Es ist ein raues, aber nicht minder faszinierendes Gebiet, dasjenige, wo Chianti Classico gekeltert wird. Und irgendwann sehen wir dieses Schild: «Tenuta Tignanello». Ein kurzer Moment des Innehaltens. Immerhin ist das eine historische Stätte des Weinbaus im Stiefel.
Denn hier, im Chianti, begann das Supertoskaner-Wunder. Und nicht etwa an der etruskischen Küste, in Bolgheri. Hier wurde die Geschichte des italienischen Weins neu geschrieben. 1971 wars, mit einem Wein, bei dem sich Antinori einen Dreck um die Konvention scherte, dem Sangiovese weisse Trauben beizumischen, wie das im Chianti Tradition war. Stattdessen einen Prozentsatz Cabernet Sauvignon. Eine französische Allerwelts-Rebsorte - welch Frevel. Und des Französischen nicht genug! Die Trauben wurden überdies in französischen Barriques ausgebaut, wie im Bordelais. Ein dreifacher Traditionsbruch!
Kein Wunder empörten sich die Kritiker. Weltoffenere Bürger hingegen empfingen das ungewöhnliche Baby mit frenetischem Beifall!
Am Ursprung dieser Revolution steht Piero Antinori (80), aktuelles Oberhaupt der florentinischen Winzerfamilie, die heute die berühmteste in Italien ist. Hier, im Chianti-Gebiet, liegt die älteste Besitzung der Antinoris, die um 800 herum gekauft wurde. Also lange, bevor die Familie erstmals nachweislich Weinbau betrieb. Das war um 1180. Lange, bevor sie nach Florenz übersiedelte. Das war 1202. Lange, bevor ein Zweig der Antinoris nach Neapel dislozierte. Das war im 15. Jahrhundert. Und erst recht lange, bevor sie zum Adelsgeschlecht und damit zu Marchesi wurden. Das war erst im 18. Jahrhundert.
Heute gehören den Antinoris acht Güter in der Toskana, sechs weitere in Italien und sieben auf der übrigen Erdkugel. Hier aber soll die Rede nur von Tignanello sein. Das Gut, auf welchem drei Weine produziert werden: Tignanello, der zu 80% aus Sangiovese besteht, der Rest sind Cabernet Sauvignon und Franc (350 000 Flaschen). Dem Bordeaux-Blend Solaia, der 1978 das Licht der Welt erblickte und an dieser Stelle bereits detailliert vorgestellt wurde (50 000 bis 60 000 Flaschen). Und dem Chianti Classico Riserva Marchese Antinori, von dem rund 250 000 Flaschen gekeltert werden.
«Die Kellerei hier stammt aus dem Jahr 1970», erzählt Veronica Mazzini, die PR-Chefin von Tignanello und der Antinori-Güter in der ganzen Toskana. «Im Jahr 2000 wurde alles renoviert und auf Vordermann gebracht.» Hier entsteht ein Wein, der durch eine jugendliche Trinkbarkeit gekennzeichnet sein soll. «Wir versuchen eine schöne Extraktion hinzukriegen», sagt Mazzini weiter, «die Tannine weich werden zu lassen.»
Etwas, das in den letzten Jahren fantastisch gut gelang. Nach einem Durchhänger im letzten Jahrzehnt blüht Tignanello wieder so richtig auf. Wunderbar der 13er, auch der 14er, aus einem ein bisschen kühleren Jahr. Fantastisch der 15er! Diese Qualitätsoffensive setzt just ein, nachdem ein von BLICK enthüllter Fälschungsskandal um den Jahrgang 2012 die Weinwelt erschütterte. Mittlerweile sind die Etiketten fälschungssicher und das Glas der Flaschen mit dem Antinori-Wappen versehen, so dass die Fälschungssicherheit fast hundertprozentig ist.
DIE WEINE DER TENUTA TIGNANELLO
- Tignanello 2015: Tolle komplexe ausladende Nase mit klarer Fruchtbetonung, etwas Parfüm, nussig, Schmelz, Power, tolle Struktur, reife, aber präsente Tannine, Frische, Würze, sehr lang. Toll: Score: 18,5/20 (CHF 92.--). Einen halben Punkt weniger notiert der 14er, der geschmeidiger, aber auch kräuteriger daherkommt sowie der 13er, der recht rauchig-würzig und tief ist.
