Sportsbar-Debüt mit Tränen
Nochmal zum Thema Fussball

Nein, ich hab immer noch keine Ahnung. Aber irgendwie hat mich diese WM in ihren Bann gezogen. Zum ersten Mal überhaupt.
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Selbst für Fussballmuffel entfacht die WM einen ungeahnten emotionalen Sog.
Foto: TOTO MARTI

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Schweiz gegen Algerien – in einer Sportsbar werden die Zuschauer von Emotionen überwältigt
  • Freundschaft und Neutralität prägen das gemeinsame Erlebnis während der WM
  • Das Schweizer Konsulat organisiert eine Watchparty – das Penaltyschiessen löst tiefe Gefühle aus
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Milena MoserSchriftstellerin

Und so betrete ich, ebenfalls zum ersten Mal in meinem Leben, eine sogenannte Sportsbar. Das ist, soweit ich verstanden habe, eine Bar mit vielen grossen Bildschirmen, auf denen immer irgendwas mit fliegenden Bällen läuft, Baseball, Basketball, im Moment gerade Fussball, also WM. Was erklärt, warum es mich bisher nie dorthin gezogen hat, meine Beziehung zu fliegenden Bällen ist seit meiner Kindheit gestört. Aber als ich mich mit meiner Freundin Katie verabreden wollte, sagte sie: «Während der WM geh ich nur in Sportsbars.» Das erstaunte mich, denn bisher hatte sie sich nie als Fussballfan geoutet. Doch sie erklärte es sehr überzeugend: «Wenn du dich von der trostlosen Lage der Welt ablenken, deine Sorgen vergessen, wenn du dich als Teil der Gemeinschaft fühlen und den Glauben an die Menschheit auffrischen willst, dann musst du jetzt Fussball schauen. Es gibt nur das, glaub mir.»

«Oh, okay …» Zu dem Zeitpunkt hatte ich zwar erst ein halbes Spiel gesehen (ich habe darüber berichtet), ich verstand nach wie vor nichts davon, aber immerhin hatte ich bereits eine Ahnung vom emotionalen Sog, den so ein Fussballspiel ausüben kann.

Schweiz vs. Algerien

An diesem Abend spielte die Schweiz gegen Algerien. Wir waren mit ziemlichem Abstand die Ältesten in dieser Sportsbar und auch fast die einzigen Frauen. Theresa und Katie, meine amerikanischen Freundinnen, hatten beide in solidarischer Einigkeit die roten T-Shirts angezogen, die sie an der letzten Watchparty vom Schweizer Konsulat bekommen hatte. Das berührte mich überraschend tief, und als dann noch die Nationalhymne gesungen wurde, wurden meine Augen feucht. Ich kann mich nicht erinnern, wann mir das zuletzt passiert ist.

Wir sassen zwischen zwei grösseren Gruppen, auf der einen Seite wurde lautstark für Algerien gefiebert, aber wir respektierten gegenseitig die abwechselnden Gefühlsausbrüche, ich spürte nicht die geringste Feindseligkeit. Im Gegenteil, wir schienen etwas zu teilen, das ich lange nicht gespürt hatte: pure, fast kindliche Freude.

«Wie verhält sich das genau mit der Neutralität?»

Die Gruppe auf der anderen Seite war deutlich ruhiger. Studenten, dachte ich, ein wenig nerdig. «Wie verhält sich das genau mit der Neutralität?», fragte einer von ihnen, und bevor ich für eine angemessene Antwort Atem geschöpft hatte, führte er aus: «Wir haben uns nämlich gerade deshalb entschieden, heute für die Schweiz zu fiebern. Wegen der Neutralität, denn das ist es doch genau, was der heutigen Welt fehlt. Neutralität ist so etwas wie der buddhistische Mittelweg, ja?»

Ob man die Schweiz mit gutem Gewissen als buddhistische Nation bezeichnen kann, weiss ich nicht, aber ich sagte: «So kann man das auch sehen.» Wenn das keine neutrale Antwort war!

«Und dann brach ich in Tränen aus»

Eine Woche später trafen wir uns wieder an einer Watchparty des Schweizer Konsulats, wo eine vereinzelte Kleinfamilie in kolumbianischen Trikots mindestens so laut schrie wie die versammelte Mehrheit der rot bekappten Schweiz-Fans. Victor schrie praktisch akzentfrei «Hopp Schwiiz!!», während ich mich an seinem Arm festkrallte und mein Käppi über die Augen zog.

Die Emotionen, die mich überrollten, überforderten mich. Wo kamen die so plötzlich her? Und welcher Sadist hat das Penaltyschiessen erfunden? Das ist doch gar nicht auszuhalten.

«Es berührt uns auf einer sehr tiefen, ursprünglichen, emotionalen Ebene, die Teil unseres Menschseins ist», erklärte Katie später. «Zu einer Gemeinschaft zu gehören, für etwas zu kämpfen, Freude zu empfinden, zu feiern …»

Ich schaute jedenfalls erst wieder auf, als der Jubel um mich herum eindeutig war. Und dann brach ich in Tränen aus.

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