Lernen, Abschied zu nehmen
Worum es wirklich geht

Eine Reihe von Abdankungsfeiern führte zu einer Diskussion über das Leben, was es ausmacht und wie wir es würdigen.
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In Zeiten der Krankheit und des Abschieds sind es die Menschen, die an unserem Bett stehen, die dem Leben Halt geben.
Foto: IMAGO/Zoonar

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Milena Moser erzählt von Verlust, Trauer und Freundschaften, die bleiben
  • Sie schätzt ehrliche Erinnerungen an Verstorbene statt übertriebener Lobhudeleien
  • Und sie hat gelernt, dass Freundschaft den Tod überdauert
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Milena MoserSchriftstellerin

Während ich in der Schweiz war, starben drei Freunde und eine Freundin. Einer in der Schweiz, die anderen in Kalifornien. Victor hat also mehr Abdankungen besucht als ich, das gilt nicht nur für die letzten Wochen, das gilt für sein ganzes Leben. Wie oft hat er schon Abschied genommen, als kleines Kind von seiner Schwester, später von seiner ersten grossen Liebe, von so vielen Freunden und Freundinnen.

Seine Trauer ist immer ein bisschen durchzogen, denn oft waren das die Menschen, die wieder und wieder an seinem Krankenbett standen und um ihn bangten, dem seit dreissig Jahren gedroht wird, er habe nicht mehr lange zu leben. Vielleicht ist das so etwas wie «survivors guilt», das Schuldgefühl der Überlebenden. Warum bin ich noch da, fragt er sich manchmal. Und warum musste mein Freund gehen.

Gute Frage. Warum? Wir wissen es nicht, wir können es nicht wissen.

Die Angst vor dem Tod

Die letzten zwölf Jahre mit Victor haben mir die Angst vor dem Tod weitgehend genommen. Wenn ich ehrlich bin, nehme ich ihn gar nicht mehr so ernst: Er kommt, wenn er kommt, er kommt auf jeden Fall, da können wir noch so toben, turnen, Eisbäder nehmen. Wir können auf Bergspitzen klettern und durch die Wüste rennen, aber wir entkommen ihm nicht. Das ist die einzige Sicherheit, die wir im Leben haben. Doch wann er kommt und wie er sich dann benimmt, das entzieht sich unserer Kontrolle.

In den Jahren mit Victor habe ich enorm viel gelernt, nicht nur, was das Leben mit Krankheit, Schmerzen und ständigen Rückschlägen angeht. Sondern auch über den Umgang mit dem Tod. Und das Würdigen der Muertitos, der geliebten Verstorbenen. Was mir dabei besonders gefällt, ist, wie über die Verstorbenen gesprochen wird: gerade so, als wären sie noch da. Ohne Heuchelei, ohne Schönreden, aber mit viel Liebe und Humor. Das ist kein Mangel an Respekt, im Gegenteil: «Wenn wir unsere Toten zu sehr heiligsprechen, erkennen sie sich nicht wieder. Sie denken dann, wir reden über jemand anderen und kommen uns nicht besuchen ...»

Reden auf Beerdigungen

Meine Gastgeberfreundin in Zürich, eine bibelfeste Lutheranerin, sagt, es sei ohnehin eine Unart, diese Lobhudeleien an Beerdigungsfeiern. «Gott sollst du loben, nicht den Menschen!», sagt sie streng.

Dass Freunde und Verwandte Anekdoten erzählten, erlebte ich zuerst in Amerika. Doch jetzt höre ich immer öfter auch an Abdankungen in der Schweiz solche ehrlichen, herzerwärmenden und oft auch lustigen Erzählungen. «Ich glaube, ich war zu oft an Beerdigungen von berühmten Künstlern», sagt Victor. Er plustert sich auf und macht es nach: «Kurz vor seinem Tod hat er sich noch so über das Erscheinen meines neuen Buches gefreut, das ihr in jeder Buchhandlung kaufen könnt – und ich lese jetzt gleich einen Ausschnitt vor, der ihn besonders berührt hat ...»

Ich muss lachen, ich weiss genau, was er meint. Dann werden wir wieder ernst. Wir erzählen einander die Geschichten nach, die wir verpasst haben, wir lernen andere Seiten unserer Freunde, unserer Freundin kennen, Erfahrungen, die sie gesammelt haben, bevor wir sie kannten. Dinge, die wir nicht wussten.

Freundschaften überdauern den Tod

In Victors toltekischer Tradition ist die Freundschaft mit das Einzige, das den Tod überdauert: Freundschaften, Lieder und der Duft von Blumen. Ein gelungenes Leben zeigt sich nicht in Lobreden, nicht mal in der Anzahl der Trauernden. Es ist schon gar nicht wichtig, wie viel Geld jemand hinterlässt oder wie viele Menschen seinen Namen kennen.

Was für eine tröstliche Vorstellung! Sind echte Freunde da, werden Lieder gesungen, blühen Blumen, dann ist das Leben gelungen. Bis in den Tod und über ihn hinaus.

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