- Solaia 2013 (blind degustiert): Leicht zältlige Nase, Himbeere, dezent, viel Fruchtsüsse, rechte Tannine, trinkig, mineralisches, frisches, recht langes Finale. Score: 17,5/20 (CHF 545.— für eine Magnumflasche).
- Chianti Classico Riserva Marchese Antinori 2014: Ausladende, rauchige Nase, viel Frucht, rote Beeren, reife, elegante Tannine, Power und Druck, enorm trinkig, filigran, frisches, rechtes Finale. Score: 17/20 (CHF 35.50 für Jahrgang 2015).
- Badia a Passignano Chianti Classico Gran Selezione 2012 (ein hoch typischer, rustikalerer Chianti und damit ein reinsortiger Sangiovese, der aber offiziell nicht zu den Weinen der Tenuta Tignanello gehört, weil die Reblagen sieben Kilometer entfernt sind, inoffiziell aber als vierter Wein der Kellerei gilt): Eher zurückhaltende, leicht tertiäre Nase, Pilze, leichte Stallnoten, einerseits rustikal, andrerseits Schmelz, weich, reife Tannine, eukalyptische Frische, schöne Länge. Score: 17,5/20 (CHF 37.50 für Jahrgang 2013).
GUADO AL TASSO IM BERÜHMTEN BOLGHERI-GEBIET
In der Region Bolgheri hat Antinori gewaltige Rebanlagen, die mit Abstand grössten. Dort wird derzeitig heftig gebaut. Der bestehende Keller ist zu klein geworden. Jetzt wird ein neuer gebaut, in welchem die «kleineren» Weine Cont’Ugo, Il Bruciato, der Rosé Scalabrone und der Vermentino gekeltert werden. Im alten Keller werden die Topweine Guado al Tasso und der reinsortige Cabernet Franc Matarocchio abgefüllt. «Dort, an der weltberühmten Via Bolgherese, entstehen zudem ein Wineshop und ein kleines Restaurant», erzählt Albiera Antinori, die Präsidentin des Unternehmens, in der Lokalzeitung «Bolgheri News».
- Guado al Tasso 2015: Hoch komplexe Nase, enorm fruchtig, Espresso, leicht mineralisch, tolle Struktur, nie überpowernd, Frische, Würze, typisch mediterran, Rosmarin, Fülle, tolle Länge. Score: 18,5/20 (CHF 99.--).
- Il Bruciato 2016: Dezente Nase, dunkelfruchtig, würzig, schöner Fluss, Kraft, leichte Abwaschwassernote, dicht, trinkig, Fülle, mittleres Finale. Score: 16,5/20 (CHF 23.--).
- Vermentino 2017: Frisch-floral, Agrumen, vor allem Zitronen, Fruchtsüsse, Schmelz, knackige Säure, Limonen, frisches, mittellanges Finale. Score: 16,5/20 (CHF 19.50).
- Scalabrone Rosato 2017: Himbeerig-mineralische Nase, leichte Kräuter, zältlig, einerseits lieblich-fruchtig, andrerseits schöne Säure, frisch, stringent, fülliges, mittleres Finale. Score: 16,5/20 (CHF 14.90 statt 17.50).
BOTROSECCO IN DER MAREMMA
Leicht südlich von Bolgheri findet man Castiglione della Pescaia in der toskanischen Maremma. Dort steht die 1999 von den Antinoris gekaufte Tenuta Le Mortelle, wo vor allem internationale Sorten wie Cabernet Sauvignon angepflanzt sind. Die Tenuta wird als ökologisches Gesamtprojekt geführt, mit bedeutenden Ausgleichsflächen, die Flora und Fauna Lebensraum bieten in dieser mediterranen Landschaft.
- Botrosecco Le Mortelle 2015: Ruppige Nase, Kräuter, auch Frucht, aber herb, Leder, Stall, Power, viel schwarze Beeren, erdig, dunkel, Holzkohle, Fülle, mittellang. Score: 16,5/20 (CHF 19.50). Ebenfalls mit 16,5/20 zu Buche stehen die Jahrgänge 2013 und 2014.
