Darum gehts
Sie heissen Better Me, Liven, Breeze oder Ahead: Mental-Health-Apps versprechen mit aggressiver Werbung auf sozialen Medien, bei Kindheitstraumata, ADHS, Prokrastination zu helfen oder einfach das allgemeine «Wellbeing» zu verbessern. Und das für ein paar Franken im Monat. Viel günstiger als eine Psychotherapie.
Meist starten die Onlineangebote gratis mit einem «Drei-Minuten-Test». Wenn man sich durch etliche Fragen geklickt hat, erhält man ein «personalisiertes Programm». Viele Apps beginnen mit einer Gratis-Probezeit, die dann automatisch in ein bezahltes Abo übergeht. Oft ist es schwer, die Abokosten ausfindig zu machen.
Bei Liven, einem Unternehmen mit Sitz in Estland, leitet Kristi Godwin, eine Therapeutin aus dem US-Bundesstaat Georgia, durch das erstellte Programm. Dieses enthält rudimentäre Prinzipien der Verhaltenstherapie: Bodyscan, Gefühle fühlen, einen «Happy Place» finden. Aber ohne grossen Kontext. Auf Godwins persönlicher Website findet sich primär ein Shop, wo man Therapiepakete kaufen kann – von Diäterfolg bis Kindheitstrauma.
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
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Schnelltests für ADHS und Kindheitstrauma
Die App Breeze der Firma Basenji mit Sitz in Zypern wirbt mit Schnelltests für ADHS, Kindheitstraumata oder die Erkennung narzisstischer Partner. In der Beschreibung heisst es, dass die App «therapeutischen Methoden nachempfunden ist und für Menschen mit Angstzuständen, Depressionen, bipolaren Störungen und ADHS-Symptomen entwickelt wurde».
Auf der Bewertungsplattform Trustpilot schneiden beide Apps nicht gut ab. Viele Nutzer ärgern sich über intransparente Aboabschlüsse und Abbuchungen, obwohl sie das Abo gekündigt haben. Auch inhaltlich beschweren sich viele Nutzer. Bewertungen wie «komplett nutzlos», «bessere Kalendersprüche», «schlecht trainierte KI-Modelle und allgemeine Tipps» oder «unnötig» fassen viele Rezensionen sowohl für Liven als auch Breeze zusammen.
«Kommerzieller Charakter»
Zwar seien Mental-Health-Apps nicht «per se negativ», sagt Fulvia Rota von der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP) zum Beobachter. Niederschwellige digitale Angebote könnten Menschen dazu bringen, sich überhaupt erstmals mit ihrer psychischen Gesundheit zu beschäftigen. Viele Mental-Health-Apps hätten aber wohl eher kommerziellen Charakter und seien mehr Wellnessprodukte als geprüfte medizinische Apps.
«Apps zur Selbsteinschätzung oder Diagnose sind in meinen Augen problematisch, weil sie eine präzise psychologische und auch psychiatrische Einordnung vorgaukeln, ohne dass man das wissenschaftliche Fundament kennt», so Rota. Eine Gefahr sei die Scheingenauigkeit. «Ein Quiz kann weder ein Kindheitstrauma noch ADHS oder andere psychische Erkrankungen seriös diagnostizieren.» Bei anhaltenden Beschwerden, unklaren Symptomen oder einem relevanten Leidensdruck sollte immer eine Fachperson beigezogen werden: ein Psychiater, ein Psychologe oder ein Hausarzt.
Harvard, Oxford und Cambridge als Referenzen
Liven schreibt zwar, die App sei «unter Anwendung wissenschaftlicher Methoden entwickelt» – basierend auf «jahrzehntelanger Forschung der Harvard University, Oxford University und Cambridge». Welche Forschung gemeint ist, wird aber nicht weiter erläutert.
Dem «Beobachter» schreibt eine Liven-Sprecherin: «Liven ist kein klinisches Instrument und versteht sich nicht als Ersatz für eine Therapie.» Es handle sich um ein «ergänzendes System zur Selbstregulierung im Alltag», das auf evidenzbasierten Techniken aus der kognitiven Verhaltenstherapie, der positiven Psychologie und der Verhaltenswissenschaft beruhe.
Breeze antwortet auf drei Medienanfragen nicht. Es kommen automatisierte E-Mails zurück: Man könne innerhalb von zwei Stunden mit einer Antwort rechnen, oder Breeze unterstütze die Kundin bei der Rückerstattung. Einer Antwort am nächsten kommt die Mail einer «Yara», die aber schreibt, dass sie «leider keine E-Mail zu der Anfrage» finde.