Darum gehts
- Artikel beleuchtet Small Talk im Alltag und löst lebhafte Diskussion aus
- Digitalisierung beeinflusst persönliche Kontakte, doch viele schätzen Respekt und Nähe
- Ein «Danke» oder Gruss kostet nichts, fördert aber soziale Achtsamkeit
Ein kurzer Gruss an der Kasse, ein «Danke» an den Buschauffeur oder ein paar freundliche Worte mit dem Kellner: Für viele gehören solche kleinen Begegnungen zum Alltag. Andere gehen lieber wortlos weiter.
Unser Artikel darüber, was hinter solchen kurzen Gesprächen steckt, hat deshalb eine lebhafte Diskussion ausgelöst. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Psychologie, sondern auch um Anstand, Respekt, Digitalisierung und die Frage, wie viel Nähe im Alltag eigentlich guttut.
Die Umfrageergebnisse zeigen ein sehr positives Bild
An der Umfrage zum Thema Freundlichkeit beteiligten sich 29'957 Leserinnen und Leser, die Ergebnisse zeigen: Ganze 70 Prozent finden den freundlichen Umgang wichtig und integrieren diesen in ihren Alltag, nur lediglich 1 Prozent der Teilnehmenden sieht es als unwichtig an, auch mal ein nettes Wort zu wechseln.
«Früher war das einfach normal»
Für Ruben A. braucht es für Freundlichkeit keine psychologische Erklärung: «Das hat mehr mit Anstand, Respekt und Begegnung auf Augenhöhe zu tun. Für das braucht es keine Studien», schreibt er.
Auch Norman G. sieht die Sache ähnlich. Wer heute ein paar Worte mit anderen Menschen wechsle, mache daraus seiner Meinung nach zu schnell ein psychologisches Phänomen. «Mit Menschen überall und zur gegebenen Zeit reden, war früher Normalität», schreibt er. Im Laden, mit Nachbarn oder in der Schule habe man miteinander gesprochen. Das nannte man früher «Respekt und Anstand».
Seine Befürchtung: Durch Social Media verschwinde diese Selbstverständlichkeit zunehmend.
Hans M. formuliert es noch kürzer: «Man hat mit Menschen geredet und man hat ihnen in die Augen geschaut.» Und auch Stephan Z. sieht den persönlichen Kontakt als etwas, das gerade heute wichtiger werde: «Nur zwischenmenschliche Kontakte können unsere Sozialkompetenz fördern. Und die brauchen wir alle dringend in einer Zeit, in der das Pendel auf die Gegenseite zugeht.» Sein Fazit: «Digitalisierung in Ehren, aber wir sind Menschen, keine Maschinen.»
«Ich bin gerne freundlich zu Menschen»
Günther R. sieht vor allem die menschliche Seite: «Ich bin gerne freundlich zu Menschen. War früher viel auf Service und habe mich auch gefreut, wenn meine Arbeit geschätzt wurde», schreibt er. Verkäufer, Postboten oder Mitarbeitende der Müllabfuhr seien alle wichtig, «damit unsere Gesellschaft funktioniert».
Gerade wer eine Dienstleistung in Anspruch nimmt, sieht im Alltag schnell nur die Funktion – und nicht mehr unbedingt den Menschen dahinter. Chris M. bringt die Idee auf einen einfachen Nenner: «Und all dies kostet keinen Rappen!»
Eine Freundschaft begann mit einem Gruss
Danielle Helen E. gehört zu den Menschen, die solche Begegnungen bewusst suchen: «Super Artikel. Genau so mache ich es auch und freue mich über jedes Lächeln, das zurückkommt. Macht den Alltag schöner», schreibt sie.
Später erzählt sie, dass sie durch solche kurzen Begegnungen sogar eine Freundschaft gefunden habe. Wenn man Menschen freundlich grüsse, würden sie einen bei der nächsten Begegnung im Laden oder im Bus wiedererkennen. «Eine meiner Freundschaften ist so entstanden, aber das erwarte ich nicht einmal.» Und genau das macht für sie offenbar den Reiz aus: Man weiss nicht, was aus einer kleinen Begegnung entsteht.
«Heute weiss das Telefon, wo ich bin»
Arnold S. beschreibt, wie selbstverständlich solche Kontakte für ihn auf dem Land sind: «Ich kenne hier auf dem Land in den Läden, Bank, Beiz, jede/n mit Namen und wenn ich nicht mit ihm/ihr kurz sprechen würde, würden die denken, ich sei sauer oder hätte Sorgen und sie würden mich ansprechen.»
Dann folgt ein Satz, der den Wandel der vergangenen Jahrzehnte auf den Punkt bringt: «Ich wuchs auf ohne Handy und wusste stets, wo unser Telefon war. Es hing an der Wand. Heute weiss das Telefon, wo ich stets bin.»
