Von wegen Gender-Wein-Gap
«Hallo, die Damen, darf es etwas Restsüsses sein!?»

Frauen und Wein. Ein spannendes Thema und ein weites Feld für Stereotype und Fettnäpfchen.
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Der Mythos vom lieblichen «Frauenwein» war einst ein gefundenes Fressen für Marketingstrategien. Heute kann kein Unternehmen mehr mit diesen Stereotypen punkten.
Foto: Getty Images

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Dass Frauen süsse Weine bevorzugen ist ein heute immer noch weitverbreitetes Vorurteil
  • Weinmarken wie «Liebfrauenmilch» oder «Blue Nun» trugen vielleicht dazu bei
  • Hingegen werden schwere Rotweine oft als «maskulin» beschrieben
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Ursula GeigerRedaktorin Wein

Früher war es «Wein, Weib und Gesang». Das von Walzerkönig Johann Strauss komponierte Musikstück wurde im Februar 1869 am Narrenabend des Wiener Männergesang-Vereins uraufgeführt.

Heute ist es der Mädelsabend mit – man ahnt es schon – Rosé oder Prosecco oder beidem. Dazu kommen sinnige Buchtitel wie «Prosecco, bitte! 101 Anti-Stress-Momente für Frauen». 

Damengedeck

Was soll der Mist! Als würden Männer keinen Prosecco trinken und mit einem Glas Rosé nicht gerne einen Hauch von südfranzösischem Savoir-vivre in den Alltag zaubern, und Frauen keine teure Bordeaux-Sammlung im Keller haben.

Die Zeiten von Herrengedeck (Pils und Korn) und Damengedeck (Sekt und Weinbrand) sind passé. Während in der Weinproduktion Geschlechterfragen kein Thema mehr sind, liegt die Sache beim Konsum ein bisschen anders.

Liebfrauenmilch

Noch immer wird Frauen nachgesagt, sie bevorzugten liebliche Weine. Statistisch ist das nicht bewiesen. Vielleicht liegt es an der Liebfrauenmilch, einer der ersten deutschen Weinmarken?

Ihren geografischen Ursprung hatte die Liebfrauenmilch in Worms, im deutschen Anbaugebiet Rheinhessen. Dort liegen rund um die Liebfrauenkirche jene Riesling-Rebberge, die der Marke ihren Namen gaben. Wobei sich «Milch» aus den Begriffen «Mönch», «Minch» ableiten soll.

Trocken gleich maskulin?

Der Wein war im 19. Jahrhundert ein Exportschlager und wurde hauptsächlich nach England geliefert. Selbst die Royals und der Schriftsteller Charles Dickens sollen ihn regelmässig getrunken haben. Während der süssen Welle in den 1970ern prägte die Liebfrauenmilch das Geschmacksbild vom lieblichen Riesling aus Deutschland.

Mitte der 1980er war erstmal Schluss mit lieblich. Ein Weinskandal, der von Österreich auf Deutschland überschwappte, läutete die Ära der (furz)trockenen Weine ein. Die Begeisterung für schwere Rotweine mit viel Tannin und Holz stieg. Irgendwann geisterte der Begriff «maskulin» durch die Weinbeschreibungen und schwupps war es passiert.

«Bestimmt darf es etwas mit Restsüsse sein», ist ab und zu noch zu hören, wenn sich eine Gruppe Frauen zur Verkostung setzt. Aber diese Phrase wird glücklicherweise immer weniger gebraucht und der Gender-Wein-Gap ist nur noch ein schmaler Riss in der Weinwelt.

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