Fussball-Fan wider Willen
Die tollkühnen Männer mit ihren fliegenden Bällen

Letzte Woche hab ich zum ersten Mal seit ich weiss nicht wie vielen Jahren ein Fussballspiel mitverfolgt. Mit gemischtem Ergebnis.
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Endlich mal Ja sagen: Moser wagt sich aus der Komfortzone und macht ein Selfie an einer Watch-Party in San Francisco.
Foto: Milena Moser
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Milena MoserSchriftstellerin

«Wusstest du, dass die Schweiz in San Francisco spielt?», fragte mein Sohn. Aus der Schweiz.

Nein, das wusste ich nicht. Und ehrlich gesagt, interessierte es mich auch nicht besonders. Das WM-Fieber hat mich auch diesmal nicht ergriffen. Seit meiner unsportlichen Kindheit verbinde ich mit fliegenden Bällen aller Art nichts Gutes. Im Gegenteil, sie machen mir Angst.

Ein WM-Muffel wird weichgekocht

Doch dann besuchte mich eine Freundin aus der Schweiz, die das Spiel sehen wollte. Und so schaute ich zum ersten Mal nach, wo sich denn dieses San-Francisco-Bay-Area-Stadium überhaupt befindet. Ich hatte nie davon gehört. Ach, in Santa Clara! Ganz am Ende der südlichen Halbinsel, eine gute Stunde entfernt, je nach Verkehr.

«Warst du da schon mal?», fragte meine Freundin. Ich schaute sie nur an. «Was denkst du denn!»

Karten waren ohnehin keine mehr zu bekommen – oder jedenfalls nicht zu Preisen, die wir uns leisten können. Doch dann erinnerte ich mich an eine Einladung, die ich zur Seite gelegt hatte. Das Schweizer Konsulat hatte eine Watch-Party organisiert, in einem riesigen Food-Court, der sich über zwei ehemalige Parkplätze erstreckt. Zufällig wusste ich genau, wo sich der befindet, nämlich mitten zwischen all den Spezialkliniken, bei denen Victor Dauergast ist. Gleich gegenüber von der Kardiologie, wo wir erst letzte Woche waren. Wie oft wollten wir hier schon mal reinschauen, einen der Imbissstände ausprobieren und haben es dann doch nicht getan.

Meine Freundin schaute mich ein wenig mitleidig an, als ich ihr das erzählte. «Du musst wirklich mehr unternehmen», sagte sie. Und sie hatte recht. Das hatte ich mir eigentlich schon lange vorgenommen: öfter Ja zu sagen. Auch und gerade zu Dingen, die mir fremd sind. Wie Fussball.

Käsegeruch und echte Emotionen

Der Geruch von geschmolzenem Käse hing in der Luft, mischte sich mit Bratfett und Zuckerwatte. Ein bisschen wie früher an der Chilbi. In einer Ecke spielten Kinder mit riesigen aufblasbaren Fussbällen. Das erste Goal war eben gefallen, alle sprangen auf und schwenkten ihre roten Käppis, und plötzlich war ich fast gegen meinen Willen doch bewegt.

Wir suchten uns einen Platz im Schatten und schauten zu. Ich versuchte, mich an die wenigen Dinge zu erinnern, die ich über Fussball weiss: «Du musst dich einfach entscheiden, für wen du fieberst», hatte mir irgendwer vor langer Zeit einmal erklärt, und das war ja in diesem Fall wohl einfach. Und dann zog das Spiel mich plötzlich in seinen Bann. Die heftigen Emotionen rissen mich mit, die fast opernartigen Gefühlsausbrüche auf dem Feld, die dramatischen Stürze, die heftigen Auseinandersetzungen am Rand. Ein paarmal schnappte ich nach Luft, und einmal sprang ich sogar auf, von meiner Freundin verwundert beobachtet. «So kenn ich dich ja gar nicht!» Ich mich auch nicht. Ein befreundetes Paar steuerte auf uns zu: «Du hier?», riefen auch sie. Und ich war irgendwie stolz auf mich. Dass ich mich so weit aus meiner Komfortzone gewagt hatte. Und es erst noch genoss.

Das grosse Trikotmissverständnis

Da bemerkte mein Bekannter, dass ich ja gar nicht dem Dresscode entsprechend in den Landesfarben gekleidet war. Tatsächlich trugen sie beide rot und weiss gemusterte Hemden. Doch seine Frau verteidigte mich: «Na ja, wenn nicht mal die Nationalmannschaft Rot trägt ...»

Ähmmmmm ... Wie bitte, was? Hatte ich etwa die ganze Zeit für die falsche Mannschaft gefiebert? Offenbar. Aber wir gingen vor dem Ende des Spiels, dessen Ausgang also nicht meine Schuld ist.

Und nächstes Mal weiss ich es. Ja, nächstes Mal!

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