Darum gehts
- Mikhail Gurov schwimmt seit 2020 täglich zur Arbeit in Zürich
- Er liebt das klare Wasser, meidet aber Hallenbäder wegen Überfüllung
- Sein Arbeitsweg dauert 25 Minuten länger, inspiriert aber Kollegen zum Mitmachen
Am Bahnhof Stadelhofen in Zürich steigen am Morgen Fahrgäste aus dem Zug – meistens noch im Halbschlaf. Mikhail Gurov (45) hingegen verstaut seine Sachen in einer orangen Schwimmboje und steigt kurz darauf ins Wasser. Während der Grossteil der Bevölkerung mit dem öffentlichen Verkehr zur Arbeit gelangt, schwimmt der IT-Business-Analyst ins Büro.
Obwohl sein Arbeitsweg rund 25 Minuten länger ist, geht für den Männedorfer ein kleiner Traum in Erfüllung.
«Die Menschen unterschätzen, was sie haben»
Rückblende: Es ist 2017 und Gurov wohnt im Londoner Stadtteil Kensington. In seinem lokalen Schwimmverein lesen die Sportbegeisterten, wie Personen in der Schweiz zur Arbeit schwimmen. «Das sorgte in der britischen Schwimmszene für grosses Aufsehen, und so begann ich, in der Themse zu schwimmen», sagt Gurov zu Blick.
Glasklar und tiefblau ist der zweitlängste Fluss des Vereinigten Königreichs nicht: «Zum Glück wohnte ich an einem Abschnitt des Flusses, der keine starke Gezeitenströmung hatte.»
Seit 2020 schwimmt der 45-Jährige im Zürcher Gewässer. Seine Route verläuft normalerweise vom Utoquai bis zum Schanzengraben. «Ich kann bis auf den Grund sehen und mit den Fischen schwimmen. Die Menschen unterschätzen, was sie haben», schwärmt er.
«Es ist die beste Zeit zum Schwimmen»
Obwohl sein Morgen harmonisch beginnt, gab es auch schon Ärger auf dem Wasser: «Die Ruderer sind die grösste Gefahr. Manchmal sehen sie die Schwimmer nicht, und einige von ihnen glauben, der See gehöre ihnen.»
Die Zankereien sind nicht das einzige Problem. Laut dem Schwimmer sei es wichtig, vor acht Uhr morgens mit dem Schwimmen fertig zu sein, dann würden nämlich die Boote das Wasser besetzen.
Auch das Wetter macht manchmal einen Strich durch die Rechnung. «Wenn es richtig windig ist und die Wellen deshalb gross werden, braucht man Schwimmerfahrung. Es ist die beste Zeit zum Schwimmen, jedoch nur bei einer bestimmten Wellenhöhe.» Der Sportler fühlt sich im Wasser wohl. Dennoch mahnt er, dass man die Natur nicht unterschätzen sollte.
Das Hallenbad ist ein No-Go
Gurovs Morgenroutine inspiriert. Wer sich ein Beispiel an ihm nehmen möchte, sollte dennoch in Begleitung beginnen, rät er. Zudem sollten die ersten Schwimmrunden beim Schanzengraben gemacht werden, da das ein sicherer Ort und verhältnismässig flach sei. Dort findet man den Zürcher sogar im Winter.
Wo man ihn sicherlich nicht erblicken wird: im Zürcher Hallenbad. «Es sind so viele Menschen über Mittag im City Hallenbad, man fühlt sich wie ein Fisch in der Dose.»
«Ich schwimme lieber allein»
Die Extraminuten zur frühen Stunde nimmt Gurov gern auf sich. Wenn er im Büro ankommt, begrüssen ihn seine Kolleginnen und Kollegen mit einem Lächeln. Laut dem 45-Jährigen möchten sich diesen Sommer einige Arbeitskollegen anschliessen. Ausserdem sei bereits vorgeschlagen worden, dass er seinen Arbeitsweg über interne Kommunikationskanäle seines Arbeitgebers teilen solle.
Dennoch bevorzugt er die Ruhe am Morgen. «Ich hatte mal eine Begleitung gefunden, aber ich schwimme lieber allein.» Während rund um ihn die Pendler am Bahnhof Stadelhofen in den Tag stolpern, zieht Gurov längst seine Bahnen durchs Wasser. Allein, im eigenen Rhythmus und dem Büro ein paar Züge näher.