(Die Weine von Antinori gibts bei www.bindella.ch)
AUSFLUG INS MONTEPULCIANO MIT LA BRACCESCA
Stippvisite in den Abruzzen. Dort haben die Antinoris Anfang der 90er-Jahre das Gut La Braccesca erworben und dem Nobile di Montepulciano zur Renaissance verholfen. In den letzten Jahren kamen weitere 162 Hektaren in der DOC Cortona dazu, wo vor allem Syrah angebaut wird. Derweil in Montepulciano die lokale Variante des Sangiovese dominiert, der Prugnolo gentile.
- Sabazio Rosso di Montepulciano 2015: 16,5/20 (CHF 15.90. www.globalwine.ch)
- Vino Nobile di Montepulciano 2014: 16/20 (CHF 22.90. www.globalwine.ch)
- Santa Pia Vino Nobile di Montepulciano Riserva 2013: Rotfruchtige Nase, erdig, würzig, Schmelz, Eleganz, Unterholz, Druck, feingliedrig, rechte Tannine, schönes Finish. Score: 17/20 (CHF 34.90. www.globalwine.ch).
- Achelo Cortona 2015 (Syrah): Enorm würzige, sortentypische Nase, leicht schweflig, Power, komplex, süffig, Fruchtsüsse, Fülle, mittlerer Abgang. Score: 17/20 (CHF 16.90. www.globalwine.ch).
- Bramasole Cortona 2011 (Syrah): Leicht parfümierte Nase, rote Beeren wie Erdbeeren, leichtes Parfüm, Kraft, Würze, komplex, Druck, Fülle, tolle Struktur, Frische, Eleganz, wunderbare Länge. Score: 18/20 (CHF 44.90. www.globalwine.ch).
WEIN DER WOCHE WEISS: TOLLER VERDEJO
Leicht zu trinken, easy-peasy, frisch, fruchtig. Das assoziiert man gemeinhin mit Verdejo. Meistens trifft das auch zu. Doch es gibt auch Verdejos, die mehr zu bieten haben als oberflächlichen Trinkgenuss. Zu diesen zählt der Verdejo der Finca La Colina Cien x Cien 2017 von Vinos Sanz. Er ist frisch, wie erwartet, die Nase ist ausladend, exotisch, kräuterig, er hat Schmelz und Power, schmeckt nach Mandarinli und ist erstaunlich lang! Score: 17/20 (CHF 20.50. www.jeggliweine.ch).
WEIN DER WOCHE ROT: EXOTISCHES AUS BULGARIEN
Keine Vorurteile bitte! Auch wenn der Wein so heisst… Der Préjudice kommt vom Katarzyna Estate im Süden Bulgariens aus der Thrakischen Talebene in der Nähe zu Griechenland. Mavrud ist die typischste autochthone Traubensorte Bulgariens. Und dazu gibts eine schöne Legende. Unter dem Regime von Khan Krum wurden im neunten Jahrhundert alle bulgarischen Rebanlagen zerstört. Einige Jahre später entfloh ein Löwe aus den Käfigen und terrorisierte die Region. Der einzige, der es wagte, sich ihm in den Weg zu stellen und der ihn schliesslich auch tötete, war ein gewisser Mavrud. Als der König diesen fragte, was dessen Geheimnis seines Mutes sei, sagte Mavrud, er habe im Geheimen wieder Reben angepflanzt und Wein gemacht. Der Wein sei die Quelle seines Heldentums. Unverzüglich ordnete Khan Krum Neuanpflanzungen an…
Schön, nicht? Ebenso wie diese Flasche hier, der Mavrud Le Préjudice 2015. Die Nase ist ausladend, dunkelfruchtig, Brombeeren, Zwetschgen, ein Hauch Espresso, Würze, mächtig, druckvoll, frische Säure, elegant, nie überladen trotz der enormen Fülle, reife Tannine, tolle Länge. Eine Trouvaille! Score: 17,5/20 (CHF 27.50. www.shop.am-import.ch).
