Darum gehts
- Vier Nationalitäten treffen sich in einer Bierhalle in der Bay
- Schweizerin erlebt widersprüchliche Aussagen zu Ausländerfeindlichkeit
- Über 10 Jahre Leben in fremdem Land prägen Diskussionen
Eine Schweizerin, eine Französin und ein Mexikaner treffen sich in einer deutschen Bierhalle an der Bay. Klingt wie der Einstieg in einen schlechten Witz, ist aber einfach ein Mittwochabend in unserem Leben. Die deutsche Küche ist sehr beliebt hier, und so warten wir ziemlich lange auf einen Tisch.
Wir testen die Schnitzel und die Kartoffelpuffer und auch den Gurkensalat. Das Lokal ist rappelvoll, die raumhohen Fenster geöffnet, die Stimmen mischen und überschlagen sich. Trotzdem kommt die Kellnerin immer wieder an unseren Tisch, um sich mit Victor auf Spanisch zu unterhalten. Zu meiner Schande kann ich es immer noch nicht wirklich sprechen, aber ich verstehe es ganz gut. Daniela ist Kolumbianerin, lebt, wie wir alle auch, seit über zehn Jahren hier. Sie erzählt von ihrer Familie, ihren Kindern, den langen Arbeits- und Schulwegen. Das Gespräch setzt sich in kurzen Abschnitten fort und bewegt sich vom Angebot an exotischen Flaschenbieren zur Angst vor der Fremdenpolizei, die hier allgegenwärtig ist.
«Es ist alles so schwierig geworden hier»
Ich muss an Pauline denken, die ich kürzlich an einem Strassenfest kennengelernt hatte, eine Frau in meinem Alter, vielleicht etwas jünger, mit Hunderten von streng geflochtenen grauen Zöpfen und einem breiten offenen Lachen. Sie fragte sofort nach meinem Akzent, und als sie hörte, dass ich aus der Schweiz kam, rief sie ganz begeistert:
«Meine Frau ist Schwedin!» Sie winkte sie herbei, doch wie sich herausstellte, stammt Jana wirklich aus Mexiko. Sie hat aber entfernte Verwandte in Schweden und versuchte gerade, ihre schwedischen Wurzeln zu etablieren. Sie und Pauline spielten mit dem Gedanken, ihren Lebensabend in Europa zu verbringen.
«Es ist alles so schwierig geworden hier», sagten sie. Ich nickte verständnisvoll, die steigenden Lebenskosten, das marode Gesundheitswesen, das politische Klima … Doch ich hatte mich getäuscht: «Die ganzen Ausländer» seien das Problem. Und es sei wirklich Zeit, dass endlich etwas dagegen unternommen werde.
«Zu viele Einwanderer»
Ich muss sie ziemlich fassungslos angestarrt haben, schliesslich decken sie gemeinsam so ungefähr jede Minderheitengruppe ab, die die jetzige Regierung verfolgt. «Ich hab schliesslich auch alles richtig gemacht, als ich hierherkam», sagt Jana. «Aber die Ausländer, die heute herkommen, die meinen einfach, sie können sich so reinschleichen, das geht ja gar nicht!» Die, wer sind die, dachte ich. Kennt ihr denn Ausländer, die sich einfach so reingeschlichen haben, und wenn ja, stören sie euch? Aber ich sagte nichts und war nur froh, dass Victor nicht mitgekommen war, er hätte garantiert etwas zu sagen gehabt.
«In Schweden haben sie ja auch massive Probleme mit den ganzen Einwanderern», fügte Pauline hinzu. Und da konnte ich nicht an mich halten: «Aber ihr wollt doch selbst da hinziehen!» Die beiden starrten mich an, als hätte ich etwas ganz Dummes gesagt: «Das ist doch ganz was anderes!» Natürlich. Es ist immer was anderes.
Eine Begegnung, die bleibt!
Die Begegnung dauerte höchstens zehn Minuten, doch sie beschäftigte mich noch lange. Sie erschütterte meinen zugegeben etwas naiven Glauben, dass uns mehr verbindet als trennt. Dass wir zusammenhalten.
Daniela richtet diesen Glauben wieder auf, in ihren kurzen Zwischenhalten an unserem Tisch, wenn sie uns zwei Laugenbrezel «aufs Haus» bringt und noch ein Bier für Victor.
Wenn sie sagt: «Aber schaut uns doch an, vier Nationalitäten unter einem Dach, an einem Tisch! Und wir kommen alle gut miteinander aus. Das ist doch nicht so schwer!