Die Aussage trifft einen Nerv der Diskussion: Wir können heute jederzeit mit anderen Menschen verbunden sein – und begegnen ihnen gleichzeitig im Alltag oft wortlos.
Dieser Blick-Artikel hat die Leserinnen und Leser sehr bewegt. An der Umfrage beteiligten sich fast 30'000 Personen.
Dieser Blick-Artikel hat die Leserinnen und Leser sehr bewegt. An der Umfrage beteiligten sich fast 30'000 Personen.
«Die Jungen sind viel offener, als viele denken»
Doch die Kritik an der Smartphone-Generation teilen nicht alle. Kirstin W. schreibt, sie habe durch Familie, Beruf und ihre eigenen Kinder viel mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu tun. Ihr Eindruck: «Und ich sehe ein ganz anderes Bild. Sie sind sehr wohl offen und freundlich.»
Sie beobachte sogar, dass sich junge Menschen «viel mehr trauen» als ihre Generation früher. Offen und zugewandt durchs Leben zu gehen, sei für viele selbstverständlich. Damit stellt sie eine verbreitete Annahme infrage: Vielleicht macht die Nutzung digitaler Medien junge Menschen nicht automatisch weniger sozial.
Freundlich sein, heisst nicht, jeden vollzuquatschen
Eine wichtige Gegenstimme kommt von Paul F.: Er warnt davor, aus Freundlichkeit eine Pflicht zum Gespräch zu machen. «Es kann auch sehr egoistisch sein, Leute einfach in ein Gespräch zu verwickeln, die eigentlich anderes zu tun hätten (Servierpersonal z. B.) aber halt auch freundlich sein müssen.»
«Man muss spüren, ob ein Gespräch gerade angebracht ist».
Das ist ein wichtiger Punkt: Soziale Kompetenz bedeutet nicht, möglichst lange mit möglichst vielen Menschen zu sprechen. Gerade beim Servicepersonal kann ein freundlicher Gruss oder ein «Danke» völlig ausreichen.
Danielle Helen E. hält dagegen: «Von zulabern ist im Artikel keine Rede, sondern von einem kurzen, freundlichen Begrüssen und einem netten auf Wiedersehen gepaart mit einem Lächeln.»
Darf man dem Buschauffeur einen schönen Abend wünschen?
Natürlich darf in einer Blick-Diskussion auch der Humor nicht fehlen. Peter S. stört sich an einer bestimmten Floskel: «Ganz toll finde ich ja jene, welche dem Buschauffeur einen schönen Abend, oder noch besser ein schönes Wochenende wünschen, während dieser am Arbeiten ist.» Sein Vorschlag: lieber «Adieu merci» oder «guten Dienst».
Marco W. kontert trocken. Er wünsche «jetzt aber dank Ihnen trotzdem jedem Buschauffeur einen noch sehr arbeitsreichen Abend und ein nicht vorhandenes Wochenende».
Man muss sich also offenbar nicht einmal darüber einig sein, wie man freundlich ist.
Nicht jeder möchte Small Talk
Natürlich gibt es auch Menschen, die lieber ihre Ruhe haben. Sepp V. schreibt schlicht: «Je weniger ich angesprochen werde, umso besser mein Alltag.» Auch das gehört zur sozialen Kompetenz. Nicht jeder Mensch möchte plaudern. Nicht jeder hat Zeit oder Lust auf ein Gespräch.
Wer aufmerksam mit anderen umgeht, sollte deshalb auch ein Nein, Schweigen oder einen kurzen Abschied akzeptieren.
Was die Debatte zeigt
Die Kommentare unter unserem Artikel zeigen vor allem eines: Ein paar Worte zwischen zwei Menschen sind längst nicht so banal, wie sie auf den ersten Blick wirken.
Für die einen sind sie ein Zeichen von Respekt und Anstand. Für andere eine willkommene Unterbrechung des anonymen Alltags. Manche sehen darin ein Stück verlorene Normalität, andere eine bewusste Entscheidung gegen digitale Distanz. Und manche wollen schlicht ihre Ruhe.
Vielleicht muss man sich deshalb gar nicht entscheiden, ob Small Talk nun «Psychologie» oder «Anstand» ist. Ein freundlicher Gruss dauert wenige Sekunden. Ein «Danke» kostet nichts. Und manchmal reicht genau das, damit sich ein Mensch nicht nur als Verkäuferin, Chauffeur oder Kellner fühlt, sondern für einen Moment als das, was sie oder er auch ist: ein Mensch.
Vielleicht ist das die einfachste Form von sozialer Achtsamkeit: kurz aufzuschauen und den Menschen neben sich nicht zu übersehen.