Darum gehts
- Zwei Wochenenden reichen kaum zur Erkundung des Wein-Tessins aus, doch die «Cantine aperte» verschaffen auf jeden Fall einen ersten Überblick
- Klar steht Merlot im Mittelpunkt, doch um die wichtigste Sorte des Südkantons tummeln sich zahlreiche Spezialitäten
- Darunter ist auch die autochthone Sorte Bondola, die gerade ein sanftes Revival erlebt
81 Tessiner Produzenten öffnen dieses Jahr im Rahmen der «Cantine aperte» ihre Pforten und laden zur Verkostung. Im Sottoceneri (Luganese und Mendrisiotto) kann man am 16. und 17. Mai die Gastfreundschaft der Winzer geniessen, im Sopraceneri (Bellinzonese und Locarnese) am 23. und 24. Mai.
Cantina Kopp von der Crone Visini — Sottoceneri
Anna Barbara Kopp von der Crone und Paolo Visini legten 2006 ihre beiden Betriebe zusammen. Das Paar bewirtschaftet mit seinem Team sieben Hektar Rebflächen, die sich auf verschiedene Lagen im Tessin verteilen. Zu 70 Prozent ist die Fläche mit Merlot bepflanzt. Aus der Tessiner Paradesorte keltert das Paar klassische, filigrane Merlots. Bordeaux-Klassiker wie Cabernet Sauvignon, Petit Verdot, Cabernet Franc und die rote Neuzüchtung Arinarnoa ergänzen Merlot in den komplexen Cuvées.
Cantina alla Maggia — Sopraceneri
Der Betrieb im Maggia-Delta, einen Katzensprung von Ascona entfernt, fährt zweigleisig. Seit 1930 werden hier Reis für Risotto, drei Sorten Mais für Polenta und Weizen angebaut. Der Weinanbau kam 1946 dazu und umfasst aktuell 11 Hektar. Der Fokus liegt klar auf Merlot. Die Weine werden fein abgestimmt nach der Herkunft der Trauben ausgebaut. Herrlich ist der leichte, frische L'Usignolo, der kein Barrique gesehen hat und perfekt zu Risotto passt.
Zündel — Sottoceneri
Myra Zündel führt gemeinsam mit ihrem Bruder Manuel das Weingut seit 2019. Vater Christian Zündel zählt zu den Winzern aus der Deutschschweiz, die in den 80er-Jahren das Tessiner Weinschaffen kräftig durcheinanderwirbelten und für viele neue Impulse sorgten. Die Merlots aus verschiedenen Lagen zu verkosten und die feinen Nuancen des jeweiligen Terroirs am Gaumen zu spüren, ist grandios. Und wer auf Weisswein steht: Die Zündels sind spezialisiert auf Chardonnay vom Feinsten.
Ghidossi Wine Group — Sopraceneri
Davide Ghidossi zählt zu den Newcomern und pflegt Reben im Sotto- und im Sopraceneri. 2012 hat er das Hobby seines Vaters Gianfranco zum Beruf gemacht und das Winzerhandwerk von der Pike auf gelernt. Die Cantina in Cadenazzo, hoch über der Magadinoebene, ist ein architektonisches Kleinod. Damit nicht genug. Weil es gemeinsam besser geht, spannten die Ghidossis mit Chiodi (Andrea Arnaboldi) und Vinicola Carlevaro (Gian Piero Carlevaro) zusammen. Seit Januar 2026 können die Weine der drei Betriebe im neuen, eleganten Firmensitz in Bellinzona degustiert werden.
Moncucchetto — Sottoceneri
In Lugano, etwas abseits des grössten Trubels und inmitten von Rebbergen, liegt die Azienda Moncucchetto der Familie Lucchini. Seit 2009 ist hier eine der renommiertesten Önologinnen des Landes für die Weine verantwortlich. Cristina Monico hat ein untrügliches Gespür für die Fruchtnuancen im Merlot und arbeitet dank des behutsamen Barrique-Einsatzes die feinen Strukturen der Sorte heraus. Unbedingt probieren sollte man den Spumante Refolo aus Pinot noir und Chardonnay. Die passende Kulisse dazu bietet das dem Betrieb angeschlossene Restaurant.
Azienda Mondò — Sopraceneri
Heroischer Weinbau trifft es ganz gut. Die 30 Parzellen der Azienda Mondò sind so steil, dass hier die meisten Arbeiten ohne Maschinen bewältigt werden müssen. Doch die Familie Rossi hütet auch einen Schatz. Die Rebsorte Bondola war einst die wichtigste Traube im Tessin. Sie wuchs in den steilen Hängen, oberhalb der Gemeinde Sementina, lange bevor der Merlot ins Tessin kam. Der Bondola del Nonu Mario ist ein Klassiker unter den seltenen Weinen der Schweiz. Ein berührender Tropfen, der enorm frisch, saftig und ursprünglich ist.