert, ist auch für die Einkaufsliste verantwortlich. Wer die Kinder zum Sport bringt, organisiert den Termin eigenständig. 

Genauso wichtig ist es, nicht bei jedem kleinen Fehler sofort einzugreifen. Wer Aufgaben übernimmt, sollte sie auf seine eigene Weise erledigen dürfen. Anders bedeutet nicht automatisch schlechter.

Ein neuer Begriff für ein altes Problem

Weaponized Incompetence mag wie ein Trendbegriff aus den sozialen Medien klingen. Das Verhalten dahinter gibt es jedoch schon lange. Ob in Beziehungen, Familien oder im Büro: Wenn Verantwortung dauerhaft auf andere abgeschoben wird, entsteht schnell ein Ungleichgewicht. Und grosser Frust in Beziehungen. Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen – und offen darüber zu sprechen, bevor aus kleinen Alltagsärgernissen ein wirklich grosses Beziehungsproblem wird. 

Externe Inhalte
Möchtest du diesen und weitere externe Beiträge (z.B. Instagram, X und anderen Plattformen) sehen? Wenn du zustimmst, können Cookies gesetzt und Daten an externe Anbieter übermittelt werden. Dies ermöglicht die Anzeige externer Inhalte sowie von personalisierter Werbung. Deine Entscheidung gilt für die gesamte App und ist jederzeit in den Einstellungen widerrufbar.
Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen