Darum gehts
- Der Partner von Milena Moser erlebte Reisen durch Begegnungen, Mahlzeiten und Markthallen weltweit
- Er skizzierte Händler, lernte lokale Küche ohne Sprachkenntnisse, beeindruckend
- 24 Zutaten in Mole-Sauce: Victor teilt Kulinarik mit seiner Familie
Manchmal, ich gebe es zu, manchmal bin ich etwas traurig. Wenn Victor von seinen ausgedehnten Reisen erzählt, die er vor seiner Erkrankung unternommen hat. Bevor wir uns kennenlernten. Wie gern wäre ich dabei gewesen, wenn er zum Beispiel von der Mutter seines Gastgebers in Kyoto lernte, japanisch zu kochen. Ohne dass sie ein Wort miteinander reden konnten. Wie gern hätte ich an ihren gemeinsamen Mittagessen teilgenommen, zu denen sich nach und nach immer mehr Nachbarinnen gesellten, die alle diesen seltsamen Fremden kennenlernen wollten.
Eigentlich war er da, um eine Ausstellung vorzubereiten. Fast alle Reisen hatten einen beruflichen Grund. Aber über diese Anlässe verliert er weniger Worte als über die Begegnungen, die Mahlzeiten. Statt von Vernissagen erzählt er von seinen Spaziergängen durch die Markthallen. Und wie er die Händler skizzierte, ihnen die schnell gezeichneten Porträts schenkte und dafür in die Geheimnisse der lokalen Küche eingeweiht wurde. Ohne die jeweilige Sprache zu sprechen, erfuhr er genau, was er wo kaufen musste, um ein typisches Gericht zuzubereiten.
Begegnungen statt Sehenswürdigkeiten
Er schleppte auch immer einen Koffer mexikanischer Gewürze, Maismehl und getrockneter Maisblätter mit, um sich revanchieren zu können. Wie gern wäre ich dabei gewesen, als ihm eine Gruppe junger Kunstschaffender etwas ausserhalb von Paris «ein ganz besonderes Lokal» zeigen wollte, das sich als Pizza Hut herausstellte.
Aber ich bin nicht dabei gewesen. Seit wir zusammen sind, war er nie gesund genug für eine längere Reise. Selbst unsere kurzen Ausflüge und Abstecher müssen oft abgesagt oder abgebrochen werden.
Wieder unterwegs
Vielleicht geniesse ich sie deshalb so sehr. Weil sie nicht selbstverständlich sind. Und jetzt, nach einer schmerzhaften und endlos scheinenden Genesungsphase, sind wir tatsächlich wieder unterwegs.
Das ist das Schönste: das Unterwegssein. Obwohl das Autofahren genauso fragwürdig geworden ist wie Amerika an sich, hat der klassische Roadtrip nichts von seinem cinematischen Zauber verloren. Gerade wenn man ihn wie wir beide in erster Linie aus Filmen und Büchern kannte, nur um dann staunend festzustellen, dass es genau so ist: endlose Weite unter einem Himmel, der höher gespannt scheint als anderswo.
Unter einem anderen Himmel
Flimmerndes Licht, das sich auf dem Mittelstreifen bricht, der sich im Horizont verliert. Reisen erweitern den Horizont, sagt man. Das trifft auch auf unsere kurzen Fluchten zu. Es ist einfach schön, wie Victor sagt «unter einem andern Himmel aufzuwachen».
Wir nehmen uns Zeit. Vielleicht wollen wir unterwegs anhalten. In einem Tankstellenshop billige Souvenirs kaufen und den Lastwagen hinterherschauen. Dem blinkenden Pfeil folgen, der freie Zimmer in einem etwas heruntergekommenen Motel verspricht. Wo uns das Zimmer an einen Fernsehkrimi erinnert, obwohl alle so nett sind. Wo wir am Morgen auf den Parkplatz hinausschauen und denken, na ja, was Aussichten angeht, haben wir schon schönere gesehen. Der Kaffee im Frühstücksraum ist fast durchsichtig, wir kommen mit Fremden ins Gespräch, die wir nie wiedersehen werden, von denen wir aber Lebenssplitter mitnehmen.
Dann fahren wir weiter. Diesmal zu meiner amerikanischen Cousine und ihrer Frau. Die passionierten Köchinnen haben sogar einmal ein Restaurant geführt. Sie planen jede Mahlzeit für unseren Aufenthalt im Voraus. In den Tagen vor unserer Abreise kriegen wir ständig Nachrichten wie «Esst ihr Curry?», «Mögt ihr Lamm?». Victor hingegen hat ein Einmachglas mit seiner berühmten Mole im Gepäck, einer speziellen mexikanischen Sauce, die neben 24 anderen Zutaten auch Schokolade enthält.
Begegnungen. Mahlzeiten. Wie gesagt.