Darum gehts
- Langsame Fussgänger stressen schnelle Geher, besonders bei Zeitdruck und engen Plänen
- Psychologen verbinden Gangtempo mit Persönlichkeit, Zeitdruck verstärkt Stress durch Verzögerungen
- Erwachsene gehen 4–5 km/h, Stress zeigt oft eigenen inneren Zeitdruck
Du gehst durch die Stadt. Eigentlich ganz entspannt. Dann taucht vor dir jemand auf, der offenbar einen völlig anderen Zeitplan hat als du: Langsam geht die Person vor dir her. Sehr langsam. Vielleicht bleibt sie sogar plötzlich stehen, schaut aufs Handy oder läuft genau in der Mitte des Trottoirs. Du wirst schneller. Die Person nicht.
Irgendwann suchst du genervt nach einer Lücke, um vorbeizukommen. Und wenn das nicht möglich ist, steigt der Puls. Das Verrückte daran: Oft bist du überhaupt nicht zu spät.
Warum also kann ein langsamer Mensch vor uns so unglaublich nerven?
Jeder hat sein eigenes Tempo
Erwachsene gehen im Durchschnitt etwa 4 bis 5 Kilometer pro Stunde. Manche Menschen sind deutlich schneller unterwegs, andere lassen es gemütlicher angehen. Für die meisten von uns ist Gehen eine automatische Angelegenheit. Wir haben ein Ziel und bewegen uns mit unserem gewohnten Tempo dorthin.
Wird dieses Tempo plötzlich gebremst, muss sich unser Gehirn anpassen. Wir können nicht einfach so weiterlaufen, sondern müssen langsamer werden, warten oder einen Weg suchen, um zu überholen. Genau diese ungeplante Unterbrechung kann Stress auslösen.
Wenn ein paar Sekunden plötzlich wichtig werden
Besonders stark reagieren offenbar Menschen, die generell schnell unterwegs sind und einen ausgeprägten Zeitdruck empfinden. Sie planen ihren Tag eng, wollen Dinge effizient erledigen und haben oft das Gefühl, dass jede Minute zählt. Eine unerwartete Verzögerung kann dann viel grösser wirken, als sie tatsächlich ist.
Der langsame Spaziergänger wird zum Symbol für alles, was gerade nicht nach Plan läuft. Dabei geht es möglicherweise gar nicht um die Person selbst, sondern nur um das Gefühl: «Du hältst mich auf.»
Was dein Gang über dich verraten kann
Dass Menschen unterschiedlich schnell gehen, ist nicht nur eine Frage der Fitness. Psychologen haben schon vor Jahrzehnten einen Persönlichkeitstyp beschrieben, der besonders stark von Ehrgeiz, Konkurrenzdenken, Ungeduld und Zeitdruck geprägt ist: die sogenannte Typ-A-Persönlichkeit. Wer solche Eigenschaften stärker ausgeprägt hat, kann auch empfindlicher auf Verzögerungen reagieren. Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder schnelle Geher automatisch ein ungeduldiger Mensch ist. Und natürlich ist nicht jeder langsame Spaziergänger tiefenentspannt.
Unser Gangtempo hängt von vielen Faktoren ab: vom Alter, der körperlichen Verfassung, der Stimmung, dem Ziel – und schlicht von unserer Gewohnheit.
Der eigentliche Stress sitzt vielleicht ganz woanders
Interessant wird es, wenn du dich fragst: Warum stört mich das gerade so sehr? Hast du tatsächlich einen Termin? Musst du einen Zug erwischen? Oder hast du eigentlich Zeit? Wenn Letzteres zutrifft, könnte die heftige Reaktion ein Hinweis darauf sein, wie sehr du selbst unter Zeitdruck stehst. Denn objektiv sind die paar Sekunden oder Minuten, die du hinter einer langsamen Person verlierst, meistens kaum relevant.
Trotzdem fühlt es sich in diesem Moment anders an. Unser Gehirn mag es, wenn Abläufe vorhersehbar sind. Wird unser Tempo plötzlich von jemand anderem bestimmt, verlieren wir ein kleines Stück Kontrolle. Und genau das kann Frust auslösen.
Vielleicht ist die Person vor dir gar nicht das Problem
Das nächste Mal, wenn du hinter einem gemütlichen Spaziergänger fast die Geduld verlierst, kannst du deshalb einen kleinen Test machen. Frag dich: Bin ich wirklich in Eile oder habe ich einfach das Gefühl, schneller sein zu müssen?
Denn manchmal verrät unsere Reaktion auf einen langsamen Menschen mehr über unseren eigenen Alltag als über den Menschen vor uns. Vielleicht bist du ständig auf dem Sprung. Vielleicht ist dein Tag vollgepackt. Vielleicht hast du dir so sehr angewöhnt, jede Minute optimal zu nutzen, dass selbst ein kurzer Stau auf dem Trottoir plötzlich unerträglich wird. Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem du nicht nur an der Person vor dir vorbeigehen solltest – sondern für ein paar Sekunden auch an deinem eigenen Tempo etwas ändern könntest.
Dieser Artikel erschien erstmals auf Onet Kobieta, der Frauen- und Lifestyle-Rubrik des polnischen Nachrichtenportals Onet, das zur Ringier-Gruppe gehört.