Darum gehts
- Techmilliardäre streben nach ewigem Leben durch teure Methoden und Technologien
- Victor überlebte in zwölf Jahren unzählige Krankheiten dank Lebensfreude und Resilienz
- Er lebt für Kunst, Freunde, Blumen, Katzen und gemeinsame Reisen
Als Victor sich von seiner letzten Gesundheitskrise erholte, lagen wir zusammen auf dem Bett und schauten uns Katzenvideos an. Die immer langwierige und frustrierende Rekonvaleszenz fordert Ablenkung.
Doch plötzlich tauchte statt süsser Katzenbabys eines dieser ausgemergelten, glatt geschmirgelten Gesichter auf dem Bildschirm auf. Ein drahtiger Mann gab uns in etwas gehetztem Ton einen detaillierten Bericht über die bakterielle Zusammensetzung seiner Darmschleimhaut.
Vor Schreck klappten wir gleich den Laptop zu. Das musste einer dieser Longevity-Päpste sein, von denen es hier nur so wimmelt. Man kann ihnen nicht ausweichen. All die Techmilliardäre scheinen nur noch eins zu wollen: den Tod auszutricksen. Oder ihn wenigstens zu bestechen.
Die Sehnsucht nach dem Unkäuflichen
Sie quälen sich mit Methoden, die früher armen Menschen vorbehalten waren: strikte Nahrungsbeschränkung, Baden im eiskalten Wasser, Tee ohne Teebeutel und Suppe aus selbst angebautem Grüngras. Dafür bezahlen sie sehr viel Geld, auch für die Wundermittel, die sie einnehmen, die Technologie, mit der sie zum Beispiel ihre Darmschleimhaut überprüfen, die Überdruckkammern und die Eissaunas und was auch immer.
Diese Männer, die sich alles kaufen können, wollen verzweifelt etwas, was man nicht kaufen kann: ewiges Leben. Noch besser: ewige Jugend.
Nur, warum?
Immer eine gute Frage. Kleine Kinder stellen sie ununterbrochen, und wir verlieren nach 20 Minuten oder zwei Stunden die Nerven, weil die Frage nicht nur wichtig ist, sondern auch anstrengend. Und nicht immer angenehm zu beantworten.
Die Sängerin Billie Eilish stellte sie letztes Jahr während einer Preisverleihung, in einem Raum voller Techmilliardäre.
«Falls du Milliardär bist, warum bist du Milliardär?» Gute Frage, denn mit rechten Dingen kann das nicht zugehen. Der Begriff «centi-billionaire», also hundertfacher Milliardär, den ich neulich gelesen habe, bezog sich auf einen Geschäftsmann, der vor allem dafür berühmt ist, dass seine Angestellten während der Arbeitszeit noch nicht mal die Toilette benutzen dürfen.
Victors Über-Lebenslust
Warum wollen diese Leute ewig leben? Um noch mehr Geld anzuhäufen? Oder einfach, um zu beweisen, dass sie stärker sind als der Tod oder auf jeden Fall reicher?
«Die sollten besser mal dich untersuchen», sagte ich zu Victor. Und ich meinte das ganz ernst. Wie viele Ärzte haben ihm schon eine sehr begrenzte Lebensdauer prognostiziert? Wie oft hat die KI seiner Krankenkasse schon entschieden, er brauche keine medizinischen Eingriffe mehr, weil er ohnehin bald sterben werde?
«Niemand weiss, warum er überhaupt noch lebt», warnte mich eine befreundete Ärztin zu Beginn unserer Beziehung. Das ist unterdessen auch schon wieder zwölf Jahre her. In dieser Zeit hat Victor unzählige Blutvergiftungen und Lungenentzündungen überlebt, Herzoperationen, Augenkrebs, eine Hirnblutung, diverse Unfälle im Atelier. Und vermutlich vergesse ich die Hälfte, denn das tut er auch, und das ist meiner Beobachtung nach das Geheimnis seiner Über-Lebenslust: Er schüttelt die schlimmen Erfahrungen ab wie ein Vogel das Wasser aus den Flügelfedern.
Er ist nicht reich, er ist nicht fit, er kann keine schweren Hanteln stemmen und keine Berge mehr erklimmen. Er sieht auch nicht aus, als habe ihn das Leben nie berührt. Aber die Frage, warum er so gern lebt, die kann er beantworten: «Ich hab noch so viele Bilder in mir, die gemalt werden wollen.» Er will kochen, er will Freunde bewirten, er will Musik machen. Er will die Blumen blühen sehen, die er gepflanzt hat. Er will mit den Katzen spielen. Er will mit mir die Küste hochfahren und am schönsten Ort aussteigen.
Die Liste nimmt gar kein Ende.