BUCHTIPPS ZU LOW CARB
Sommer, und noch keine Heldenfigur? Nun, mit Fleisch und Gemüse vom Grill geht das Abnehmen recht easy. Denn so verzichtet man automatisch auf Kohlenhydrate. Und danach, wenns kühler wird und man sich in die eigenen vier Wände zurückzieht? Dann hilft «Low Carb! Das Goldene von GU». Mit den besten Rezepten und allem Wissenswerten rund um den modernen gesunden Lifestyle. Glamourös verpackt zwischen zwei Buchdeckeln in Gold. Die Bibel des Kohlenhydrat-Verzicht-Trends. Die besten Zutaten, Nährwerte. Austauschmöglichkeiten für Zucker und Mehl. Und natürlich eine alltagstaugliche Umsetzung mit den Rezepten als Highlight der GU-Kompetenz. Vom Feierabendgericht bis zu trendigem Asia-Food.
(Low Carb! Das Goldene von GU. Verlag Gräfe und Unzer GmbH. 352 Seiten. 250 Fotos. ISBN: 978-3-8338-6451-3. CHF 18.30. www.exlibris.ch).
Ergänzend dazu sollte man das Mini-Taschenbüchlein «Low Carb High Fat – der Nährwert-Kompass» immer bei sich tragen. Der Kompass bietet Hilfe beim Einstieg in eine solche ausgewogene Ernährung. Auf welche Nährstoffe muss besonders geachtet werden, um optimal versorgt zu sein? Übersichtliche Tabellen zeigen alle wichtigen Nährwerte von über 600 Grundnahrungsmitteln, Fertiggerichten und Superfoods von A-Z.
(Low Carb High Fat. Der Nährwert-Kompass. Verlag Gräfe und Unzer GmbH. 128 Seiten. ISBN: 978-3-8338-6275-5. CHF 12.90. www.orellfuessli.ch)
Und noch eine Ergänzung: Mit den besten Low-Carb-Gerichten für den Thermomix. Zusammengetragen im Buch «Mix & Fertig. Low Carb». Von beschwingten Smoothies bis zu würzigen Eintöpfen. Alles im Thermomix zubereitet, dem idealen Low-Carb-Partner. Denn damit zaubern sie gesunde, leckere und unkomplizierte Gerichte in den Teller, ohne stundenlang in der Küche stehen zu müssen.
(Mix & Fertig. Low Carb. Die besten GU-Rezepte für den Thermomix. Verlag Gräfe und Unzer GmbH. 192 Seiten. 150 Fotos. ISBN: 978-3-8338-6343-1. CHF 23.90. www.exlibris.ch).
WO GIBTS WAS ZU DEGUSTIEREN?
- Freitag, 24. August, 16 bis 22 Uhr, und Samstag, 25. August, 10 bis 22 Uhr. Sommerparty von Kapweine. Viele spannende Neuheiten, einige Winzer persönlich anwesend, Reisevorträge, Grill/Braai, Livemusik und ein vegetarisches Curry von Master-Chef-Köchin Abigail Mbalo-Mokoena vom Restaurant 4Roomed im Kapstadter Township Khayelitsha. Gratis. Kapweine, Rütibüelstrasse 17, Wädenswil. www.kapweine.ch.
- Sonntag, 26. August, 14-18 Uhr. Sonntag, 27. August, 11 bis 19.30 Uhr. Swiss Wine Tasting. Es ist der absolute Topevent in Sachen Schweizer Wein. Die 56 Mitglieder der renommierten Vereinigung Mémoire des Vins Suisse und ihre zahlreichen Freunde präsentieren in einer unvergleichlichen Werkschau mit dem Arbeitstitel Mémoire and Friends zum zehnten Mal ein Best of Switzerland, das sich gewaschen hat. Das Zwei-Tages-Jubiläumsticket kostet 20 Franken. Gratis ist hingegen das Montag-Abendticket, das ab 17 Uhr gültig ist. Schiffbau, Schiffbaustrasse 4, Zürich. www.mdvs.ch.
- Montag, 3. September, 14-21 Uhr. Open Bottle Day von Smith and Smith. Treffen Sie über 20 Winzer persönlich. Degustieren Sie aussergewöhnliche Weine und versuchen Sie grossartige kulinarische Extravaganzen. Die Malbecs vom Mendoza Club werden mit einem Bullriding-Wettbewerb gefeiert, bei dem auch gewettet werden darf. Ab 16.30 Uhr ist eine Kinderecke in Betrieb. 20% Rabatt auf alle Weine! Eintritt frei. Smith and Smith Ltd., Grubenstrasse 27, Zürich. www.smithandsmith.ch.